Drogenszene : Bahnhof Zoo: Ewige Endstation

Vor 30 Jahren erschien "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und machte die Berliner Heroinszene berühmt. Junge Fixer wie Sina treffen sich dort noch immer - alles, was zählt: der nächste Schuss.

Elena Senft
Bahnof_Zoo Foto: Ullstein
Schattenkinder. Keine Schule, keine Eltern -Foto: Ullstein

Junkies haben keine Zeit für Kaffeepausen. Deswegen will Sina keinen Kaffee und geht nur kurz zum weißen Kleinbus der „Treberhilfe“ und tauscht sieben Spritzen für sich und ihren Kumpel Jan. Für jede abgegebene gebrauchte Spritze gibt es eine neue. So will man dreckiges Spritzbesteck aus dem Verkehr ziehen. Jeden Montag um 20 Uhr steht der weiße Kleinbus der Treberhilfe hier, an der Jebensstraße, am Seiteneingang des Bahnhofs Zoo. Hier gibt es Kaffee, Kondome und sauberes Spritzbesteck.

Die hässliche Seite vom Bahnhof Zoo ist das schon damals gewesen. Weil sie düster und leise ist, weil man über Bierflaschen stolpert und manchmal auch Spritzen findet. Da, wo früher der Schwulenstrich war, der sich heute wenige Schritte entfernt vor dem Beate-Uhse-Shop befindet. Dort steigen dünne Jungs in Autos, manchmal für 30 Euro, oft auch nur für 20. Heute stehen an der Jebensstraße keine Stricher mehr, dafür ein Spritzenautomat. Für 50 Cent bekommt man zwei Spritzen, für einen Euro gibt es Ascorbinsäure und Wasser zum Auflösen des Heroins dazu. Viele entscheiden sich für die billige Variante und nehmen Wasser aus der Pfütze.

Sina heißt eigentlich anders, so wie alle Jugendlichen hier anders heißen wollen, wenn sie überhaupt sprechen. Vielleicht, weil die Eltern sie suchen, vielleicht auch eher die Polizei. „Vermisstenanzeigen gibt es hier selten“, sagt Ingo Tuchel, seit 15 Jahren Streetworker. Sina hat braune Haare, einen Mittelscheitel, aufgesprungene Lippen, eine kurze schwarze Jacke mit Fellkapuze. Die Spritzen verschwinden in einem Brustbeutel, der so aussieht wie die Brustbeutel, die Mütter einem für Klassenfahrten aufschwatzen wollten. Sie ist klein, zerbrechlich, weiß. Sie spricht deutlich und höflich, lacht auch zwischendurch, als Jan sie damit aufzieht, dass sie zu viel reden würde. Sie wirkt klar und einfach nur wie ein viel zu dünner Teenager, wären da nicht diese Augen, von denen man oft denkt, dass sie ein Junkie-Klischee seien: tiefe dunkle Höhlen, eine fahle, stumpfe Ausdruckslosigkeit und Pupillen, so klein wie Stecknadelköpfe. Sie sagt, sie sei 19. Sie sieht jünger aus.

„Die anderen hatten es mal mit einem sexuellen Höhepunkt verglichen. Ich wollte das, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, dass das der nächste Schritt in die totale Scheiße war“. So erzählt Christiane F., wie sie zum ersten Schuss kam. Sina nimmt seit vier Jahren „Braunes“, wie Heroin genannt wird. Es unterscheidet sich vom teureren weißen Heroin, das weniger verbreitet ist. Anfangs zog sie es durch die Nase, schnell dann durch die Spritze. Sie hatte den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in der Schule gesehen. Bei Sina bewirkte diese Abschreckungsmaßnahme das Gegenteil: „Wenn Leute bereit sind, sich jeden Tag Spritzen in den Arm zu stecken, dann muss das echt geil sein“, dachte sie. Sie fuhr nur drei Tage später zum Bahnhof Zoo. Ihr erstes Mal war warm und wattig. Sie fiel um, stand auf, musste lächeln und war glücklich. Es gab keine familiären Probleme mehr, keinen schulischen Druck, keine brandenburgische Kleinstadt, sie war unnahbar, stand über den Dingen. Sie lernte Leute kennen, fühlte sich dazugehörig. Leute, die nicht mit dem ewigen „Mach was aus deinem Leben!“ nervten, weil sie selber in der Scheiße steckten. Niemand mehr, der Fragen stellt.

„Da lagen Penner in ihrer Kotze, überall hingen Besoffene rum“, so beschrieb Christiane F. ihren ersten Eindruck vom Bahnhof Zoo. Heute gibt es hier Kameras und den Wachschutz. Die grünen, kloakenhaften Kacheln der Siebziger sieht man nur noch in wenigen Ecken. Die versifften Toiletten sind verschwunden, in hellen Passagen gibt es Blumen, Kosmetik und neue Frisuren. „Früher war hier Tristesse pur“, sagt Ingo Tuchel und geht zu seinem Kleinbus. Es stinkt nach Pisse. „Das hat sich seit ’78 zumindest nicht geändert.“

Nicht nur das Gebäude sieht anders aus. Heute ist der Bahnhof Zoo kein reiner Drogentreff mehr, sondern vor allem sozialer Raum. Und sozialer Brennpunkt, denn die Probleme der Leute, die regelmäßig hier sind, haben sich in 30 Jahren nicht geändert: Kaputte Elternhäuser, Drogen, Prostitution. Natürlich gibt es hier auch noch Heroin. Und natürlich ist Heroin noch ein Problem. Neben anderen Problemen wie Alkohol, Kokain, Pillen. Die Fixer-Szene hat sich verstreut, in den Tiergarten, zum Breitscheidplatz. Die Gruppen sind kleiner, es gibt keine klare, offene Drogenszene mehr.

Christiane F. kam mit 13 zum Heroin. Heute liegt der Altersdurchschnitt junger Junkies hier bei etwa 18 Jahren. „Für viele Jugendliche ist der Bahnhof Zoo ein Abenteuerspielplatz. Hier zu sein ist irgendwie illegal, man muss nicht in die Schule, kann nach Hause kommen, wann man will“, sagt Tuchel. Das jüngste Mädchen, das Tuchel hier getroffen hat, war neun, eine absolute Ausnahme. Eine Bahnhofsszene der Unter-14-Jährigen gibt es nicht mehr.

Früher war die Heroinszene klar erkennbar: Wer am Bahnhof Zoo abhing, war Junkie. Viele junge Fixer, die das Heroin noch nicht körperlich fertiggemacht hat, kann man heute gar nicht erkennen. Sie könnten auch in der eigenen Parallelklasse gewesen sein oder in einer Castingshow, denn die Verelendung ist nicht mehr so stark: Nicht jeder Junkie geht heute auf den Strich, das Schnorren beispielsweise ist nicht mehr so verpönt, Junkies verkaufen Zeitungen, außerdem habe Berlin, so Tuchel, heute ein sehr gutes Hilfssystem, das mit dem Hilfsnetz aus den Zeiten von Christiane F. überhaupt nicht mehr vergleichbar ist: Es gibt mobile Druckräume, Spritzen unter ärztlicher Aufsicht, mehr Unterbringungen, damit die Betroffenen nicht mehr auf der Straße sitzen und mehr Hilfsprojekte. „Wer hätte ’78 gedacht, dass hier mal ein Spritzenautomat steht?“, sagt Tuchel.

Bei der Arbeit mit Fixern geht es oft um Schadensbegrenzung, nicht um Missionierung. Überreden hilft nicht. Erst wenn jemand selbst von den Drogen weg will, kann die Treberhilfe vermitteln. Vor dem Bus stehen Männer mit Bierflaschen oder Kaffeebechern. Man kennt sich. Junkies bleiben nur stehen, wenn sie sich gerade erst einen Schuss gesetzt haben und ein bisschen Ruhe haben. Zwei Jungs in Bomberjacken und weiten Jeans kommen zum Bus und fragen nach Spritzen, haben aber keine gebrauchten. Sie bekommen ihr Besteck. Ein Mitarbeiter der Treberhilfe sagt, man wisse halt nie, wie sie reagieren, wenn man ihnen in ihrem Entzugszustand die rettende Spritze verweigern würde. Die Jungs rennen weg. Ihr Leben ist eine Dauerschleife: Geld beschaffen, Heroin kaufen, spritzen und wieder Geld beschaffen.

Mittlerweile verdrückt Sina 50 Euro am Tag. Woher das Geld kommt? „Schnorren“ und „Scheiße bauen“. Später wird ein Junge sagen, dass er Sina zumindest öfter an der Kurfürstenstraße gesehen hat. Dort ist der Mädchen-Strich.

Jan raucht nervös, spuckt Pfützen auf den Asphalt und will gehen. Es ist wieder Zeit. Die zwei laufen durch das künstliche Licht der Bahnhofshalle. Jan zieht ein Bein nach. Fast alle Junkies humpeln, weil sie sich in die Leisten spritzen, sobald die Arme vernarbt sind. Zwei Jugendliche mit Interrailrucksäcken ziehen am Automaten Fahrkarten. Sina setzt ihre Kapuze auf, lehnt sich gegen die schwere Glastür und verschwindet im Dunkeln in Richtung Tiergarten.

Um 21.34 Uhr fährt vom Bahnhof Zoo ein Zug nach Paris, um 22 Uhr fährt der weiße Kleinbus zurück zum Büro der Treberhilfe. Mit Uhrzeiten hat Sina es nicht so. Nur die innere Uhr ist wichtig und immer da und erinnert sie daran, dass der nächste Druck kommen muss. Ihre Armbanduhr war vor vier Jahren das Erste, was sie gegen Heroin getauscht hat.

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