Werbinich : Die rote Julia und der Pizza-Sozialismus

Sie ist 18 und sitzt für die PDS im sächsischen Landtag. Was bewegt unsere jüngste Berufspolitikerin?

David Denk[Dresden]

Eigentlich wollte ich unbedingt mal nachsehen, ob Julia Bonk zu Hause Hanfpflanzen züchtet. Die Freigabe von Cannabis sei „das Mindeste, weil es weder abhängig macht noch gefährlich ist“ – so hat sie nämlich das Magazin „Focus“ zitiert. Doch Julia Bonk sagt, so habe sie das nie gesagt. „So dreist war eigentlich noch keiner“, sagt Julia. Sie meint mich damit und schlägt einen neutralen Treffpunkt vor: eine Kneipe im Dresdner Studentenviertel Neustadt. Sie wohnt gleich um die Ecke. Der Laden heißt „Planwirtschaft“. Ausgerechnet: Julia Bonk sitzt für die PDS im sächsischen Landtag.

„Das schönste Gesicht des Sozialismus“, nannte die Tageszeitung „Neues Deutschland“ die parteilose 18-Jährige nach ihrer Wahl am 19. September. Auch die Grünen wollten sie auf ihre Liste setzen, doch Julia Bonk sagt, ihr sei das Wahlprogramm der PDS „irgendwie sympathischer“ gewesen. In die Partei eingetreten ist sie allerdings immer noch nicht. „Ich hatte immer so eine grundsätzliche Kritik an Parteien, an ihrer teilweise intransparenten und stark hierarchisierten Arbeitsweise“, sagt sie. „Der Punkt ist aber, dass meine eigene Argumentation langsam brüchig wird, weil, wenn ich das kritisiere, müsste ich ja eigentlich in die Partei reingehen und daran arbeiten, dass das anders wird.“

Jetzt muss Julia, die jüngste Berufspolitikerin Deutschlands, erst mal telefonieren. Ein Fernsehteam will mal wieder einen Beitrag über sie drehen. Kürzlich war sie in der Talkshow von Johannes B. Kerner zu Gast und hat mit Walter Momper, dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin, und dem „Sonnenallee“-Erfinder Thomas Brussig über die Wende 1989 geredet – obwohl Julia 1989 gerade erst drei Jahre alt war.

Dass sie inwischen ziemlich bekannt ist, liegt nicht nur daran, dass sie so jung ist und diese feuerroten Haare hat, sondern vor allem an der Konsequenz, mit der sie beides in Szene setzt. „Schöner Leben ohne Nazis“, stand auf dem T-Shirt, das sie während ihrer ersten Landtagssitzung getragen hat und dem sie ihre erste Rede vor den Anzugträgern und Kostümträgerinnen im Plenum verdankt.

Denn die NPD, die in Sachsen ganze 9,2 Prozent der Wählerstimmen erhielt, stieß daraufhin die Debatte „Schöner Leben ohne Drogen“ an. Das sei eine reine Retourkutsche auf ihr T-Shirt gewesen, sagt Julia. Klar, dass sie das nicht auf sich sitzen lässt und ihre Position verteidigt. In ihrer zweiten Rede durfte die Drogenbeauftragte wider Willen dann aber zum Glück endlich über das Thema reden, das ihr eigentlich am Herzen liegt: die sächsische Schulpolitik.

Beim langhaarigen Heavy-Metal-Kellner bestellt Julia einen Milchkaffee mit Karamell und echter Schlagsahne. „Sprühsahne enthält sinnlose Kalorien“, kommentiert sie. „Man isst zwar Kalorien, aber es schmeckt nicht.“ So ähnlich effizient wie die Kalorien teilt sich Julia, die sich schon als Schülerin politisch engagiert hat, auch ihre Zeit ein. „Es darf alles gerne länger dauern, aber es muss seinen Sinn haben. Sonst werde ich hibbelig.“ Sie versichert aber, dass sie sich „auch gezielt entspannen“ kann. Doch sogar dafür bleibt im Moment wenig Zeit. Keine Zeit zu haben ist ein Dauerzustand in Julias Leben.

Alles begann am 9. November 1999. An diesem Tag, exakt zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, hat ein 15-Jähriger am Franziskanum in Meißen mit 22 Messerstichen seine Deutschlehrerin getötet. „Danach haben wir angefangen, über Schule zu diskutieren“, sagt Julia. „Wir dachten, man müsste die Bedingungen verändern, in denen Leute leben, damit man besser aufeinander eingehen kann und weniger Aggression entsteht.“ Da war Julia 13.

„Als ich jetzt mit der Schule fertig war, ist mir klar geworden, dass ich immer selbstverständlich vormittags in die Schule gegangen bin und nachmittags dauernd Termine hatte. Das war halt so, das war das, was ich machen wollte.“ So hat sie sich die Politik erarbeitet.

Julia hat nur die Bühne gewechselt. Früher das ehrenamtliche Engagement als Klassen-, später Schülersprecherin, in der Landesschülervertretung, bei Vorstandssitzungen, Arbeitstreffen und auf Demos, heute Fraktions-, Arbeitskreis- und Plenarsitzungen sowie allerlei Termine – für satte 4283 Euro Grunddiät. Damit hebt sie sich von ihren ehemaligen Mitschülern und anderen Gleichaltrigen ab, die Julia deswegen nach eigenen Angaben gerne und oft davon profitieren lässt: „Das ist Sozialismus. Diejenigen, die haben, sollen die anderen einladen. Darüber denke ich auch nicht weiter nach.“ Sie erzählt, wie sie neulich Jugendliche im erzgebirgischen Gehringswalde auf eine Pizza eingeladen hat. „Ich erwarte ja deswegen nicht, dass die alle meine Freunde sind“, antwortet Julia auf meine Frage, ob das nicht ein bisschen billig sei, sich mit einer Pizza einzuschleimen.

Es ist offenbar nicht leicht, heutzutage Sozialist zu sein – schon gar nicht in der Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die einst die DDR regierte. Sonst würde Julia sich nicht vorsorglich für ihre Entscheidung zugunsten der PDS rechtfertigen. „Ich finde den Vorwurf, der der PDS gemacht wird, von wegen Vorzeige-junge-Leute, um die alte Partei zu verschleiern, völlig sinnlos“, sagt sie. „Die PDS hat einfach nur zehn Leute unter 35 auf die Liste gesetzt.“

Außer ihrem politischen Engagement und dem Kontostand unterscheidet Julia noch etwas anderes von Gleichaltrigen. Die können nämlich nach dem Abi erst mal ihre Freiheit genießen und verreisen, tagsüber nichts tun und abends tanzen gehen. „Es ist nicht so, dass ich meine Jugend nicht leben würde“, sagt Julia, „aber natürlich muss ich mich in gewisser Weise anpassen. Ich kann in den nächsten fünf Jahren nicht einfach so weggehen.“ Noch nicht mal einfach so studieren kann sie, versucht es aber trotzdem. Seit dem Wintersemester ist sie in ihrer Heimatstadt Dresden für Politikwissenschaft und Geschichte eingeschrieben. „Ich hab’ halt rausgesucht, welche Scheine ich brauche, was ich machen muss und in welcher Reihenfolge und genau zu den Veranstaltungen gehe ich. Und selbst so wird’s schon schwierig, dass keine Termine kollidieren.“

Allmählich verstehe ich, warum „Der Punkt ist …“ ihre liebste Redewendung ist, denn genau darum gehts in Julias Leben – um Effizienz, und zwar nicht nur in der Politik. „Ich hasse Filme, Romane, jede Art von Geschichte, die ein offenes Ende hat. Ich kann meine Fantasie anstrengen, aber ich kann auch einfach mal ordentlich ’ne Geschichte erzählt bekommen. Schließlich investiere ich meine Lebenszeit.“ Dann schon lieber ein Abendessen mit Freunden oder ein Spaziergang mit ihrem Freund.

Ihrem Freund? Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, als Julia plötzlich diesen Mann erwähnt, mit dem sie seit drei Monaten zusammen ist. Schließlich hat sie sich doch aufgebrezelt, als hätten wir ein Date: schwarze Stiefel, kurzer Rock, durchscheinende weiße Bluse mit schwarzem Spaghettiträger-Top drunter. Und deswegen spiele ich mit dem Gedanken, hier und jetzt zu verraten, dass sie sich während unseres Gesprächs kurz entschuldigt hat, um mit ihrer Mutter zu telefonieren. „Das kommt ein bisschen komisch, aber meine Mutter wollte mit mir reden“, hat sie gesagt. So, als wäre ihr das peinlich.

Nach den fünf Jahren im Landtag kann sich Julia sehr gut vorstellen, als Bundestagsabgeordnete nach Berlin zu gehen. Aber dann würde sie wohl nicht mehr Julia sein, sondern selber Frau Bonk.

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