Werbinich : Komm’ in die Gänge

Unser Autor über sein erstes Semester an der Universität – und die erste Hausarbeit

Stefan Hermes

Nach ein paar Monaten meint man, das Schlimmste sei überstanden. Es beginnt die „vorlesungsfreie Zeit“ – was manche problemlos mit „Ferien“ übersetzen. Man kann aufatmen, Optimismus mischt sich mit Leichtsinn: Nur noch eben eine Hausarbeit schreiben, und dann wochenlang rumliegen. Und Frauen schauen. Und Bier trinken. Na gut, vielleicht auch endlich einen Job suchen.

Die Hausarbeit soll eine Thomas-Bernhard-Studie werden. Da man diesen grantelnden Bergbauern und verdammt guten Schriftsteller während eines Proseminars fest ins Herz geschlossen hat, freut man sich sogar ein wenig. Man räumt den Schreibtisch auf, sortiert die zahllosen Bücher und Kopien und schaltet den Computer ein. Und das Hirn schaltet sich aus. Ein Bildschirm kann sehr weiß sein, so weiß, dass es weh tut. Nach zwei Stunden, in denen einem nichts, aber auch gar nichts einfallen will, werden die Schmerzen unerträglich. Man muss an die frische Luft. Oder in die Kneipe.

Das ist natürlich gemein. Denn was hat man vorher nicht schon alles mitgemacht? Ein dilettantisch organisierter Umzug ist nur unter größten Mühen bewältigt worden. Erst ziemlich spät hat man es geschafft, sich in der fremden Stadt nicht mehr ständig zu verlaufen. Und eines Tages hat es sich dann nicht mehr vermeiden lassen, erstmals die Uni zu betreten.

Dort fingen die Orientierungsprobleme an. Wo genau ist JK 31/230? Der Raum soll sich angeblich irgendwo in diesem obskur beschilderten Labyrinth aus völlig verqualmten Gängen befinden. An der Uni raucht übrigens jeder. Die Dozenten dürfen auch während der Seminare rauchen.

Nur weil eine angehende Kleinkindpädagogin einen an die Hand nimmt, steht man schließlich doch noch vor der richtigen Tür, natürlich zehn Minuten zu spät. In dem völlig überfüllten Raum befinden sich bereits zweihundert aufgekratzte Studienanfänger und ein genervter Mensch mittleren Alters, der das Programm für die nächsten Monate herunterleiert. Da alle zwei Minuten weitere Nachzügler eintreffen, muss er immer wieder von vorne anfangen. Sein blau-grünes Holzfällerhemd weist bereits riesige Schwitzflecken auf. Irgendwann zieht er seine Sandalen aus und steckt sich eine Ernte 23 an. Vor dem geschlossenen Fenster verrichtet ein Presslufthammer sein Zerstörungswerk.

Nach achtzig nervenzehrenden Minuten ergibt sich eine ebenso neue wie erschreckende Situation: Weil man die ganze Zeit auf dem Boden gehockt hat, plagen einen fürchterliche Rückenschmerzen, die Ohren brummen, unter den eigenen Armen haben sich riesige Schwitzflecken gebildet. Außerdem hat man sich in einem Anflug geistiger Umnachtung verpflichtet, in der nächsten Sitzung ein Referat über Friedrich Schlegel zu halten – ohne irgendeine Ahnung zu haben, wer dieser Schlegel überhaupt ist. Als Partner ist einem ein hektischer Streber zugewiesen worden, der glücklicherweise alles über Schlegel zu wissen scheint. Und über Schleiermacher. Und über Hegel. Trotzdem hätte man sich über eine schöne Frau auch nicht beschwert.

Aber wie dem auch sei: Schon ziemlich bald wird es besser. Die beunruhigende Vorstellung, dass alle anderen immer alles lesen, weicht der Gewissheit, dass alle anderen auch immer nur Kaffee trinken gehen. Man beruhigt sich ein wenig und glaubt immer seltener, den Verstand verlieren zu müssen. Selbst Professorenwitze, in denen es um die Masturbationsgewohnheiten Thomas Manns geht, lassen sich mit der Zeit ertragen.

Dennoch gilt es, vorsichtig zu sein. Der innere Frieden ist trügerisch. Denn wie gesagt: Die erste Hausarbeit steht erst noch bevor. Der Kampf mit dem leeren Hirn, dem grellweißen Monitor. Und unter Umständen kommt einem die rettende Idee erst nach mehreren schlaflosen Nächten: Man muss sich ja nicht gleich selbst etwas ausdenken. Man kann auch mit einem Zitat beginnen, einem Thomas-Bernhard-Zitat: „Du musst dich ganz einfach hinsetzen und anfangen, ohne nachzudenken, wie im Schlaf musst du den ersten Satz zu Papier bringen.“ Und irgendwie geht es dann auch.

Was allerdings nicht heißen soll, dass es wie von selbst geht. Ganz im Gegenteil. Zwar sind irgendwann ein paar Seiten geschafft. Aber natürlich stürzt ein Computer immer genau dann ab, wenn man vergessen hat, abzuspeichern. Man darf also wieder von vorne anfangen. Und zum zehnten Mal neu herausfinden, wie sich Fußnoten, diese kleinen, stummen Diener der Wissenschaft, mit dem anachronistischen Word-Programm von Papas ausgedientem Rechner in das Dokument einfügen lassen. Dann die Gliederung. Ist es wirklich professionell, wenn im Inhaltsverzeichnis der Punkt 4.6.3.5.3.2 auftaucht? Oder man stellt fest, dass das einzige Buch, das einen überhaupt noch retten kann, doch nicht so problemlos auszuleihen ist, sondern geklaut. Aus jeder verdammten Bibliothek Berlins.

Dennoch – irgendwann kommt der Tag, an dem man sein Meisterwerk dem durch und durch unzuverlässigen Hauspostsystem der Universität anvertrauen darf. Mit ein wenig Glück erreicht es nach einigen Tagen sogar das Sekretariat des zuständigen Dozenten. Und mit noch mehr Glück darf man sich Monate später auch endlich seinen Schein abholen. Der Dozent erinnert sich dann natürlich nicht mehr an einen. Aber egal – den Schein in den Händen halten, das fühlt sich ungefähr so an, als sei man gerade als erster Mensch barfuß durch die Sahara oder zum Südpol gelaufen. Also ziemlich gut. Erstmal auf dem Flur eine rauchen.

Trotzdem eine letzte Warnung: Bei der zweiten Arbeit wird es nicht leichter. Auf so etwas wie Routine sollte man gar nicht erst bauen. Und überhaupt: Wenn man erstmals einen Zeitungsartikel schreiben soll, wird alles noch viel schlimmer.

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