Werbinich : Im Stadium der Kinderkrankheiten

Ganztägige Betreuung, frühere Einschulung: Eine Zwischenbilanz nach sechs Monaten

Susanne Vieth-Entus

„Es war ein bisschen viel auf einmal, aber es geht in die richtige Richtung“, sagt Elke Hübner von der Schöneberger Fläming-Grundschule. Vor einem halben Jahr hat sie mit 440 anderen Berliner Grundschulleitern die Aufgabe bekommen, eine der größten Reformvorhaben der vergangenen Jahre umzusetzen: Die Schulen mussten die Horte aufnehmen, das Mittagsessen organisieren, Fünfeinhalbjährige einschulen und die Kooperation zwischen Lehrern und Erzieherinnen anschieben. Wir haben herumgefragt, wie die Zwischenbilanz der Schulreform ausfällt.

Nach wie vor skeptisch ist der Grundschulverband. Alle Befürchtungen hätten sich bestätigt, sagt Vorstandmitglied Inge Hirschmann, weil die räumlichen und personellen Vorgaben nicht ausreichten. Die Kinder hätten viel zu wenig Platz, um nach Unterrichtsende angemessen beschäftigt werden zu können: Die Raumvorgaben seien eine „Katastrophe“, sagt Hirschmann, die die Zille-Grundschule in Kreuzberg leitet. Um rein rechnerisch genug Quadratmeter aufweisen zu können, habe die Verwaltung auch Turnhallen und Werkräume zu Hortflächen deklariert, obwohl die oftmals „bis in die Nachmittagszeit“ besetzt und daher nicht für die Hortkinder nutzbar seien. Der Grundschulverband kritisiert auch das „untaugliche Arbeitszeitmodell“ der Lehrer. Es gehe nur von den Unterrichtsstunden aus und berücksichtige nicht die Aufgaben, die durch die Kooperation mit den Erziehern und die Hortverlagerung entstanden seien. „Der Schulbetrieb läuft irgendwie, aber irgendwie ist nicht gut genug für Grundschulkinder“, lautet das Fazit.

Die Eltern drückt der Schuh an anderen Stellen. Sie klagen über die große Unruhe, die in den Horten herrscht: Früher gingen die Kinder nach der Schule in die überschaubaren Kita-Horte oder Schülerläden. Jetzt sind bis zu 300 Hortkinder unter einem Dach unterbracht – entweder im Schulhaus selbst oder in einem Horthaus. „Manche Horte schaffen es nicht, dass die Kinder Schularbeiten machen, weil die Unruhe zu groß ist“, klagt eine Elternvertreterin aus Spandau.

Noch nicht überzeugt ist die Elternschaft auch vom vorgezogenen Einschulungsalter von fünfeinhalb Jahren. Viele Kinder sind überfordert“, klagt Antje Moritz, Vorsitzende der Gesamtelternvertretung der Bouché-Grundschule Treptow. Spätestens nach der vierten Stunde seien sie nicht mehr aufnahmefähig.

Die Lehrer geben den Eltern teilweise Recht. „Die Befürchtungen in bezug auf die ganz Kleinen haben sich bei einigen Kindern bestätigt“, sagt Tilo Rosenkranz von der Bouché-Grundschule. Jetzt seien diese Anfangsprobleme aber von einem Teil der Schüler überwunden. „Grundsätzlich“ hält Rosenkranz die frühere Einschulung für richtig, sofern man bei sehr kindlichen Schülern Ausnahmen machen könne. Dies aber ist nicht vorgesehen.

Positiv bewertet Rosenkranz die Kooperation zwischen Lehrern und Erziehern. Die Erzieher seien zwei Stunden am Tag mit im Unterricht, was sich positiv auswirke. Dies unterstreicht auch Elke Hübner von der Fläming-Grundschule. Sie kann die ehemaligen Vorklassen-Erzieherinnen im Hort einsetzen, die wüssten – etwa bei der Hausaufgabenbetreuung – worauf es Lehrern ankomme.

Die eindeutigen Verlierer bei der Hortverlagerung sind die Befürworter von Schülerläden . „Von 250 Einrichtungen gibt es jetzt noch 70 bis 80, von denen nur rund 30 als reine Schülerläden überleben werden“, sagt Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden. Das große Sterben war erwartet worden und konnte auch nicht dadurch gestoppt werden, dass im letzten Moment Kooperationen zwischen Schulen und Schülerläden erlaubt wurden: Zu kompliziert erschien es vielen Bezirken und vielen Schulen, sich auf die Zusammenarbeit mit kleinen Trägern einzulassen.

Wie sehr diese Entwicklung an den Wünschen der Eltern vorbeigeht, zeigt die große Nachfrage, die jetzt an Schulen herrscht, die mit Schülerläden kooperieren. „Wir haben doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze“, berichtet etwa Uwe Jeske von der Friedenauer Stechlinsee-Grundschule, die mit sechs Schülerläden und bei einem weiteren freien Träger kooperiert, weil ihr Schulgelände zu klein ist. „Wir haben lange Wartelisten und weinende Eltern, die keinen Platz bekommen haben“, berichtet Dagmar Schulz vom Schülerladen „Große Pause“. Dass den Eltern wegen der Senatsvorgaben die Freiheit genommen wurde, sich selbst einen Hort auszusuchen, hält sie für „Sozialismus an der falschen Stelle“.

Die Bildungsverwaltung hält die räumlichen und personellen Reformvorgaben nach wie vor für ausreichend. „Bei uns liegen keine Beschwerden vor“, sagt Oberschulrätin Susanne Pape. Wenn es Probleme mit der Konzentrationsfähigkeit der sehr jungen Schüler gebe, müsse man den Vormittag auflockern – mit Bewegungseinheiten zwischendurch etwa. Bei einem Grundschulkongress im März sollen die ersten Erfahrungen und Probleme mit Fachleuten bilanziert werden.

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