Werbinich : Fürs Leben benehmen

Gute Manieren sind nicht mehr selbstverständlich: Schulen bieten Kurse an, um so Berufschancen zu erhöhen

Katja Gartz

Zur Eröffnung der Stunde erhebt Sonja Hoy ein Glas und schlägt mit einem Löffel dagegen. Ein heller Ton erklingt. Die pensionierte Lehrerin ist für eine Stunde zu Gast in einer fünften Klasse der Otto-Nagel-Oberschule in Marzahn. Sie will den Schülern höfliches Benehmen und richtige Manieren bei Tisch näher bringen. Denn Personalchefs betonen seit Jahren, dass Tugenden wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Höflichkeit im Arbeitsleben eine immer größere Rolle spielen. Fachliche Qualifikation allein reiche bei der Bewerbung nicht mehr aus, sagt auch IHK-Präsident Werner Gegenbauer.

Immer wieder diskutieren Berliner Schulen, ob sie Benimm als Unterrichtsfach einführen sollen. Schulsenator Klaus Böger (SPD) hält davon nichts: „Wertevermittlung und Benehmen gehört zum generellen Erziehungsauftrag in der Schule.“ Dazu brauche es kein extra Fach. Einige Schulen versuchen nun sozusagen eine kleine Lösung und laden Benimm-Trainer ein. Sonja Hoy, eine pensionierte Englisch- und Deutschlehrerin, bietet zum pädagogischen Geschick noch einen anderen klaren Vorteil: Ihre Kurse sind kostenlos.

Was unter schlechtem Verhalten während des Essens zu verstehen ist, wissen die Gymnasiasten an der Otto-Nagel-Schule in Marzahn ziemlich gut. „Ellenbogen auf den Tisch stellen“, sagt Sophia, „schmatzen und mit vollem Mund sprechen“ findet Karl schlimm und Dorothea, „wenn Leute bei einem Buffet den Teller nicht voll genug kriegen“. Doch es gibt Ausnahmen: Beim romantischen Tête-à-Tête im Restaurant sind Ellenbogen auf dem Tisch erlaubt.

Für praktische Übungen hat sie Teller, Besteck und Servietten auf den Tischen verteilt. Dass die Gabel links und das Messer rechts vom großen Teller liegen, haben die meisten Schüler bereits zu Hause gelernt. Schwieriger verhält es sich mit dem Suppenlöffel. „Neben der Gabel“, rät Thomas, Sophia meint, „über dem Teller“. Sonja Hoy löst das Rätsel. Der große Löffel hat neben dem Messer seinen Platz oder über dem Teller, wenn dort kein Dessertbesteck liegt.

Dann möchte sie wissen, wie das Werkzeug benutzt wird. Tim kennt sich mit Tischsitten aus: „Man arbeitet sich von außen nach innen“, sagt der Zwölfjährige. Eine Herausforderung für die Schüler ist das richtige Falten der Serviette. Keiner weiß, wie es geht. Die 28 Arme, von denen bei den Fragen dieser Stunde sonst so viele nach oben schnellen, bleiben unten. Sonja Hoy hebt eine Papierserviette in die Luft, lässt sie zu ganzer Größe auseinander klappen und faltet das obere Drittel nach innen. So präpariert, lege man sich die Serviette mit gefalteter Kante nach oben auf den Schoß.

„Darin kann man Essensreste und Knorpel verstecken“, vermutet Karl. Aber die gefaltete Serviette soll nur die Kleidung besser vor Saucentropfen schützen und von der Gabel gerutschte Erbsen auffangen. Um den Kindern zu zeigen, wie gute und schlechte Tischmanieren aussehen, projiziert Sonja Hoy zusätzlich Fotos an die Wand.

Im Restaurant ist eine Person zu sehen, die sich die Serviette wie einen Latz in den Kragen steckt und sie später zusammengeknüllt auf den Tisch wirft. Besser ist, sie auf den Stuhl zu legen. Fotografiert hat Hoy zehn Abiturienten, mit denen sie gemeinsam einen Benimmkurs in einem Restaurant besucht hat. Dabei zeigte die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni vom Berliner Ensemble, wie man es bei Tisch nicht machen sollte.

Auf die Idee, Kindern und jungen Erwachsenen höfliches Benehmen und Tischmanieren näher zu bringen, ist Sonja Hoy bereits 1986 gekommen. Auslöser dafür war ein Schüleraustausch in Colorado, wo sie Jugendliche sah, die während des Unterrichts ihre Füße auf den Tisch legten, Zeitung lasen oder schliefen. Fortan war ihr Blick für hiesige Verhältnisse geschärft, sowohl in Schulen als auch beim Einkaufen und Essen.

„Bitte und Danke sind aus der Mode gekommen“, bemängelt die frühere Lehrerin. Dass ein höflicher Umgang das Leben angenehmer machen kann, hat sie auch in England erfahren, wo sie einige Jahre lebte. Besonders stört sie, dass unter Schülern Rücksichtslosigkeit und Ellenbogenmentalität zunehmen.

Dass sich in der Mensa ältere Schüler bei der Essensausgabe vor jüngere drängeln, Handys im Unterricht klingeln und Schüler ihren Müll nicht mehr wegräumen, sind für sie Beispiele dafür. Als sie Kinder fragte, warum sie ihren Müll nicht wegräumen, antworteten diese: „Wozu bezahlen wir denn die Putzfrau.“ Sie fände es sinnvoll, wenn Schüler ihren Klassenraum selber sauber machen müssten. Besonders schwierig sei es, wenn die Gebäude sowieso schon in einem schlechten Zustand sind. „Wenn alles dreckig und verkommen ist, haben auch die Schüler keine Lust, auf Sauberkeit zu achten.“

Vor einem halben Jahr begann Sonja Hoy Fotos zu machen, die sie in ihren Benimmstunden verwendet. Darauf sind Menschen aus verschiedenen Kulturen zu sehen, aus verschiedenen sozialen Schichten und Behinderte. Ihr gehe es vor allem darum, den Kindern Respekt vor anderen Menschen beizubringen. Dass sie wissen, wie man sich bei Tisch benimmt, „Danke“ und „Bitte“ sagen und höflich Konversation betreiben lernen, sei ein Weg dahin. Auch will sie die Schüler dazu bringen, dass sie ihre Vorurteile hinterfragen.

Aber zurück zum Nahziel: Da sich in vielen Familien Kinder und Eltern immer seltener zu Hause zu gemeinsamen Mahlzeiten treffen, wüssten viele nicht, wie sie richtig mit dem Besteck umgehen. Daher sei es für viele normal, Essen stumm in sich hinein zu schaufeln und währenddessen zu telefonieren. Der Schulleiter der Otto-Nagel-Oberschule ist froh über das Angebot von Sonja Hoy. „Schaden kann gutes Benehmen nie“, sagt Lutz Seele. Wären mit der Stunde Kosten verbunden, könnte er sich die Stunde jedoch nicht leisten. Die Gymnasiasten aus dem gutbürgerlichen Biesdorf scheinen über Tischmanieren schon ganz gut Bescheid zu wissen. Aber wie man richtig Spaghetti ist, war für die meisten neu: Nur mit der Gabel,nicht mit Löffel und Gabel.

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