Werbinich : Die Pause danach Großes erwarten Bis 2009 denken Balance finden Linien verlassen Teilchen ansehen

Sie haben die letzte Prüfung geschafft und sind frei. Was jetzt? Berliner Abiturienten über ihre Zukunft

Friederike Ludewig

In dem Augenblick, in dem man endlich das Abizeugnis in der Hand hat, wird die Gegenwart zur Vergangenheit – 13 Jahre Schule sind vorbei. Einfach so. Wir lassen alle etwas hinter uns, das seit der Kindheit unseren Alltag bestimmt hat. Ungerechte Lehrer und den Blödmann aus der Parallelklasse, aber auch den netten Deutschlehrer und die Freunde. Den Geruch von nassen Schwämmen, Kreide und Bohnerwachs. Die museumsreifen Rechner im Computerraum. Alles verändert sich. Aber darin liegt nicht das Neue. Sondern es liegt darin, dass wir uns aussuchen können, wie diese Veränderung aussieht. Man ist sozusagen an der ersten großen Kreuzung in seinem Leben angelangt. Bisher ist immer alles sehr nach Plan verlaufen, genau so, wie vom Bildungssystem vorgeschrieben. Von der Grundschule auf die Oberschule, wo erst Sekundarstufe eins und dann Sekundarstufe zwei mit abschließendem Abitur absolviert werden mussten. Man lief immer an dieser gezogenen Linie entlang. Manchmal rannte man auch zu schnell. Nun ist diese Linie zu Ende. Klar, das wussten wir vorher, aber überraschend ist es doch. Jetzt haben wir die Freiheit, selber zu bestimmen, in welche Richtung wir gehen wollen. Es ist der Moment, in dem man die Möglichkeit bekommt, Pläne zu verwirklichen und dadurch sein Leben zu formen. Die Verantwortung, die mit der Freiheit kommt, ist groß. Denn die Entscheidung, die jetzt getroffen werden muss, bestimmt die nächsten Jahre und in denen werden Grundsteine für das ganze Leben gelegt. Je weniger konkret die eigenen Pläne, desto mehr wird diese Verantwortung zur Last. Denn: Woher soll man wissen, welches der richtige Weg ist. Wirklich helfen können einem Eltern und Lehrer bei diesen Entscheidungen nicht. Vielleicht ist jetzt die Zeit, herumzuprobieren und auszuschlafen, zu feiern und von der Zukunft zu träumen. Nur kein Stress.

Mit dem Abitur fertig zu sein ist auf jeden Fall ein positives Gefühl, weil das Ende der Schulzeit ja auch Chancen mit sich bringt. Eigentlich wollte ich ein Praktikum beim Fotografen machen, jetzt denke ich auch darüber nach zu studieren. Wenn, dann irgendetwas Sozialwissenschaftliches. Im Moment schlage ich mich noch mit der Entscheidung herum. Die Entscheidung liegt sozusagen zwischen dem, was ich mir erträume, und dem, was rentabel ist. Wirtschaftlich gesehen, wäre es vielleicht besser, jetzt mit dem Studium anzufangen und in drei Jahren fertig zu sein. Ich würde nämlich einen Bachelor-Studiengang machen, der dauert nicht so lange wie ein Diplomstudiengang. Aber auf der anderen Seite will man ja auch seine Träume verwirklichen. Ein Jahr beim Fotografen würde mir schon Spaß machen. Aber ich denk’ mir auch, dass eh nicht alles so kommt, wie man sich das so vorstellt. Weiter als für die nächsten drei Jahre kann man sowieso nicht planen. Man ändert sich selbst ja auch ständig und mit einem selbst ändern sich die Pläne. Von daher ist die Zukunft sehr unkalkulierbar. Man sieht das ja an den Lebensläufen von anderen, da gibt es auch keine gerade Linie, sondern alles scheint eher zusammengewürfelt. Das ist aber nicht schlimm. Sogar ganz gut eigentlich. Alles andere wäre langweilig.

Henrike (19), Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Pankow, NC: 2,4, Hassfach: Mathe

Also, was die Zukunft betrifft, lehrt die Geschichte einen ja, dass Planen nicht so viel Sinn macht. Die Planwirtschaft hat jedenfalls nicht funktioniert. Das zeigt doch, dass man spontan Änderungen vornehmen können muss. Ich würde sagen, es ist naiv zu denken, es klappt alles genau so, wie man es sich vorstellt. Aber man sollte natürlich trotzdem eine gewisse Richtung haben, die man verfolgt, man kann ja nicht völlig ziellos umherirren. Mit dem nächsten Wintersemester will ich anfangen zu studieren. Ich weiß aber noch nicht, ob an der Technischen Universität oder an der Technischen Fachhochschule. Ich bin mir nicht sicher, welches der bessere Weg ist. Wir werden an der Schule viel zu wenig über die Studienzeit informiert. Die Verknüpfung zwischen Gymnasium und Universität fehlt, man ist da ziemlich auf sich allein gestellt. Da sollte sich was ändern. An der TU würde ich Ingenieur für technischen Umweltschutz studieren, an der TFH Wirtschaftsingenieur mit dem Schwerpunkt Umweltmanagement. Dann bin ich jemand, der was konstruiert und gleichzeitig jemand, der den ökologischen Gedanken verfolgt. Der Gedanke an die Zukunft verunsichert einen aber auch. Ich weiß nicht genau, was mich erwartet. In der Schule verlief immer alles sehr geplant. Die Schule war immer so etwas wie eine hütende Hand und dazu gab es den Lehrer, der hinter einem stand. Jetzt braucht man mehr Selbstdisziplin. Alle Regeln fallen weg. Das ist natürlich gut, um das Leben zu lernen. Man kann sich ja nicht immer auf andere verlassen. Man muss sich selbst Limits setzen und sich fördern. Auf jeden Fall möchte ich in Berlin bleiben. Wenn ich schon so einen großen Schritt mache, möchte ich mein Umfeld beibehalten. Außerdem gefällt es mir zu Hause.

Oliver (19), Friedrich-List-Oberschule, Pankow, NC: 2,9, Hassfach: Latein

Zwar ist man stolz, das Abitur so gut geschafft zu haben und weiß es zu schätzen, dass die anstrengende Zeit vorbei ist, aber es ist auch traurig, weil man die Leute aus der Schule nicht mehr sieht, viele Verbindungen wurden ja vor allem durch die Schule aufrechterhalten. Man lernt zwar auch viele Menschen beim Studium kennen, besonders in der ersten Zeit. Das wird bestimmt interessant. Aber dann wird es lange dauern, bis man wieder Freundschaften aufgebaut hat, so was braucht Jahre, um sich zu entwickeln. An der Uni ist es ja auch noch was anderes als in der Schule, da muss man noch mehr Eigeninitiative ergreifen. Natürlich freue ich mich aufs Studium. Es ist aber auch ein wenig beunruhigend. Man wird sich jetzt auf ganz neue Umstände einstellen müssen. Man weiß, das man jetzt erwachsen werden muss. Was meine Zukunft betrifft, würde ich sagen, kann ich nur bis etwa 2009 denken. Was nach dem Studium kommt, ist schwer einschätzbar. Man kennt ja auch die Arbeitsmarktsituation von 2009 nicht. Ich werde zwar Psychologie studieren, aber ich werd’ mir jetzt nicht vornehmen, später genau diese oder jene Richtung einzuschlagen. Erst mal sehen, was gebraucht wird. Aber auch, was am meisten Spaß macht.

Christina (19), Friedrich-List-Oberschule, Pankow, NC 1,6, Hassfach: Chemie

Erst mal fühl ich mich erleichtert, das Abitur hinter mir zu haben, denn ich habe was geschafft und muss mich jetzt nicht mehr wegen der Prüfungen verrückt machen. Aber was als Nächstes kommt, wird wie ein Sprung ins kalte Wasser sein. Das macht mir Magenkribbeln. Ich kann nicht richtig einschätzen, was auf mich zukommt. Ich weiß schon so ungefähr, wie es bei mir weitergehen soll. Aber es gibt einfach so viele Möglichkeiten, da fällt es mir unendlich schwer, mich zu entscheiden. Auf jeden Fall möchte ich einen Bachelorstudiengang machen. Die sind ja sehr international. Das finde ich wichtig. Wenn ich hier keine Arbeit finden sollte, kann ich ja immer noch ins Ausland. Man muss da viel flexibler sein als die Abiturienten noch vor einigen Jahren. Deshalb sind Fremdsprachen auch so wichtig. Ich hab mir überlegt, dass ich Interkulturelle Kommunikation studieren könnte. Auf der anderen Seite würde ich aber auch wirklich gerne unterrichten. Hm. Vielleicht gehe ins Ausland, um dort als Deutsch- oder Englischlehrerin zu arbeiten. Wenn, dann würde ich in ein spanischsprachiges Land gehen, vielleicht sogar nach Südamerika. Wichtig ist bei allem, dass freie Zeit für meine Interessen bleibt, und dafür, dass man das Leben genießen kann. Wenn ich an der Uni bin, will ich dem Chor beitreten und Unisport machen. Man kann nicht nur studieren.

Anne-Maria (18), Rosa-Luxemburg-Oberschule Pankow, NC: 2.4, Hassfach: Physik

Ich freu’ mich auf die Zukunft. Jetzt brauch ich nämlich nicht mehr zu machen, was alle mir vorschreiben wollen, sondern kann mich völlig meinen Interessen widmen, mich sozusagen frei entfalten. Und das ist für jeden Menschen doch ein Grundbedürfnis. Ich möchte mich auf Physik und Mathe spezialisieren, und solche Sachen wie Deutsch und Geschichte rücken dann erst mal in den Hintergrund, was nicht unbedingt traurig ist. Ab nächstem Herbst fang ich eine Ausbildung als technischer Assistent für Metallografie und physikalische Werkstoffanalyse an. Damit kann man dann zum Beispiel in die Spurensicherung beim Kriminalamt gehen – spannend! Was die Zukunft betrifft, würde ich sagen, hängt sie immer ganz allein von einem selbst ab. Denn man hat immer die Wahl, bei allem was man tut, und bei allem, was einem passiert. Man trifft selbst die Entscheidung. Wenn einem ein Missgeschick passiert, ist man selbst dafür verantwortlich, was daraus wird. Man kann zum Beispiel resignieren oder, wenn man schlau ist, kann man es als wertvolle Erfahrung verbuchen. Wenn man ein Ziel hat und einem von irgendwem Stolpersteine in den Weg gelegt werden, kann man ja auch ganz geschickt um die Steine herumlaufen und im Endeffekt kommt man dann auch über Umwege genauso gut an das Ziel. Vielleicht hat Erwachsenwerden viel mehr mit Physik zu tun, als alle denken. Das ist fast so ähnlich wie bei der Quantenphysik: Ein Teilchen muss von A nach B, aber es kann verschiedene Wege gehen, um nach B zu gelangen. Und von daher ist jeder Weg, der mich zu meinem Ziel, also B, führt, letztendlich der richtige Weg. Denn wenn ich an meinem Ziel angekommen bin, bin ich hoffentlich glücklich und das heißt, ich habe sehr wahrscheinlich auch das Richtige gemacht. Kein schlechtes Gefühl.

Sebastian (19) Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, Pankow, NC: 3.0, Hassfach: Kunst

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben