Werbinich : Literatur in der S-Bahn: Schüler lasen den Fahrgästen vor

Paul Dalg

Fährt man kurz vor Weihnachten mit der U- oder S-Bahn, so begegnen einem manch seltsame Gestalten. Neben den üblichen Straßenzeitungsverkäufern gibt es inzwischen auch rappende und poetisch reimende Verkäufer - und wer am Freitagnachmittag mit der Ringbahn S41 fuhr, bekam sogar während der FahrtWeihnachtsliteratur zu hören. Etwa 15 Schüler des Gymnasiums Steglitz hatten Gedichte und Kurzgeschichten ausgesucht, die sie in den Zugabteilen vortrugen. Die meist kurzen Texte beschäftigten sich auf komische, kritische oder auch traurige Art und Weise mit dem Weihnachtsfest. Loriot, Robert Gernhardt und Kurt Tucholsky ließen einen eher hintersinnigen Blick auf das gegenseitige Beschenken zu. Und dann waren noch echte Klassiker zu hören wie Ausschnitte aus Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder der „Blechtrommel“ von Günter Grass.

„Ein bisschen nervös sind wir schon", gaben einige Schülerinnen zu. Die Aktion wurde zunächst von den Mitreisenden auch höchst unterschiedlich aufgenommen. Nach dem Einsteigen waren die meisten eher verwundert oder guckten skeptisch. Ein sonnenstudiogebräunter Zwanzigjähriger machte einen sehr belästigten Eindruck, ein anderer beschwerte sich sogar: „Ich lese nicht, ich will das nicht hören!" – und hielt sich die Ohren zu. Andere Passagiere wechselten nach einer Station den Wagen.

Doch nach und nach änderte sich die Stimmung, und - die Reisenden guckten zwar wie immer abwesend aus dem Fenster, doch beim genauen Hinschauen sah man deutlich gespitzte Ohren. Ein älteres Ehepaar zeigte sich besonders begeistert - der Mann für die Kekse, die von den Schülern rumgereicht wurden, die Frau für Gernhardts doppeldeutige Weihnachtsgeschichte „Die Falle". „Tolle Aktion", sagt sie noch beim Aussteigen. „Mami, können wir nicht noch weiterfahren?" Vor allem die S-Bahnfahrenden Kinder zeigten sich begeistert, auf langweiligen Bahnfahrten mit Janosch verwöhnt zu werden. Gut eine Stunde später, die Ringbahn ist wieder am Ausgangspunkt angekommen. Die Schüler und Oliver Holtfrerich, der begleitende Lehrer scheinen mit dem Experiment „Literatur in der S-Bahn" zufrieden. Die Vorträge waren manchmal zu leise, manchmal war der Betriebslärm störend - aber die Schüler und Schülerinnen zeigten sich erstaunlich textsicher und ausdrucksstark.

Die Literaturgruppe des Gymnasiums Steglitz besteht aus rund 25 Schülern zwischen der 10. und 13. Klasse. Bereits 2005 hatte anlässlich des Welttags des Buches eine Leserundfahrt in der S-Bahn statt gefunden.

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