Werbinich : Endlich ich

(29)

Diese Woche: Selda Temür

Ich kam in die Welt.

Groß sollte ich werden.

Sehen sollten meine Augen

Meine Familie, meine Mutter,

Von der ich mich löste.

Sehen sollten meine Augen

Die Hände, die mich großzogen.

Sehen sollten die Augen Taten anderer,

An denen ich mich orientieren sollte.

* * *

Gesehen habe ich immer die anderen,

Jedoch nicht mich.

Drum zog ich die Frage in mir groß:

Wer bin ich?

* * *

Hören sollten meine Ohren

Die Ratschläge meiner Eltern.

Hören sollten meine Ohren

Die Warnungen und Tadel.

Hören sollten meine Ohren

Was andere denken, wissen, erzählen.

Gehört habe ich die anderen,

Jedoch nicht mich.

* * *

Sprechen sollte mein Mund Worte,

Die andere gern hören wollen.

Sprechen sollte mein Mund

Die Meinungen und Ideen anderer.

Sprechen sollte mein Mund das,

Was erlaubt und angesagt war.

Gesprochen habe ich nur für andere,

Jedoch nicht für mich.

* * *

Eines Nachts träumte ich.

Im Traum vernahm ich die Stille,

Die zu mir sprach:

Schließe deine Augen,

Deine Ohren und deinen Mund.

* * *

Als ich aufwachte,

War ich blind, taub und stumm.

Um mich herum wurde es still.

In dem Moment

Sehen meine Augen mich,

Vernehmen meine Ohren

Meine innere Stimme

Und meine Stimme bekomme ich,

Um diesmal der Welt zu sagen,

Wer ich bin.

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