Junge Juden (I) : Ich will zur Bundeswehr

11 000 Juden leben in Berlin. Stellen wir doch einfach mal zwei von ihnen vor. Zum Beispiel Benjamin, 17. Wir trafen ihn im Jugendzentrum in Charlottenburg.

Jan Oberländer
Jude-Mann
Seine Perspektive. Benjamin wohnt seit sieben Jahren in Berlin. -Foto: David Heerde

Benjamin seufzt. Er kennt die ganzen Fragen schon. Wie es denn so sei, als junger Jude. Heutzutage. In Berlin. Der 17-Jährige sitzt im jüdischen Jugendzentrum in der Joachimsthaler Straße in Charlottenburg auf einem alten Ledersofa. Er trägt Jeans und Polo-Shirt, das Treffen mit seiner Jugendgruppe ist gerade zu Ende. Benjamin ist Gruppenleiter, er hat mit den Kindern ein Quizspiel gespielt. Jetzt lächelt er. Erst mal muss da was geklärt werden.

„Viele Menschen“, sagt Benjamin, „sehen das Judentum als Nationalität an. Da heißt es dann: Du bist Jude – aber du bist kein Deutscher.“ So was nervt ihn. Er ist in Hamburg geboren, hat in Köln gelebt, seit sieben Jahren wohnt er in Charlottenburg, geht in Mitte zur Schule. Nächstes Jahr macht er Abitur. „Ich sehe mich als Deutschen“, sagt er, sehr artikuliert, sehr entschieden. „Das ist meine Identität.“

Identität, ein großes Wort, aber warum sollte man kein großes Wort benutzen für ein kompliziertes Thema. Beim Deutschsein hört Benjamins Identität ja nicht auf. Er sieht sich natürlich auch als Juden, ganz klar sogar. „Ich bin religiös“, sagt er. „Aber nicht streng religiös.“ Zwar legt er morgens die Tefillin an, „meistens jedenfalls“: Er wickelt dann die schwarzen Lederriemen um Arme, Hände, Finger und Kopf, eine Viertelstunde dauert das Gebet, dann beginnt sein Tag. Aber, sagt Benjamin, „ansonsten benehme ich mich wie ein ganz normaler Mensch“. Benjamin zögert. „Ein ganz normaler deutscher Mensch.“ Hm. Er muss lachen. „Ein Mensch in Deutschland!“ Das ist es.

Benjamin ist ein sehr aktiver Mensch. Er engagiert sich im Jugendzentrum, ist Schülersprecher, nimmt dreimal in der Woche Gitarrenunterricht. Für nächstes Jahr plant er ein Musikfestival „für interreligiöses und interkulturelles Verständnis“. Er sucht noch Interessenten, jede Musikrichtung ist willkommen.

Übrigens trägt Benjamin auch keine Kippa, die runde Kopfbedeckung orthodoxer Juden. „Ich will mich nicht gesellschaftlich abgrenzen. Und das täte ich mit der Kippa“, sagt er. Ganz davon abgesehen, dass man auf der Straße dumm angeguckt würde, „das ist einfach so“. Wenn er Leuten begegne, die etwas gegen ihn haben könnten, „dann sage ich einfach nicht, dass ich Jude bin.“

Angst hat er nicht. Benjamin trainiert Krav Maga, eine Selbstverteidigungstechnik, die auch von der israelischen Armee eingesetzt wird. In Israel will er seinen Wehrdienst leisten. „Ich habe die israelische Staatsbürgerschaft, darum muss ich dort in die Armee. Aber ich will das auch, aus eigener Überzeugung.“ Vorher allerdings will Benjamin zur Bundeswehr. „Ich muss die Wehrpflicht ableisten wie jeder andere Deutsche.“

Das einzige Problem: „Ich weiß gar nicht, ob die mich nehmen.“ Benjamin wird nämlich darauf bestehen, koscher zu essen. Also etwa auf Schweinefleisch zu verzichten oder Milch und Fleisch nicht zusammen zu essen. Vielleicht, überlegt er, ist das für den Bund ein Problem. Im Alltag ist es keins. „Wenn ich mit meinen nichtjüdischen Freunden bei McDonald’s sitze, esse ich eben keinen Cheeseburger.“

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