Werbinich : Ein Besuch in Auschwitz

Unser Autor ist an den Ort gefahren, an dem die Nazis mehr als eine Million Juden ermordet haben

Julius Wolf

Wir sind nach Auschwitz gefahren. Wir sind durch das Tor gelaufen mit der Aufschrift: „Arbeit macht frei“. Wir sind Schüler und Schülerinnen aus dem Goethe-Gymnasium in Berlin. Wir besuchen die Klassen 10 bis 13. Jüngere Jahrgänge dürfen noch nicht teilnehmen. Die Jüngsten bei uns sind 15 Jahre alt. Der Älteste ist 20. Wir alle haben den Nationalsozialismus schon im Geschichtsunterricht behandelt. Wir fanden das Thema eigentlich nicht sehr interessant – das lag auch ein bisschen am Unterricht. Dann sind wir nach Polen gefahren, nach Auschwitz.

Vielleicht wissen es einige nicht mehr. Durch das Tor am Eingang haben die Nazis die Juden in das Lager geführt. In dem Lager sind Baracken. Um das Lager ist ein Zaun. Wenn sich ein Jude dem Zaun auf fünf Meter näherte, wurde er von den Nazis ohne Warnung erschossen. Den Fünf-Meter-Bereich nannten sie „Todeszone“. Als ob der Rest des Lagers eine Lebens-Zone gewesen wäre.

Wir sind durch die „Todeszone“ gegangen. Zu den Baracken. In den ersten Baracken waren die Quartiere der Nazis. Hier war die Zentrale des Konzentrationslagers Auschwitz. In der Zentrale wurden die Gefangenen registriert. Name, Alter, Geschlecht, Geburtsdatum. Später wurde auch noch das Todesdatum eingetragen. Wir sind weitergegangen. Zu den langen Reihen von Baracken. Man nennt sie Baracken. Aber eigentlich sind es Backsteinhäuser.

Hier haben die Nazis die Juden untergebracht. Räume mit Dreistockbetten. Die Betten bieten Platz für einen Menschen. Bis zu vier Menschen haben darin schlafen müssen. Heute stehen nur noch in abgetrennten Ausstellungsräumen diese Betten. In anderen Ausstellungsräumen stehen Vitrinen. In den Vitrinen liegen die Namenslisten der Inhaftierten. Gleich nach der Registrierung in der Zentrale nahmen die Nazis den Juden alle Habseligkeiten ab. Heute liegt ein Teil davon in großen Schaukästen. Koffer mit Kreideaufschriften der Namen ihrer Besitzer. Baby- und Kinderkleider. Töpfe, Pfannen, Bürsten. Und eine große Menge Brillen.

Ob die Nazis geglaubt haben, die Menschen sehen ohne Brillen nicht, was mit ihnen geschieht? Oder hatten sie Angst, die Menschen könnten sich mit den Brillengläsern die Pulsadern aufschneiden? Und sie wollten sie lieber selber töten?

Dann haben die Nazis den Menschen die Haare abgeschnitten. Ein Teil davon liegt in einem anderen Raum. Ein riesiger Haufen menschlicher Haare. Wir sind weitergegangen. Unter den Baracken haben die Nazis Keller gebaut. Die Keller dienten als Verliese. So ein Verlies ist ein Mal ein Meter groß. Die Menschen mussten am Boden durch ein Loch hineinkriechen. In diese Zellen sperrten die Nazis vier Gefangene über Nacht ein. Zu viert in einer solchen Zelle sein bedeutete, dass kein Platz zum Sitzen war. Einmal steckten die Nazis einen jüdischen Professor in eines der Verliese. Das war nach dem Fluchtversuch eines anderen Gefangenen. Die Nazis suchten einfach irgendwelche Gefangenen aus, die sie zur Strafe für den Fluchtversuch einkerkerten. Fünf wurden ausgesucht. Ein jüdischer Professor meldete sich freiwillig, um einen anderen Gefangenen zu schützen. Als einziger der fünf überlebte der Professor zwei Wochen ohne Essen und Trinken. Danach wurde er mit einer Giftspritze ins Herz getötet. Wir sind weiter an den Baracken entlanggegangen.

Zwischen zwei Häusern steht eine Betonwand. Viele Menschen versuchten, aus dem Lager zu fliehen. Wenn sie wieder gefangen wurden, hängten die Nazis ihnen ein Schild um den Hals. Auf dem Schild stand: „Hurra, wir sind wieder da“. Die Menschen mussten dann mit dem Schild über die Hauptlagerstraße laufen und laut rufen: „Hurra, wir sind wieder da.“ Auf dieser Hauptstraße mussten sich alle Häftlinge nach einem Fluchtversuch versammeln. Zum Strafappell. Einer dieser Appelle dauerte 19 Stunden. Wer vor Entkräftung umfiel, wurde von den Nazis erschossen. Und die wieder eingefangenen Flüchtlinge wurden an der Betonwand erschossen.

Am Ende der Hauptstraße stand das Krematorium. In diesem Krematorium wurden in vier großen Öfen die Leichen verbrannt. Wir sind in einen Bus gestiegen und nach Birkenau gefahren.

Birkenau liegt drei Kilometer vom Stammlager entfernt. Am Eingang ist die Rampe. Hier kamen die Züge mit den Judenmassentransporten an. Nach der Ankunft wurden die Menschen aus den Zügen getrieben. Auf der Rampe standen SS-Ärzte. Die entschieden, wer noch arbeitsfähig war und wer nicht. Noch vor der Trennung der arbeitsfähigen von den arbeitsunfähigen wurde den Neuankömmlingen alles abgenommen. Die Kleidung wurde desinfiziert und was noch verwendet werden konnte, wurde sofort zurück nach Deutschland geschickt. Alle anderen Sachen wurden in Baracken gelagert, dann verbrannt oder eingeschmolzen und wiederverwertet. Von diesen Baracken sind nur noch 20 Zentimeter hohe Grundmauern erhalten. Alles andere haben die Nazis am Ende des Krieges verbrannt.

Die Arbeitsfähigen kamen in Holzbaracken. In Birkenau waren das umfunktionierte Pferdeställe. In einigen Baracken gab es Stockbetten. In anderen zwei Mal zwei Meter große Kojen. In diesen Kojen ließen die Nazis manchmal acht Menschen auf einmal schlafen. Die Toiletten sind in abgetrennten Baracken untergebracht. Zwei lange Steinbankreihen mit runden Löchern.

Von diesen Baracken ist heute nicht mehr viel zu sehen. Die meisten Baracken wurden von den Nazis verbrannt. Es stehen nur noch die Kamine. Dann mussten die Arbeitsfähigen duschen. Das Wasser war eiskalt. Nach der Dusche bekamen sie ihre Einheitskleidung und mussten arbeiten.

Alte, Kranke und Kinder wurden von den Nazi-Ärzten an der Rampe als arbeitsuntauglich erklärt. Sie trieben sie in die Entkleidungsräume. Daneben gab es Duschräume. Die Nazis erklärten den Juden, sie würden zum Duschen gebracht. Aus den Duschen strömte statt Wasser Zyklon B, ein Insektenvertilgungsmittel.

Die Nazis warfen die Leichen in riesige Öfen. In Birkenau gab es vier Krematorien. In den großen standen vier Öfen. In diesen Öfen verbrannten die Nazis pro Tag über 1000 Leichen. Neben den großen Krematorien gab es noch zwei kleine. In den kleinen Krematorien verbrannten die Nazis pro Tag jeweils 740 Leichen.

Die Krematorien sprengten sie in die Luft, als die Rote Armee im Anmarsch war. Es gibt nur noch Ruinen.

Vor dem ersten großen Krematorium sind vier Löcher im Boden. In diesen Löchern vergruben die Nazis die Asche der Menschen. Als das nicht mehr ging, wurde die Asche ausgegraben und in die Weichsel gekippt. Noch heute kann man Knochensplitter im Boden rund um die Löcher finden.

Rund um die beiden Hauptlager Auschwitz 1 und Auschwitz Birkenau haben die Nazis alle umliegenden Dörfer besetzt. Die Bewohner wurden verhaftet und die Dörfer zu Lagern gemacht. Auschwitz umfasste am Ende 47 Lager. Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden alleine in diesen Lagern umgebracht. Die Nazis ermordeten insgesamt über sechs Millionen Juden.

Die Nazis waren normale Männer und Frauen aus Deutschland. Wenn sie zu Weihnachten frei hatten, sangen sie unter dem Weihnachtsbaum „Oh, du Fröhliche“. Man darf das alles nie vergessen.

Am Tag unserer Besichtigung hingen schwere Regenwolken am Himmel.

Es war bitterkalt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben