ICKE & ER : Tschüssikowski, ihr Atzen

„Icke & Er“ stehen morgen das letzte Mal auf der Bühne – wir sprachen mit ihnen über ihren Abschied vor dem Konzert im Postbahnhof.

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Das sind echt ein paar Laubenpieper. Icke & Er setzen sich gern im Ghetto-Style in Szene. Voll krass mit Grill, Schaukel und...Foto: Promo

Es ist Mittag, wir sind mit „Icke & Er“ zum letzten Interview verabredet, bevor sie sich auflösen. Die beiden Typen wurden mit ihrem albernen Internetsong „Rischtisch geil“ bekannt und kommen angeblich aus Spandau – was ihnen allerdings nicht jeder glauben will, zu künstlich ihr Berliner Dialekt. Um ihre bürgerliche Identität machen sie ein Riesengeheimnis: Angerufen werden wollen sie nicht, auf ein persönliches Gespräch haben sie keine Lust – und unser Handy verrät ihre Herkunft auch nicht. Als es klingelt, blinken auf unserem Display statt einer Vorwahl zwei Wörtchen: „Unbekannter Teilnehmer“. Icke ist dran, er sagt: „Tachchen!“ Sein Kollege ,Er’ schläft noch, „ist ja ziemlich früh – kann’s losgehen?“. Okay.

Icke, ihr löst euch also auf, ein letztes Mal spielt ihr am Sonnabend im „Fritzclub“ am Postbahnhof. Warum nicht in Spandau?

Naja, in Spandau könnten wir in der Zitadelle spielen, aber Icke & Er würden die dann wohl nicht ganz voll kriegen. Außerdem ist der Fritzclub ziemlich charmant und die Infrastruktur besser.

Also ist Spandau doch nicht so toll.

Oh, doch! Hier kann man gut abhängen. Viel Wasser und Wald haben wir. Und die Leute sind ziemlich entspannt. In Berlin ist ja mehr Trubel und Hektik. Spandau dagegen ist schön bodenständig.

Und Berlin könnt ihr gar nicht leiden?

Doch, Berlin ist verdammt geil, rischtisch geil sogar. Berlin im Sommer ist der beste Ort. Auf unserem Track „Keen Hawaii“ haben wir ja gesagt, dass man ruhig hier bleiben kann, keene Frage. Gerade im Sommer. Man bekommt immer einen Parkplatz und die Kinos sind leer.

Die Hallen auf eurer Tour waren voll. Wo war’s denn am besten?

Oh, darf man das sagen? In München.

Aha.

Ja, ’tschuljung. Ich will ja auch nicht nach München ziehen. Aber so schick im Brauhaus sitzen, eine Maß trinken und Haxen essen – das hat uns gefallen.

Warum löst ihr euch eigentlich auf?

Uns ist das alles zu viel geworden ist. Die anderthalb Jahre waren verdammt anstrengend. Die Zeit, als wir das Album aufnahmen, war super, weil wir einfach bei uns zu Hause saßen und Spaß hatten. Aber die Promotion ist nicht gerade unser Ding gewesen. Plötzlich mussten wir feststellen, dass wir in dieser Musikgeschäftmaschinerie stecken – und die ist überhaupt nicht unser Ding.

Wieso?

Wir wollen einfach keine Medienzombies werden. Auf Tour habe ich die letzten Tage immer im Hotel diese Dschungelcamp-Show geschaut – was unsere Entscheidung sehr bestärkt hat. Guck’ dir DJ Tomekk an. In zwei Jahren würden wir dann vielleicht auch Kakerlaken fressen. Deswegen hören wir auf. Das ist ein Selbstschutz. Als wir neulich Sido …

… den Berliner Rapper …

… im Studio von unserem Karriereende erzählten, war der fast ein wenig neidisch. Manche würden gerne aufhören, müssen aber immer weitermachen wegen ihrer Verträge. Pech.

Das Musikerleben macht keinen Spaß?

Als kleines Internetphänomen waren wir schon sehr überrascht, wie wir gefeiert wurden. Alle kannten die Texte, haben mitgesungen und das, obwohl wir kaum Platten verkauft haben. Wir waren ja nicht mal in den Top 100. Aber unsere Friends konnten dennoch jede Zeile mitrappen. Das war beeindruckend.

Es gibt ziemlich viele Gerüchte um Icke & Er. Zum Beispiel, dass ihr Werber aus Hamburger seid. Stimmt das?

Nein. Und das Gerücht nervt. Hamburger Werber ist ja mit das Schlimmste, das einem nachgesagt werden kann. Da sind Schlosser aus Bottrop hundert Mal sympathischer. Definitiv sind wir keine Werber. Und nicht aus Hamburg.

Was habt ihr denn vorher gemacht?

Also, icke hab’ gejobbt – mehr verrate ich nicht. Und ,Er’ hat finanziell eher erfolglos immer schon Beats gemacht.

Ihr spielt mit den gängigen Ghetto-Rap-Klischees. Was haltet ihr vom Hip-Hop?

Mich hat der noch nie interessiert, aber ,Er’ ist natürlich 100 Prozent Hip-Hop. Aber so Phrasen wie „Ick stech dir ab“, „Mein Schwanz ist drei Meter lang“ und „Deine Mutter ist eine Hure“ sind doch echt unnötig.

Wie kamt ihr denn bei Rappern an? Die Berliner Szene gilt als ziemlich brutal.

Ach, Sido mochte uns sogar, vielleicht, weil er sehr ironisch ist. Aber vielen scheinen wir einfach egal zu sein.

Im Moment tobt ja auch die Diskussion um die Jugendgewalt. Roland Koch hat die Debatte angefangen ...

... und der nervt. Ganz ehrlich: Er ist ein schlechter Politiker und ich hoffe, der gewinnt am Sonntag nicht die Wahl. Aber klar, Jugendgewalt ist ein Thema, aber es muss doch andere Wege geben, als Leute immer früher in den Knast zu stecken.

Ihr habt jetzt anderthalb Jahre eure Show durchgezogen. Der schönste Moment?

Zwei Dinge: Einmal unseren Spandauer Atzen Bela B. von den Ärzten kennenzulernen und mit unserem Jugendidol Rolf Zacher ein Video aufzunehmen.

Und wie geht es bei euch weiter?

Also, erst mal werden wir ausschlafen und von dem bisschen Geld leben, was wir verdient haben.

Was erwartet uns denn beim Abschiedstour-Abschlusskonzert? Verratet ihr auf der Bühne eure Namen?

Nee, aber ihr dürft Emotionen, Emotionen, Emotionen erwarten. Wir werden ziemlich traurig sein, aber am Ende werden wir einfach „Tschüss“ sagen, weil es jetzt am schönsten ist. Und da soll man ja bekanntlich aufhören.

Das Gespräch führte Ric Graf.

DIE STARS

Sie waren der Witz des Jahres. So nennen sich „Icke & Er“ selber. Im Oktober 2006 veröffentlichten sie ihren Song

„Rischtisch geil“, stellten ihn auf Myspace – und wurden die ersten deutschen Internet-Stars. Es folgte ein Youtube-Video und ein Plattenvertrag bei Fourmusic, die sonst nur prominente Musiker wie Max Herre oder Clueso vermarkten. Allein das Originalvideo wurde fast 300 000 Mal angeklickt.


DIE TYPEN

Die bürgerlichen Namen von „Icke & Er“ sowie ihr Alter sind unbekannt. „Er“ redet auch fast nie – vielleicht kann er noch weniger berlinern als „Icke“. Beide sollen aus Hamburg kommen. In ihrem Video fahren sie einen Mercedes mit dem Kennzeichen „HH“, was bekanntlich für die Hansestadt steht. Angeblich wurde es auch in Hamburg gedreht.

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