Werbinich : Für das Leben proben wir

Immer mehr Schulen haben Schülerbands. Sie üben nicht nur Akkorde, sondern auch Rücksicht, Teamgeist und wie man Stress abbaut

Judith Jenner

Die Violine quietscht schräg, am Klavier werden wieder und wieder die gleichen Akkorde geübt. Aber, doch, ja, nach einiger Zeit ist klar: Was die Schulband der Kreuzberger Lenau-Schule hier probt, muss der Karat-Song „Über sieben Brücken“ sein. Die Mitglieder der Band treffen sich zweimal pro Woche im Musikkeller der Schule. Drei Lieder haben sie seit den Sommerferien einstudiert. Beim Tag der offenen Tür kommendes Jahr wollen sie sich zum ersten Mal dem Publikum stellen.

In Berlin gibt es schätzungsweise 50 Schülerbands, und es werden immer mehr. Vor allem die Oberschulen versuchen auf diese Art, ihre Jugendlichen für die Musik zu gewinnen. Die Lenau-Schule ist eine der wenigen Grundschulen mit Schülerband. Musiklehrer Michael Markolwitz hat den Bandkeller vor vier Jahren eingerichtet. Eltern und Lehrer spendeten Instrumente und alte Beatles-Cover, die jetzt an den Wänden hängen. „Außerhalb des Unterrichts sind die Kinder nicht dem Leistungsdruck ausgesetzt wie im Klassenzimmer“, sagt Markolwitz, sie können spielen und Dinge ausprobieren, ohne dass es benotet wird.

Die zehnjährige Mimi spielt seit drei Monaten in der Band. An der Musikschule nimmt sie Klavierunterricht. „Es macht viel mehr Spaß, mit anderen zu spielen als allein zu Hause“, sagt sie. Wenn zu Hause kein Platz oder kein Geld für ein Instrument da ist, können die Kinder im Musikkeller spielen.

Dabei üben sie nicht nur Melodien, sondern trainieren auch Rücksicht, Selbstwertgefühl und wie man Stress abbaut. „Beim gemeinsamen Musizieren müssen die Kinder aufeinander hören“, sagt Michael Markolwitz. Besonders in seiner Schlagzeug-AG merkt der Musiklehrer, wie gut es den Kindern tut, auf diese Weise Aggressionen herauszulassen.

Von Hiphop über Jazz bis hin zu Klassik wird an Berliner Schulen alles gespielt. „Es kommt stark auf das Engagement der einzelnen Lehrer an“, sagt Meinhard Ansohn, der Landesvorsitzende des Arbeitskreises für Schulmusik. Obwohl allen klar ist, dass die musikalische Erziehung der Entwicklung von Kindern gut tut, haben Musikunterricht und Musik-AGs eine schlechte Lobby, sagt Joachim Litty, der die Landesmusikakademie leitet. „Seit den Pisa-Studien werden die künstlerischen Fächer vernachlässigt.“ Außerdem fehlten zurzeit ausgebildete Musiklehrer. In den Ganztagsschulen, die ab kommendem Schuljahr eingerichtet werden, sieht Litty aber eine Möglichkeit, wieder mehr Ensembles zu gründen.

Die Big Band „The Frogs“ vom Beethoven-Gymnasium hat es als „größte Big Band Berlins“ mit 40 Mitgliedern bereits bis in die Philharmonie geschafft. Beim Auftritt mit Mr.Acker Bilk’s Paramount Jazzband aus London und Gunther Emmerlich’s Semper House Band aus Dresden spielten die „Frogs“ 2002 vor ausverkauftem Haus.

Seit 17 Jahren probt das Orchester unter der Leitung von Lehrer Wolfgang Metschl. „Auch wenn die Jugendlichen privat hören, was in den Charts ist, haben sie trotzdem Lust, Stücke von Benny Goodman oder Glenn Miller zu spielen“, sagt Metschl. Er kann sich vor neuen Mitgliedern kaum retten. Um die Qualität zu halten, muss man eine Aufnahmeprüfung bestehen. Noten kopieren, Termine absprechen und Einzelproben organisieren, dabei helfen Metschl zwei Assistenten und die Gruppenleiter der jeweiligen Instrumentengruppen. „So lernen die Schüler Verantwortung zu tragen“, weiß der Lehrer.

Viele ehemalige „Frogs“-Mitglieder haben die Musik zum Beruf gemacht. Einer ist Pianist im Orchester von Max Raabe, andere wollen Musiklehrer werden. Metschl rät Eltern, ihre Kinder nicht nur Klavier spielen zu lassen, sondern sie noch ein weiteres Instrument erlernen zu lassen, das man an der Schule ausleihen kann. Am Klavier sei man zu einsam.

Karriere-Sprungbrett für viele Schulbands sind bundesweite Wettbewerbe wie „Schooljam“. Im vergangenen Jahr hat die Frohnauer Pop-Band „Greensession“ unter 1000 Teilnehmern einen Sonderpreis gewonnen. In diesem Jahr findet der Wettbewerb zum vierten Mal statt. „Berlin tut sich erfahrungsgemäß mit einem breiten Spektrum an Bands hervor“, sagt Schooljam-Sprecherin Alexandra Fertig-Witke.

Von Auftritten in Frankreich und bei verschiedenen Festivals profitieren die 19- bis 22-jährigen Bandmitglieder bis heute. Raphael, Flo, Shai und Benjamin von „Greensession“ gingen auf unterschiedliche Schulen und wurden von diesen bei der Suche nach einem Proberaum unterstützt – und sogar, wenn nötig, vom Unterricht freigestellt.

Momentan proben sie in dem selbst ausgebauten Keller eines Jugendfreizeitheims. „Es wäre toll, wenn wir später einmal von der Musik leben könnten“, sagt Keyboarder Florian Büttner. Im Nachhinein ist der Abiturient froh, dass ihn seine Eltern als Kind zur Musikschule getrieben haben. „Denn jetzt beherrsche ich mein Instrument. Ich muss nicht mehr streng nach Noten spielen und kann improvisieren“, sagt der 19-Jährige.

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