Werbinich : Liebe auf Stand-by

Semesterstart? Das bedeutet auch: Die Zeit der Fernbeziehung beginnt. Träume im ICE, Tränen allein im Bett und viel zu viele SMS. Unsere Autorin hat das alles durchgemacht.

Ann-Kathrin Nezik
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Auf meinem iPod gibt es dieses Lied von Kettcar, ich kriege es einfach nicht aus dem Kopf, vor allem nicht diese Zeile: „48 Stunden können allen, aber nicht uns genügen“.

48 Stunden, so lange dauern Fernbeziehungen und meistens gehen die so: Am Freitagabend hetzt man zum Zug, rast im ICE durchs Land, voller Vorfreude und Hoffnung, sieht den Freund auf dem Bahnsteig stehen, hat Schmetterlinge im Bauch und 48 schöne Stunden. Und dann ist es plötzlich Sonntagabend und alles wieder vorbei. Im ICE fährt man durch die Dunkelheit nach Hause und manchmal weint man leise vor sich hin. Ich hab’ das hinter mir.

Mein Freund Christian und ich wollten nach dem Abitur raus aus dem Sauerland, diesem Kaff mit seinen 7000 Einwohnern, meinem Heimatdorf. Wir wollten in Berlin studieren, gemeinsam, aber dann kam der Zivildienst bei Christian dazwischen. Er musste Betten im Krankenhaus schieben, während ich im fernen Berlin saß. Einfach so hatten sich 511 Kilometer zwischen unsere Liebe geschoben.

Fernbeziehungen kennen viele von uns, vor allem jetzt, da für 134 000 Studenten das Wintersemester an den Berliner Unis begonnen hat und viele in einer fremden Stadt sitzen, viel zu viel telefonieren und in kalten Herbstnächten traurige SMS verschicken. Und aufs Wochenende warten, auf diese 48 Stunden, die nur uns gehören sollen.

Bei mir war das so: Das Ticket in meine Heimat kostet 174 Euro, hin und zurück. Selbst mit meiner Bahncard und komplizierten Sparangeboten waren es immer noch 60 Euro, das ging gerade so, wir waren ja wenigstens an jedem zweiten Wochenende zusammen. Dass in dieser Zeit mein Konto litt, egal. Mein Herz tat viel mehr weh.

Anfangs kannte ich in Berlin kaum jemanden, schon gar keinen, der mich mal in den Arm nehmen sollte. Christian hatte sein bequemes, altes Leben, die Freunde und unsere Lieblingsplätze, zog mit der Clique los und hatte Spaß. Und ich? Ich wollte ja keinen Typen kennenlernen und hockte so mit Miracoli auf dem Sofa, schaute mir die „80er-Show“ mit Oliver Geißen an und fragte mich, ob nicht auch diese dämliche Ex von Christian auf die Dorfparty ging. Es war, pardon, zum Kotzen.

Rumjammern brachte nicht viel, mir war doch auch klar, dass meine Geschichte nur eine ist von vielen. Freundin Olga war zum Studieren nach Berlin gekommen, ihr Freund in der Ukraine geblieben. Esther hatte ihren Freund in Ecuador kennengelernt, als sie dort ein Freiwilliges Soziales Jahr machte. Und Luise wurde von ihrem Freund schon seit ein paar Jahren nur am Wochenende geknutscht, weil der in Rostock einen Job gefunden hatte.

Die klassische Beziehung ist ein Auslaufmodell, Pech. Wir sind die Generation mobil. Immer auf dem Sprung. Heute hier, morgen dort. Warum? Weil wir wollen und weil wir sollen. Wir wollen bei einem Hilfsprojekt in Nigeria arbeiten und mit dem Rucksack durch Australien reisen. Wir sollen im Ausland studieren und überall in Deutschland Praktika machen. Dass unser Liebesleben null Chancen hat, damit Schritt zu halten, darüber denken wir doch erst nach, wenn wir mittendrin stecken in der Fernbeziehung.

Ich wollte es nicht wahrhaben, aber einsame Menschen werden mit der Zeit echt schräg. Ich war das beste Beispiel dafür, denn ich entwickelte einen merkwürdigen Tick: Ich griff abends zu meinem kleinen, schwarzen Taschenkalender und strich die abgelaufenen Tage durch und wusste so, wie viel ich schon geschafft hatte seit dem letzten Wochenende mit Christian und wie viel noch vor mir lag. Und so maulte ich anfangs noch Kommilitonen an, verkroch mich in meiner Wohnung, grüßte nach ein paar Tagen immerhin wieder Menschen und zwinkerte schließlich fröhlich morgens dem Hausmeister zu.

Der wusste dann: Aha, es ist Freitag, um 22.21 Uhr kommt ein ICE im Hauptbahnhof an. Mit diesem Christian an Bord.

Eine Stunde lang schloss ich mich in meinem Minibadezimmer ein, um das ganz große Beautyprogramm abzufahren und mich in meine roten Pumps mit dem Mörderabsatz zu quälen. Und so stand ich schließlich am Bahnsteig, so aufgekratzt, als sei ich 13 Jahre alt und hätte gleich mein erstes Date. Mein Blick klebte an der Bahnhofsuhr, dann kam der ICE, die Türen gingen langsam auf und irgendwo im Getümmel entdeckte ich Christian. Ich vergaß meine High Heels, die aufgescheuerten Zehen und den wunden Hacken und lief einfach los (Ich glaube mich heute übrigens zu erinnern, dass da an Gleis zwölf stets noch ein paar andere Mädels und Jungs mit Rosen in der Hand standen und immer denselben, leicht verrückten Gesichtsausdruck hatten wie ich). Mit der Zeit normalisierte sich das Prozedere, und Lisa, eine pragmatische Freundin, sagte mir mal bei einem Glas Wein: „In der Woche kann ich mich voll dem Studium und meinen Freunden widmen.“ Das Wochenende sei für ihren Freund reserviert. „Das hält die Liebe frisch.“

Irgendwie hatte Lisa ja recht. Der Beziehungskiller Alltag hat erst einmal wenig Chance in einer Fernbeziehung. Auch ich habe an den gemeinsamen Wochenenden gelassen darüber hinweggeschaut, wenn Christian mal wieder sein nasses Handtuch auf dem Boden liegen ließ oder sein Wurstbrot dick mit Senf (Und Mayonnaise! Und Butter! Und alles auf einmal!) bestrich. Ich lachte darüber.

Die Monate vergingen. Ich schrieb vollautomatisiert jeden Morgen und jeden Abend eine SMS – wer schreibt das eigentlich in Fernbeziehungen vor?! – , wir telefonierten jeden Tag, auch wenn wir eigentlich nichts zu sagen hatten (was ein ziemlicher Krampf sein kann, zumal die Ausrede „Ist so teuer, ich muss auflegen!“ wegfällt, weil es ja billige Flatrates gibt). Nach einem Jahr ist Christian dann nach Berlin gezogen. Mein Quasi-Single-Dasein war beendet, ich ärgerte mich wieder über angebissene Äpfel und herumliegende Socken, hatte aber meinen Freund wieder. Na bitte.

Im Frühjahr nun muss ich weg, in die USA, dann bleibt er in Berlin. Wir genießen bis dahin die Zeit, werden die Liebe souverän auf Stand-by schalten und in den Fernbeziehungsmodus übergehen. Nicht schön, kann man aber aushalten. So viel Mut will ich an dieser Stelle mal machen.

Und wie ist das bei euch? Mailt uns doch eure Geschichte (inklusive Alter) an: werbinich@tagesspiegel.de. PS.: Wir hatten letztes Mal nach jungen Bands gefragt. Wir bekamen so viele Tipps, toll. Bald stellen wir die besten vor. Bis dahin könnt ihr ja auf unsere neue Musikseite www.tagesspiegel.de/pop gucken.

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