Integration : Die Übersetzerin

Unsere Autorin denkt über den deutschen Pass nach. Vieles spricht dafür – nur die russischen Wurzeln nicht

Wlada Kolosowa

In welcher Sprache ich träume, werde ich oft gefragt. Das soll der ultimative Lackmustest sein, um zu überprüfen, zu welchem Kulturkreis man im Herzen gehört. Früher rollte ich nur die Augen, weil ich es müde war, zu erklären, dass die Antwort Russisch oder Deutsch sein kann. Inzwischen bin ich geduldiger. Ist ja nur nett gemeint, genauso wie das Kompliment, dass man „ja ganz ohne Akzent“ spreche.

Heute ist einer dieser Frage-Abende. Zusammen mit fünf Freunden stehe ich in der Schlange vor dem Club, der fies aussehende Türsteher rückt immer näher. Mit steinerner Miene mustert er jeden Ausweis, siebt die Minderjährigen aus und die mit den falschen Klamotten. Ich habe vorsorglich meinen Pass gezückt. Sofort bildet sich eine Traube um das zerfledderte Büchlein mit den kyrillischen Buchstaben auf dem Umschlag. Oh, man habe ja inzwischen ganz vergessen, dass ich „nicht von hier“ bin, wie witzig, als Staatsangehörigkeit steht ja tatsächlich „Russisch“ drin. Ein paar obligatorische Kommunistenwitze später kommt sie natürlich, die berüchtigte Frage: „In welcher Sprache träumst du eigentlich?“ Ich hole tief Luft, erkläre, dass das so einfach nicht sei. Kommt auf den Gesprächspartner in meinem Traum an, sage ich, und darauf, in welches Land ich im Schlaf reise. In russischen Träumen spreche ich Russisch, in deutschen - Deutsch. „Und welche hast du öfter?“ Mehr deutsche, würde ich sagen, aber die allerschönsten und die allerschlimmsten Träume sind auf Russisch.

Ich bin 23 und lebe bald genauso lang in Deutschland, wie ich vorher in Russland. Meine Mutter kommt aus einer Kleinstadt nahe Moskau, mein Papa aus einer Siedlung nahe Murmansk. Sie lernten sich als Studenten in St. Petersburg kennen, dort kam ich auch zur Welt. Mit zwölf heiratete meine Mama zum zweiten Mal, einen Russlanddeutschen. Mein Stiefvater zog nach Ulm um, wir folgten.

Neun Jahre lang ging ich dort auf das Gymnasium, machte das deutsche Abitur. „Krieg und Frieden“ mag ich immer noch mehr als „Effi Briest“. Dafür habe ich noch nie eine russische Email geschrieben, auf der Tastatur mit kyrillischen Buchstaben verirren sich meine Finger. Ich finde Würste und Spätzle ungenießbar, Kotleti und Golubzi um ehrlich zu sein aber auch. Am liebsten esse ich Italienisch. Meine Lieblingsserie ist „Glee“, meine Lieblingsstadt Tokio. Mein Genpool ist 100 Prozent russisch, im Kopf bin ich ein internationaler Flickenteppich, in dem das Gros der Stoffstückchen Schwarz-Rot-Gold ist. Manchmal wünsche ich mir, meine Eltern hätten in mir mehr Weiß-Blau-Rot erhalten als nur den Pass.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in der Bundesrepublik etwa 700 000 Spätaussiedler aus Russland. Fast drei Millionen Menschen haben Wurzeln in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Für die Mutter meines Stiefvaters, meine Ersatzoma,teilten sie sich aber alle in nur zwei Kategorien ein: Jogginghosenträger, die mit offenen Autos und Russlandschlager auf voller Lautstärke um den Block cruisen. Und die, die so tun, als würden sie nicht verstehen, was diese ihnen im Vorbeifahren hinterher brüllen. Oma, die selbst nahe Tula aufwuchs, hatte mindestens so viel Angst vor den bösen Russen, wie ihre deutschen Kaffeekranzkumpaninnen aus der Kriegsgeneration. Für sie war kristallklar, dass ich Kategorie zwei werden musste, um jeden Preis. Russische Freunde wurden mir natürlich nicht explizit verboten, aber es gab sie einfach nicht. Omas Anstrengungen habe ich ein makelloses Deutsch zu verdanken, leider aber auch die Verkümmerung meiner Muttersprache.

Ich bin erwachsen geworden, mein Wortschatz nicht. Der blieb auf dem Level einer Zwölfjährigen hängen. Wenn ich mit meiner Familie über Bewerbungen, Praktika, oder die Pille spreche, bleiben sie - Bewerbungen, Praktika, Pille. Quatsche ich im Russlandurlaub mit Gleichaltrigen, habe ich jedes Mal Angst, dass sie denken, ich sei geistig zurückgeblieben oder sehr einfach gestrickt. Vielleicht liegt es mitunter auch daran, dass ich nach zwei Wochen Urlaub immer erleichtert bin, zurück zu sein. Noch immer halte ich die Luft an, während Grenzbeamte meine Aufenthaltsgenehmigung beäugen und atme erst wieder auf, wenn ich offiziell wieder am deutschen Boden stehe. Leben und arbeiten möchte ich am liebsten hier, das steht ziemlich fest.

Die Schlange vor dem Club rückt immer näher an den eisernen Türsteher, mein russischer Pass ist inzwischen durch mindestens zehn Hände gegangen. Er ist aber nicht nur deshalb so speckig und zerrupft, weil er interessant ist, sondern auch, weil ich ihn überall mitnehmen muss: auf Reisen, in die Clubs und zum Bierholen. Eine Arbeitsteilung zwischen Reisepass und Ausweis gibt es bei mir nicht, der „Passport“ muss für alles hinhalten. „Warum tauschst du ihn dann nicht einfach gegen den Deutschen ein?“

Ich habe es mir oft überlegt. 2011 läuft mein russischer Pass ab, eigentlich eine gute Gelegenheit, einen deutschen zu holen. Ich erfülle alle Bedingungen: Ich wohne seit acht Jahren im Land und habe eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Ich beherrsche die deutsche Sprache und bin nicht auf die Unterstützung des Staates angewiesen. Ich habe weder Einträge in meinem Strafregister, noch etwas gegen die demokratische Ordnung. Eigentlich sollte es einfach sein. Deutsche zu werden kostet 255 Euro, allerdings kommen noch die Kosten dazu, aus der russischen Staatsbürgerschaft auszutreten – mindestens 400 Euro. Das Prozedere dauert etwa ein Jahr. Beide Staatsbürgerschaften behalten darf ich nicht. Nehme ich die deutsche an, brauche ich ein Visum, um nach Russland zu reisen.

Mit dem unbefristeten Aufenthaltstitel für Deutschland kann ich innerhalb der EU fast überall hin reisen. Ich brauche keine Genehmigung, um zu arbeiten, und kann an jeder deutschen Hochschule studieren. Bafög zu bekommen, ist allerdings fast unmöglich. Manche Stipendien, so wie die des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, sind ebenfalls Studenten mit deutscher Staatsangehörigkeit vorbehalten. Auch bin ich öfter in den USA gewesen als in der Schweiz – da darf ich ohne Visum nicht hin. Aber ansonsten mag ich das rote Büchlein.

Das war nicht immer so. Mit 17 wollte ich unbedingt eine standardisierte Plastikidentität: den Führerschein. Deshalb kämpfte ich mich anderthalb Jahre durch die Fahrschule, trotz schreiender Unbegabung und einer fast schon pathologischen Furcht vor dem Straßenverkehr. Den Führerschein benutzte ich nur zum Ausweisen, auf dem Fahrersitz habe ich seit der Prüfung nie wieder gesessen. Damals war es sehr wichtig, so zu sein, wie alle anderen. Erst an der Uni ist die Individualität, das Anderssein, zu einem Wert geworden. Mir wurde das Geschenk bewusst, eine Sprache, eine Kultur einfach so, für umsonst, bekommen zu haben. Was früher Stigma war, ist heute eine Auszeichnung.

Und es ist noch sehr viel in mir, was als typisch Russisch gilt: Die Ganz-Oder-Garnicht-Mentalität. Die Fähigkeit, in himmelhohen Absätzen zu laufen. Die Unfähigkeit, Smalltalk zu halten, weil ich alle Unterhaltungen auf die philosophische Schiene zu lenken versuche. Die Russin in mir bleibt, unabhängig vom Dokument. Wenn das so ist, könnte ich eigentlich auch einen deutschen Pass haben.

Dem Türsteher gefällt der russische übrigens besser. „Dobrij Wetsher, krasawitza“, sagt er, nachdem er meinen Ausweis gemustert hat, „guten Abend, Schöne.“ Zum ersten Mal geht sein steinernes Gesicht in einem Lächeln auf. Vielleicht überlege ich mir das mit dem deutschen Pass doch noch mal anders.

Dieser Text erschien erstmals im Auftrag des Goethe-Instituts

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