Werbinich : Gefangen im Festnetz

Früher gab’s Wählscheiben und feste Treffpunkte. Heute geht nichts ohne Handy. Oder? Ein Selbstversuch

Elena Senft

TAG EINS

DIE ZUVERSICHT

Es ist machbar! Für jemanden mit einer monatlichen Handyrechnung in Höhe der Leasingrate eines Mittelklassewagens zwar kein leichtes Unterfangen, doch ich bin zuversichtlich. Früher hat es doch auch funktioniert, und man hatte trotzdem ein Sozialleben. Mein Handy bleibt ausgeschaltet zu Hause liegen.

Und es ist irgendwie seltsam undramatisch. Abends klingelt mein Festnetztelefon. Meine Mutter macht sich Sorgen, weil ich nicht zu erreichen bin. Meine Eltern gehören zu jenen, die Handys so lange es ging für überflüssigen Schnickschnack hielten. Heute haben sie beide die neuesten Modelle, meine Mutter verschickt aus dem Urlaub keine Postkarten mehr, sondern Gruß-SMS, der Tarzanklingelton meines Vaters sorgt bei Verwandtschaftsbesuchen für Stimmungsauflockerung. „Das geht doch nicht! Und wenn dich jemand wirklich Wichtiges erreichen will?“, fragt Mutter. Sie weiß nicht, dass der Großteil meiner SMS-Korrespondenzen und Gespräche banaler nicht sein könnten und nach vier Uhr morgens stattfinden. Es sind nicht die Sorte Dinge, derentwegen meine Eltern damals die Anschaffung eines Handys erlaubten. Sie wollten, dass ich es verwende, um sie zu informieren, dass ich im Bus eingeschlafen bin und die Nacht auf dem BVG-Betriebsbahnhof verbringe. Oder für den Fall, wenn ich mich auf der Flucht vor einem Psychopathen befinde. Soweit der ursprüngliche Plan. Eine der letzten SMS, die ich verschickt habe, lautete: „Findest du es auch total eklig, dass es immer noch salonfähig ist, wenn Leute sich den Zeigefinger ablecken, bevor sie eine Buchseite umblättern, sogar wenn das Buch nicht ihnen gehört?“. Die Antwort der Freundin M. lautete: „In deinem Salon vielleicht, in meinem nicht.“

TAG ZWEI

DIE VERSUCHUNG

Eine Wohnungssuche ohne Handy zu organisieren, ist ein Parforceritt. Als ich meiner Wunsch-WG am Telefon sage, dass sie mich nicht erreichen kann, und dass ich auf jeden Fall jetzt schon die genaue Uhrzeit zur Besichtigung ausmachen muss, die dann auch nicht mehr geändert werden darf, da ich kein Handy besitze, meine ich am Telefon bereits zu hören, wie mein Name von der Bewerberliste gestrichen wird. Ich gelte als unspontan und anachronistisch. Ich darf dennoch zum Casting kommen. Unterwegs bricht das Stromnetz der U-Bahn zusammen. Es ist soweit, ich muss jetzt wirklich dringend telefonieren! Ich frage einen Mann nach dem Weg zu einem öffentlichen Münzfernsprecher. Er überlegt lange und beschreibt einen komplizierten Weg. Dann lächelt er wohlwollend und sagt: „Ach, was soll’s: Nehmen Sie doch einfach mein Handy!“ Ich bleibe hart und verspäte mich um eine Stunde. Wenn sich die WG gegen mich entscheidet, werden sie sich mit meiner Unpünktlichkeit rechtfertigen. Der wahre Grund wird woanders liegen.

TAG DREI

DIE SEHNSUCHT

Ich besitze ein wunderschönes Handymodell, silbern, mädchenhaft klein und doch von schlichter Eleganz. Wenn es klingelt, ertönt eine Discomusik, die sich „Dreamer“ nennt. Ich habe den Anrufern Fotos zugeordnet und glänze auf Partys damit, dass ich den Satz „Morgen gibt es Zucchinicremesuppe mit Ratatouille“ mittels einer ausgefeilten Zwei-Daumen-Technik fehlerfrei, ohne hinzusehen und in einer Rekordzeit von weniger als 15 Sekunden in mein Handy tippen kann. Die Zeit stoppt meine Handy-Stoppuhr. Ich vermisse es. Nachts, als ich auf den Bus warte, vernehme ich meinen Klingelton. Ich führe einen absonderlichen Tanz auf, bei dem ich abwechselnd mit schnellen Bewegungen Hosen-, Jacken- und Umhängetaschen abtaste, um mein Telefon zu suchen. Aber es ist nicht meins. Der Mann neben mir geht ans Telefon. „Ich warte auf den Bus. Und was machst du so?“ Er lächelt. Es ist ein schöner Anruf. Ein Anruf, nur um zu zeigen, dass man an den anderen denkt. Der Mann legt verliebt auf und schreibt eine SMS. Ich stoppe seine Zeit, dann ziehe ich die Werbebroschüre eines Getränkegroßmarkts aus dem Papiermüll am Bushäuschen.

TAG VIER

DAS VERMISSEN

Vor diesen Tagen hatte ich Angst: Es ist Wochenende. Ich habe sehr lange geschlafen, weil mein Handywecker aus ist. Ich sitze allein zu Hause. Die Menschen, die meine Festnetznummer besitzen, lassen sich an einer Hand abzählen. Ich rufe Freundin L. auf ihrem Festnetz an. Ein Anrufbeantworter. Es folgt der übliche Spruch, am Ende der Hinweis, dass man sie selbstverständlich auch trotz ihrer momentanen Abwesenheit jederzeit auf ihrem Handy erreichen könne. Ich höre Hohn und Spott in ihrer Stimme, als sie langsam ihre Handynummer verliest. „Ich wollt nur mal wissen, was du so machst“, spreche ich auf das Gerät. Aber sie ist nicht eine von den Schlimmsten: Immerhin besitzt sie noch einen Festnetzanschluss, auch das kann man ja nicht mehr voraussetzen. Ich schalte den Fernseher an. Zum ersten Mal verspüre ich die Lust, ein Jamba-Spar-Abo abzuschließen mit einer Männerstimme, die jedes Mal rülpst, wenn ich eine SMS empfange.

TAG FÜNF

DER AUFSCHWUNG

Ich bin darüber hinweg. Ich sitze in der Bahn und bin genervt, denn ich möchte lesen. Lesen, das ist etwas, was früher sehr viele Menschen in der Bahn getan haben. Neben mir telefoniert ein aufgeregtes Mädchen mit ihrem Freund. Der Empfang ist schlecht, sie versucht dies damit auszugleichen, dass sie einfach lauter redet und die einzelnen Worte in einer unangenehmen Frequenz in die Länge zieht. Überhaupt scheinen alle zu telefonieren.

Ich warte auf Sätze, für die das Handy eigentlich gemacht ist: „Ich komme 10 Minuten später“, aber sie fallen nicht. Stattdessen wird telefoniert, um möglichst ungelangweilt von A nach B zu kommen. „Und, was machst du so?“ Hat man früher noch fremden Leuten in der Bahn in die Zeitung geguckt, guckt man ihnen jetzt heimlich ins Display. Kurzmitteilungen wie „die Antwort ist ja!“ werden nicht verschickt. Das Mädchen neben mir telefoniert nicht mehr, sondern arbeitet per SMS ihre Beziehungsprobleme auf.

TAG SECHS

DIE SICHERHEIT

Ich bekomme eine Mail einer Freundin. Ich kontrolliere mein E-Mail-Fach seit einigen Tagen geschätzte 50 Mal pro Tag. Sie lädt zu einem Treffen am Abend in eine Bar, die ich nicht kenne. „Wir treffen uns so gegen acht, wer sie nicht findet: einfach anrufen!“ Ich schreibe sauer zurück, dass es doch keine Art sei, auf so eine Art und Weise Verabredungen zu treffen! Das sei doch früher auch anders gegangen! Und man hat sich trotzdem immer gefunden! Ich zumindest kann mich nicht erinnern, dass ich jemals unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren musste, weil ich ein Café, eine Bar oder eine wartende Verabredung nicht gefunden habe. Trotzdem spendet es Sicherheit. Die Sicherheit zu wissen, dass man ankommen wird.

TAG SIEBEN

DAS JA-SAGEN

„Wie schrecklich, immer und überall erreichbar zu sein!“, meckern die Kritiker. „Man ist abhängig von einem Gerät!“ Und doch ist man weniger erreichbar mit ihm und unabhängiger denn je. Wann hatte man schon in der Vergangenheit die Möglichkeit, bei ungeliebten Telefonpartnern plötzlich laut „Funkloch“ zu rufen, zwei bis drei besorgte „ich hör dich so schlecht“ hinterherzuschicken und dann feixend aufzulegen?

Die praktische Komponente kommt dazu: Ähnlich einem Flugschreiber kann man mit dem Handy an verkaterten Morgen anhand von gespeicherten Kurzmitteilungen, Mailbox-Sprüchen und Anruflisten eine durchzechte Nacht rekapitulieren. Und auch Beziehungsreflexionen mit Freundinnen steigen in ungekannte Dimensionen. Anhand von Kurzmitteilungen werden Psychogramme über den neuen Freund erstellt, eine komplizierte Berechnung, die sich aus Wortwahl, Rechtschreibung und Antwortgeschwindigkeit zusammensetzt und dann Aufschluss über Charakter und Verliebtheitsgrad gibt. Und es fördert auch vieles zu Tage, was einem früher im Verborgenen geblieben wäre: Malt er hinter jeden Witz ein „“, weil er Angst haben muss, man würde seine Witze sonst nicht verstehen, dann ist es vorbei. Und auch in Streitsituationen ist das Handy so nützlich: Ist es nicht ein viel größeres Statement, mal nicht ans Handy zu gehen – als einfach nur einmal nicht zu Hause zu sein? Ich möchte darauf nicht mehr verzichten.

TAG ACHT

DER GENUSS

Ich bin aufgeregt, als ich mein Handy wieder anschalte. Es passiert nichts. Dann endlich eine Kurzmitteilung. Eine Servicenachricht meines Mobilfunkanbieters. Dann wieder Stille. Auf dem Weg zur Arbeit halte ich das Handy geschlagene 30 Minuten am gestreckten Arm in die Luft, um ein mögliches Empfangstief auszuschließen. Es passiert nichts. Ich bin abgeschrieben. Die schnelle Welt, in der ich lebe, kann keine Rücksicht nehmen auf Sonderlinge. Freundschaften berechnen sich nach Erreichbarkeit. Mittags höre ich zum ersten mal wieder den vertrauten Disco-Ton. Es ist mein Sachbearbeiter der Sparkasse. Normalerweise beende ich diese Gespräche sehr schnell. Heute frage ich ihn, was er so macht.

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