Werbinich : Blicke in eine fremde Welt

Wie fühlt man sich als Heimatloser? Ein Schülerprojekt soll Interesse wecken

Philipp Lichterbeck

„Stellt euch vor“, ruft Fabian Hickethier den Schülern zu, „morgen wird Berlin angegriffen und ihr müsst flüchten“. Für die Schüler des Erich-Hoepner-Gymnasiums in Charlottenburg sind solche Szenarien weit weg, sie zucken mit den Achseln. Fabian Hickethier bohrt weiter: „Für viele Menschen ist Flucht kein Gedankenspiel, sondern Wirklichkeit. Einige der Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Wie gehen wir mit ihnen um?“

Die Gymnasiasten regen sich. Eine 14-Jährige sagt: „Es ist okay, die Leute in Bruchbuden zu stecken. Die sollen froh sein, dass sie noch am Leben sind.“ Die 17-jährige Kamilla erwidert: „Das ist doch hirnrissig. Wenn jemand eine schlimme Vergangenheit hat, dann muss man ihn doch nicht schlecht behandeln.“ Die anderen Schüler nicken, die 14-Jährige schaut erschrocken.

Es ist Projektwoche in der Erich-Hoepner-Schule. Diesmal ist auch Fabian Hickethier dabei mit seinem Projekt „Sichtbar werden – Fünf Menschen und das Recht auf Aufenthalt“. Elf Mädchen und vier Jungs aus unterschiedlichen Klassen machen mit. Hickethier ist 29 Jahre alt und Grafikdesigner. Er glaubt, dass viele Menschen in Deutschland keine Ahnung haben von den „entwürdigenden Prozeduren“, denen Flüchtlinge ausgesetzt sind.

Deshalb spricht er seit Anfang des Jahres mit Berliner Schülern über fünf illegale Flüchtlinge, die er kennen gelernt hat. In einem Dutzend Schulen war er bereits und hat versucht, Jugendlichen die komplexe Ausländergesetzgebung nahe zu bringen und die Unterschiede zwischen Asyl, Duldung, Aufenthaltsgenehmigung und Visum zu erklären. „Ich will Verständnis für die so genannten Illegalen wecken“, sagt Hickethier. Sein Projekt wird vom Bundesfamilienministerium unterstützt. Jeder Lehrer ab der achten Klasse aufwärts kann ihn in den Unterricht einladen – kostenlos.

An den Wänden des Klassenraums hat Hickethier Plakate aufgehängt. Darauf sind Szenen aus dem Leben der Illegalen abgebildet. „Das da ist eine Abschiebung“, sagt der 15-jährige Felix. „Aus meiner Klasse wurde auch mal einer abgeschoben.“ Felix deutet auf ein Plakat, auf dem eine schwarze Frau zwischen zwei klobigen Männern in einem Flugzeug sitzt. Die Frau trägt Handschellen. „Ist es wirklich notwendig, die Leute so zu demütigen?“, fragt er.

Das Plakat zeigt die Abschiebung der 30-jährigen Schneiderin Efia aus Ghana. Sie kam ohne Papiere nach Berlin. Dann wurde sie festgenommen. Zwei Abschiebeversuche scheiterten, weil Passagiere sich beim Piloten darüber beschwerten, dass Efia mit Gewalt an Bord festgehalten wurde. Daraufhin wurde sie 13 Monate in Abschiebehaft gesteckt. Felix sagt: „Das mit der Haft ist doch Scheiße. Wenn man die Leute wie Kriminelle hält, obwohl sie gar nichts verbrochen haben.“ Hickethier stellt Fragen, die zum Alltag der Illegalen gehören. Schätzungsweise 100000 leben in Berlin. „Hattet ihr jemals Angst vor der Polizei?“ Die Jugendlichen schütteln stumm die Köpfe. Es schließt sich eine etwas wirre Diskussion über Rechtsradikale an.

Dann verteilt Hickethier Hefte, in denen die Illegalen in eigenen Worten von ihrem Leben erzählen. Die Schüler lesen die Texte interessiert und ungläubig. Martina aus Ecuador kam nach Deutschland, „um Party zu machen“; der russische Lette Alexeji, weil er aus der Fremdenlegion desertiert war. Am meisten bewegt sie, was die 28-jährige Sonja erlebt hat. Als der Krieg in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina tobte, kam die Studentin nach Eberswalde – und verliebte sich. Bei ihrem letzten Besuch blieb sie länger, als es ihr Touristenvisum erlaubte. Sie hat ihren Freund geheiratet, damit sie bleiben darf. Doch das Paar musste beweisen, dass es nicht in Scheinehe lebt. Die Beamten der Ausländerbehörde machten Hausdurchsuchungen, prüften beispielsweise, ob zwei Zahnbürsten im Bad stehen. Kamilla fragt: „Bei Deutschen wird doch auch nicht geprüft, wie gut die Ehe funktioniert, oder?“ Die anderen kichern.

Zum Schluss macht Hickethier mit den Schülern ein Spiel: Er teilt den Klassenraum in fünf Kontinente ein. Die Schüler sollen ihre Stühle so verteilen, dass dort die meisten stehen, wo am meisten Reichtum herrscht. Das klappt einigermaßen. In Europa und Nordamerika stehen viele Stühle, in Asien zwei und in Afrika nur einer. Jetzt sollen sie sich so auf die Stühle verteilen, wie sich die Flüchtlinge auf der Welt verteilen. Die Mehrzahl der Schüler stellt sich nach Europa und Nordamerika. Hickethier korrigiert sie. Die meisten Flüchtlinge gibt es in Asien und Afrika. Sieben Schüler versuchen, sich auf die zwei asiatischen Stühle zu quetschen. Einige fallen herunter, andere kommen gar nicht erst rauf. Wie sie sich fühlen, will Hickethier wissen. „Irgendwie zwischen allen Stühlen“, antworten die Jugendlichen.

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