Werbinich : Detektive im Klassenzimmer

Marzahner Schüler haben das Leben des Judenretters Wallenberg erforscht Das Ergebnis ist nun in einer Ausstellung zu sehen

Paul Dalg

„Kennen sie Raoul Wallenberg?“ Kaum einer kennt den Mann, der Tausenden Juden das Leben rettete. Das wurde Stephanie Schneider und Josephine Krebs schnell klar, als sie im Rahmen einer Projektarbeit Anwohner der Raoul-Wallenberg-Straße in Marzahn befragten. Dagegen wollen wir etwas tun, beschlossen die Schülerinnen und legten los.

Sie dachten an eine Fotoreportage über die Straße, mittlerweile ist daraus eine europaweite Recherche geworden. Insgesamt acht Schüler der Rudolf-Virchow-Oberschule aus Marzahn waren sowohl in Stockholm, Budapest als auch in mehreren Konzentrationslagern unterwegs, immer auf den Spuren Wallenbergs. Ihre Ergebnisse präsentieren sie nun im Rahmen des Jugendforums „denkmal ’07“ im Abgeordnetenhaus. „Ich war zunächst nicht so richtig überzeugt davon“, sagt Thomas Greeske, einer der Lehrer, der das Projekt betreut, „auch ich hatte keine Vorstellung, wer Wallenberg eigentlich war.“

Als Sohn einer der reichsten Bankiers- und Unternehmersfamilien Schwedens wäre Raoul Wallenberg wahrscheinlich von allen Wirren des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben. Aber er entschied sich gegen ein ruhiges Leben. Als schwedischer Diplomat stellte er in Budapest ungarischen Juden sogenannte „Schutzpässe“ aus. Diese Dokumente befreiten sie davon, den Davidstern tragen zu müssen und boten einen gewissen Schutz vor der Deportation durch die Nazis. Als sich die politische Lage in Ungarn gefährlich zuspitzte und die Pässe wertlos wurden, rettete Wallenberg viele, indem er deutsche und ungarische Behörden bestach. Rund 100 000 Juden, schätzt man, wären ohne seine Hilfe ermordet worden. Wallenberg selbst war kein Jude.

„Das ist für mich das Faszinierendste“, sagt Max Bohne, einer der Schüler, „dass jemand, der vom Krieg eigentlich nicht direkt betroffen gewesen wäre, sich so aufgeopfert hat“. Über 20 Bücher über Wallenberg hat er bereits gelesen. Längst ist es für ihn und seine Mitschüler mehr als ein Schulprojekt. Die Jugendlichen sind mit dem Herzen dabei, nicht wegen der Noten. Sie treffen sich außerhalb der Schule, diskutieren, recherchieren in der Fachliteratur. Raoul Wallenbergs Ende ist weitgehend ungeklärt. Fest steht, dass er beim Einmarsch der Roten Armee festgenommen wurde, man verdächtigte ihn, ein Spion zu sein. Im Gefängnis verliert sich schließlich seine Spur.

Bei einem Treffen der Überlebenden des Konzentrationslagers Sachsenhausen sprachen die Schülerinnen Nicole Püschel und Jeanne Vogt mit zwei ungarische Zeitzeugen. Sie befragen auch Baruch Tenenbaum von der International Raoul-Wallenberg-Foundation und Nina Lagergren, Wallenbergs Halbschwester. Die Reisen nach Budapest und Stockholm finanzierten die Jugendlichen zum größten Teil dadurch, dass sie bei Schulfesten Kuchen verkauften. Die Schüler der ungarischen Partnerschule waren zunächst erstaunt und skeptisch, dass deutsche Jugendliche mit so viel Engagement in der Geschichte forschen. Nach und nach wurden auch sie von der Begeisterung infiziert.

Das Endergebnis der knapp zweijährigen Arbeit kann sich sehen lassen: Die acht Schüler haben sich auf unterschiedlichste Art künstlerisch mit dem Thema und der Person Raoul Wallenberg auseinandergesetzt, was auch im Abitur eine Rolle spielen wird. Dabei herausgekommen sind nicht nur je 30 Seiten Seminararbeit, sondern auch Modelle für Denkmäler, eine Videopräsentation zum Thema „Widerstand“ und eine „Blackbox“, in der man Zeitzeugen sprechen hört.

Dem Kunstlehrer Thomas Greeske sieht man an, wie stolz er auf seine Schüler ist. „Ich hatte bei dem Ganzen nur eine beratende, organisatorische Funktion. Eine unglaubliche Leistung der Schüler, vor allem, wenn man die Dimension hinter dieser Ausstellung sieht.“ Zusammen mit der ungarischen Partnerschule veranstalten die Schüler heute ab 11 Uhr im Abgeordnetenhaus (Niederkirchnerstr. 5) eine Vernissage, zu der auch Zeitzeugen kommen werden.

Werden die Schüler nach diesem Mammutprojekt wieder zum normalen Alltag übergehen? Nicole Püschel hat darauf eine eindeutige Antwort: „Als letzte Generation, die mit diesen Zeitzeugen sprechen konnte, haben wir auch irgendwie eine Verpflichtung, das, was diese Menschen erfahren haben, weiterzugeben.“ Dann fügt sie an: „Nach den Interviews waren die eigenen täglichen Probleme plötzlich mickrig klein.“ Es ist Schule in ihrer besten Form: Die Schüler nehmen etwas mit, fürs Leben.

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