Werbinich : In einem falschen Land

Sanja ist 17, Bosnierin und in Berlin aufgewachsen. Dann schickte die Ausländerbehörde sie wieder zurück

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Sie wird wie immer auch heute aufstehen, die Bettdecke aufschütteln und in der Hälfte falten. Sie wird die Treppe heruntergehen in ihrem Schlafanzug mit SnoopyAufdruck. Ist sie vor neun Uhr wach, kann sie duschen. Ist es später, wird schon kein Wasser mehr aus dem Hahn kommen. Dann muss sie Wasser aus der Regentonne schöpfen, die neben der Badewanne steht. Im Wohnzimmer wird ihr Vater auf dem Sofa liegen und fernsehen. Sie wird einen Mokka kochen, den sie dann am Kü chentisch in kleinen, regelmäßigen Schlucken trinkt.

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Als das letzte Mal etwas passiert ist in ihrem Leben, kam sie ins Gefängnis. Weil sie aus Bosnien ist. Abschiebegewahrsam, Berlin-Köpenick. Es gab Geschrei und Tränen, ihre Familie war auch da. Sie wurden vor Richter gestellt, Anwä lte kamen. Nach neun Jahren in Berlin hatte man ihnen am 10. August 2004 in der Ausländerbehörde gesagt, dass sie jetzt sofort ausreisen müssten. Sie kamen über Nacht in die Zelle und am nächsten Morgen wurden Sanja Ristic und ihr Vater Zoran abgeschoben. Die kleine Schwester und die Mutter durften noch bleiben.

Das ist heute genau 303 Tage her. So lange leben Sanja und ihr Vater jetzt bei den Eltern der Mutter, im Dorf Bukinje nahe der 100000-Einwohner-Stadt Tuzla. Über die Zeit hier sagt sie: „Jeder Tag ist die Kopie des vorherigen.“

Dieser Junianfang ist zu kalt – auch in Bosnien. Zehn Grad und Regen sind vorhergesagt. Sonst könnte Sanja draußen sitzen und die Sonne würde ihre kalten Hände wärmen. Nach dem Mokka wird sie sich zu ihrem Vater vor den Fernseher setzen, dann läuft „Ruby“, eine mexikanische Serie mit schönen Frauen und fiesen Intrigen. Das schauen hier alle, und wenn man sich trifft, unterhält man sich über die neuesten Gemeinheiten.

Sanja ist 17, bald wird sie 18. Sie ist hübsch, Typ Jennifer Lopez. Mit langen lockigen Haaren, die sie oft im Zopf trägt. Sie sagt: „Ich will mein Leben leben.“ Stattdessen macht sie nichts. Sie geht hier nicht zur Schule, arbeitet nicht, lernt niemanden kennen. Sie wartet, dass die Tür nach Deutschland wieder aufgeht.

1995 war Sanjas Familie nach Berlin gekommen, da war sie sieben Jahre alt. Sie bekamen eine Duldung, wie alle Bürgerkriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien. Duldung ist der schwächste Aufenthaltsstatus, den man haben kann. Er bedeutet nicht mehr, als dass nicht jetzt, sondern erst später abgeschoben wird. Zehn Jahre lang wurde die Duldung immer wieder verlängert, dann war plötzlich Schluss. Wieso, verstehen sie nicht.

In Berlin wollte Sanja Abitur machen, in der Jugendtherapie arbeiten. In Bosnien etwas Ähnliches anfangen? Niemals, sagt sie. „Hier gibt es doch nichts.“

Durch Bukinje führt eine u-förmige Straße. Hier leben viele alte Leute. Nachts bellen Hunde, tagsüber hört man Hühner. Das Haus der Großeltern hat keine Heizung, aber zwei Etagen. Oben schlafen, unten wohnen. Ü berall liegen Deckchen, stecken Kissen, hängen Fotos von den Kindern und Enkeln. Sanjas Zimmer war früher das Kinderzimmer ihrer Mutter. Es hat einen Balkon, von dem man auf die Ziegeldächer der Nachbarn guckt oder auf dunkelgrüne Wälder. Unberührte Natur, weil überall Minen liegen.

Vor einer Woche in diesem Zimmer: Sanja hat die Beine verknotet und nagt an ihren Fingernägeln. Sie sagt, dass sie jetzt mehr bete. Das helfe ihr. Sie ist mit zwei Konfessionen aufgewachsen. Ihre Mutter ist Kroatin, also katholisch, ihr Vater Serbe, also christlich-orthodox. In Berlin war das alles nicht so wichtig. Aber als in Jugoslawien der Bürgerkrieg war, da haben Kroaten, Serben und Muslime sich bekämpft. Heute leben in und um Tuzla fast nur Muslime. Der Vater traut sich deshalb kaum aus dem Haus.

Es gibt einen Bibelspruch, den Sanja im Kopf hat. Dass der Herr einem nicht mehr auflade, als man tragen könne. „Na ja, was soll’s“, sagt sie. Und: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Ein bisschen pathetisch. Aber tapfer. Wie viel Ungewissheit kann man eigentlich ertragen, wenn man 17 ist und das Leben plötzlich nicht mehr das ist, das man führen wollte?

Hinter dem Bett liegen Sanjas Hefte. Eine Klassenkameradin aus Berlin hat ihr Unterrichtsmaterial geschickt. Sie kann das fast alles auswendig. Sie würde so gerne wieder zur Schule gehen. „Ich brauche eine Struktur für meinen Tag“, sagt sie. Das Warten macht mürbe. Sie klappt ihr Tagebuch auf und liest ein Gedicht vor. Es ist kurz, nur drei Sätze. Mehr kann ich nicht, sagt sie. Sie müsse dann weinen. „Sie glättete Sorgenfalten und trocknete Trä nen“, steht in dem Gedicht. Es ist über ihre Mutter. Die Gedanken an die Mutter sind die schlimmsten. Die fehlt ihr. Der Vater kann die Lücke nicht schließen.

In Berlin ist inzwischen viel passiert. Einerseits. Sanjas kleine Schwester ist bekannt jetzt. Tanjas Klasse hat gegen die geplante Abschiebung demonstriert, dafür bekamen die Schüler Preise, am Grips-Theater wurde ein Stück über sie gemacht, das wird auch am 23. Juni in Stuttgart aufgeführt, dort tagt die Innenministerkonferenz. Es soll auch um ein Bleiberecht für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien gehen. Andererseits hat sich nichts geändert: Vor dem Oberverwaltungsgericht läuft immer noch das Verfahren, mit dem die Mutter ihre Anerkennung als bürgerkriegstraumatisierter Flüchtling erreichen will. Auch in Berlin warten sie also. Aber die sind zu Hause.

Wenn alle Rechtswege ausgeschöpft sind, will die Familie sich noch an die Härtefallkommission wenden. Die kann dem Innensenator vorschlagen, aus humanitären Gründen den Aufenthalt zu erlauben. Weil die Kinder hier groß geworden sind und es eine ungebührliche Härte wäre, sie in ein ihnen fremdes Land zu schicken.

Sanja war in den zehn Monaten zwei Mal in der Diskothek. Ihr Cousin hat sie mitgenommen, ein lustiger Typ, Mitte 20, Student. Mit seinem Opel sind sie durch die Nacht gefahren, die kurvigen Straßen rauf und runter. Die Disko hat zwei Tanzflä chen. Auf einer spielen sie Techno, auf der anderen Volksmusik. Die Jungs trinken Bier, die Mädchen halten sich an den Händen. Bunte Lampen flackern. Es ist voll, aber kühl, die Tanzfläche ist nur halb überdacht, man sieht die Bäume. Wie lange hat Sanja keine Freundin mehr an der Hand gehalten. Sie simst und telefoniert mit ihnen, aber manchmal hat sie Angst, dass sie vergessen wird. Die Disko gefällt ihr. Es sei ein bisschen wie das „Ku’dorf“ in Charlottenburg. Sie tanzt nicht, steht an einem Pfeiler, trinkt Cola. Sie trägt rosa Söckchen in Mokassins. Die anderen Mädchen sind grell geschminkt.

Am 11. August 2005 läuft eine einjährige Einreisesperre für Sanja aus. Dann darf sie nach Deutschland. Als Touristin. Wenn sie ein Visum bekommt. Wenn. Noch so ein Wenn. Ihr Vater erträgt das Warten schlechter als sie. Das sehen zu müssen, ist auch nicht einfach, und es ist keiner da, der sie ermuntert. Sie besucht Großtanten und -onkel und hört überall, dass es hier keine Zukunft gibt, und wie furchtbar es sei, dass sie wieder hier ist.

Dass die Alten kein Vorbild sind, hat sie schon mal erlebt. 1995 war sie die Erste, die Deutsch konnte. Sie hat für die Eltern und Bekannte bei Behördengängen gedolmetscht, Briefe übersetzt, Mietverträge, Kindergeldanträge. Es schmeichelte ihr, dass man sie brauchte. Aber manchmal hat sie auch gedacht: Lernt es doch selbst.

Auch heute wird in Bukinje das Wasser erst nachmittags ab 16 Uhr aus dem Hahn kommen. Vielleicht wäscht sie sich dann ihre Haare. Damit wäre sie eine Weile beschäftigt.

Abends werden sie alle fernsehen und dann, nicht so spät, geht sie ins Bett. Wieder einen Tag rumgekriegt in Bukinje bei Tuzla, wo sie nicht sein will.

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