Werbinich : Die Scheidungskinder

Keisha und Heidi von den Sugababes über Essen aus der Mikrowelle, Weihnachten – und ihre Mütter

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Mütter sind toll. Sie sind liebevoll und fürsorglich. Allerdings können sie auch nerven. Wir haben mit Keisha Buchanan, 20, und Heidi Range, 21, von den Sugababes über das Verhältnis zu ihren Müttern gesprochen. Mutya Buena, das dritte Bandmitglied, sollte eigentlich auch in der Hotellobby des „Maritim“ nahe dem Potsdamer Platz sitzen, doch sie kämpft auf dem Zimmer gegen Übelkeit, sagt ihr Manager. Er zeigt Fotos von Mutya und ihrem fünf Monate alten Baby herum. In der Bar versinken Heidi und Keisha in braunen Ledersesseln. Keisha trägt Schwarz, Heidi Weiß. Eigentlich sind sie in Berlin, um ihr viertes Album „Taller In More Ways“ vorzustellen, das heute erscheint.

* * *

Heidi, Keisha, ihr beide seid von euren Müttern allein erzogen worden.

HEIDI: Sie ist die wichtigste Person meines Lebens. Als sich meine Eltern scheiden ließen, hat sie mich und meine Schwester allein durchgebracht. Ich war acht Jahre alt, und ich war froh, dass sich meine Eltern trennten. Wir sahen jeden Tag, dass sie sich nicht vertragen haben und litten darunter.

KEISHA: Meine Eltern waren nie verheiratet. Sie haben sich getrennt, als ich vier Jahre alt war. Danach habe ich meinen Vater nur noch an den Wochenenden gesehen. Wir sind weggezogen, um nicht so nah bei meinem Vater zu wohnen. Er versuchte mich auszufragen. Er wollte immer wissen, was meine Mutter gerade tat. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen, hin- und hergerissen zwischen ihm und meiner Mutter.

Was magst du an deiner Mutter, Keisha?

KEISHA: Ihre Verbissenheit. Wir waren mal obdachlos, kurz nachdem sich meine Eltern getrennt haben. Wir wohnten in einem Bed-and-Breakfast, dann bei Freunden. Obwohl sie es sehr schwer hatte, gab sie uns nie zur Adoption frei, wie es meine Großeltern, die in Jamaika lebten, verlangt hatten. Meine Mutter war nach England gekommen, um ein besseres Leben zu führen. Doch sie hat sich für uns – meinen Bruder und mich – entschieden. Und sie hat uns früh gelehrt, Verantwortung zu übernehmen.

Wie denn?

KEISHA: Meine Mutter hatte zwei Jobs, um uns ernähren zu können. Sie brachte meinem älteren Bruder bei, das Essen für uns in der Mikrowelle warm zu machen – da war er sechs, ich vier Jahre alt. Den Briefschlitz hat sie mit dickem Tesa zugeklebt, damit niemand hereinsehen konnte. Bevor sie wegging, schärfte sie uns ein, nie die Wohnungstür zu öffnen.

Hast du auch schöne Erinnerungen an die Zeit mit deiner Mutter?

KEISHA: Natürlich! Ich erinnere mich an Weihnachten, ich war fünf Jahre alt, wir waren völlig pleite. Aber als wir abends ins Zimmer kamen, lagen trotzdem Geschenke unter dem Baum. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das war das schönste Weihnachten, das ich je hatte.

Wann endete die Kindheit für dich?

KEISHA: Als ich 13 Jahre alt war. Auf einmal brach meine Mutter vor mir zusammen, sie weinte, in der Hand hielt sie die Rechnungen, die sie nicht mehr bezahlen konnte. Da musste ich plötzlich für sie da sein und sie beruhigen, sie halten.

HEIDI: Wir mussten nie so kämpfen, aber finanziell ging es uns auch nicht gut. Meine Mutter arbeitete als Sozialarbeiterin. Wir konnten es uns aber immer leisten, einmal im Jahr einen schönen Urlaub zu machen. Später bezahlte sie mir auch meine Tanzstunden. Meine Großmutter unterstützte uns. Sie arbeitete in einem Kaufhaus in der Lebensmittelabteilung. Abends brachte sie Essen vorbei, das am Ende des Tages billiger verkauft wurde.

Den ersten Plattenvertrag habt ihr im frühen Teenageralter unterschrieben.Wie haben eure Mütter reagiert?

KEISHA: Meine Mutter ist naiv, was das Geschäft betrifft. Als eine Firma Mutya und mich unter Vertrag nehmen wollte, hat sie einfach so zugestimmt. Damit wir nichts verpassen würden in der Schule, sollten wir offiziell Nachhilfe erhalten. InWirklichkeit waren wir nie da. Natürlich haben wir immer geschwänzt … Oh Gott, sorry, ich fühle mich auf einmal schlecht. (Sie hält sich den Bauch.)

HEIDI: Du auch? Ich hatte vorhin so ein merkwürdiges Gefühl im Magen.

Habt ihr etwas Komisches gegessen?

HEIDI: Die Cracker hier. (zeigt auf eine Schale mit Salzgebäck auf dem Tisch) Egal, machen wir weiter.

Wendest du dich oft an deine Mutter?

KEISHA: Das hört sich jetzt komisch an, aber seit ich 14 Jahre alt bin, arbeitet meine Mutter nicht mehr, sondern kümmert sich um mich. Nach der ersten Single „Overload“ vor fünf Jahren hatte ich lange Depressionen, und sie war da, um mich zu unterstützen. Sonst hätte ich das nicht ausgehalten. Neulich sprach sie davon, wieder ganztags zu arbeiten und fragte mich, ob ich das verkraften würde. Ich habe ihr gesagt, dass ich jetzt alt genug sei, um mich meinen Problemen zu stellen.

Warum wurdest du depressiv?

KEISHA: Ich war einfach nicht glücklich. Das lag an den Menschen, mit denen wir damals zusammen waren. Wir haben nach dem ersten Album auch die Plattenfirma gewechselt. Viele Fans denken, ich bin das Mädchen mit dem größten Selbstvertrauen in der Band – dabei bin ich ein echtes Sensibelchen.

Und dann hast du deine Mutter angerufen.

KEISHA: Ja, und sie ist mit uns herumgereist. Wenn ich nach Hause kam, sorgte sie dafür, dass alles für mich perfekt war. Sie hat mir den Rücken freigehalten und so den großen Druck verringert. Das hört sich jetzt bescheuert an, aber ich habe nie mein Zimmer putzen müssen. Sie hat alles für mich getan.

Heidi, du bist erst 2002 zur Band gestoßen. Wie war die Trennung von deiner Mutter für dich, als du nach London gezogen bist?

HEIDI: Anfangs habe ich in einem Hotel gewohnt. Mein Zimmer hieß offiziell „Last Resort“. Bett, Dusche, fertig. Wenn ich frei hatte, nahm ich den ersten Zug nach Liverpool und kam am nächsten Morgen nach London zurück. Zu Hause hat mich meine Mum erst mal verwöhnt.

Habt ihr heute noch bestimmte Rituale?

HEIDI: Vor dem Schlafengehen rufe ich sie an und wünsche ihr eine gute Nacht. Wir reden etwa zehn Mal am Tag miteinander. Immer wenn sie frei hat, kommt sie nach London. Ich glaube, sie denkt darüber nach, nach London zu ziehen. Sie hasst den Gedanken, dass ihre beiden Mädchen – meine Schwester und ich – in London leben und sie allein in Liverpool.

KEISHA: Ich rede auch täglich mit meiner Mutter, allerdings eher, wenn wir unterwegs sind und nicht in London. Aber sie meint, wir sollten nicht mehr so oft telefonieren. Sie denkt, ich bin zu abhängig von ihr.

HEIDI: Genau wie meine Mutter! Sie hat mir immer eingeschärft: Du darfst nie von jemandem abhängig sein. Das ist die Lektion ihres Lebens … Sorry, ich muss mal dringend verschwinden.

Keisha, worüber streitest du mit deiner Mutter?

KEISHA: Meine Mutter macht mich verrückt, wenn sie mich alle zehn Minuten fragt: Oh Keisha, hast du schon die Milch zurück in den Kühlschrank gestellt?

Will sie vielleicht Aufmerksamkeit?

KEISHA: Ja, wahrscheinlich. Gestern rief sie mich an und bat mich, ein Brot zu kaufen. Kurze Zeit später rief sie mich nochmal an, ich unterhielt mich aber gerade und konnte nicht abnehmen. Also versuchte sie es immer und immer wieder, bis ich ans Telefon ging und sagte: Mum, ich kaufe das Brot, keine Sorge!

Und wie hat Sie reagiert?

KEISHA: Sie fragte, ob ich ihr auch noch ein Video mitbringen könne.

(Heidi kommt zurück)

Wir haben gerade darüber gesprochen, dass oft schon kleine Dinge einen großen Streit mit der Mutter auslösen können.

HEIDI: Wir hatten nie Probleme, weil ich gesehen habe, wie der Ärger mit meiner drei Jahre älteren Schwester meine Mutter aufregte. Ich wollte sie nie verletzen.

KEISHA: (Sie hält sich den Bauch und atmet schwer.) Oh Gott, mir tut echt der Magen weh!

HEIDI: Genau das hatte ich eben auch. Du brauchst Wasser.

(Während der Interviewer ein Glas Wasser besorgt, läuft das Band weiter.)

KEISHA (lacht gequält): Was muss der Typ nur von uns denken!

(Interviewer kommt mit einem Glas Wasser zurück.)

KEISHA: Danke. Sorry, wo waren wir gerade? Ob wir rebelliert haben, richtig. Ich hatte nie das Gefühl, ich müsste das tun. Zu Hause konnte ich so lange aufbleiben wie ich wollte. Ich brachte nie Jungs mit nach Hause oder so.

Und was ist nun die typische Schwierigkeit einer Mutter-Tochter-Beziehung?

HEIDI: Wenn deine Mutter sagt, du sollst etwas nicht tun, du machst es trotzdem und es geht schief, dann sagt sie …

KEISHA: … hab ich doch gesagt!

HEIDI: Genau. Das nervt.

Das Gespräch führte Ulf Lippitz.

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