Werbinich : Runter vom Gras

Zwei Jahre lang waren Joints das Wichtigste in seinem Leben. Vorbei. Ein Protokoll der Abstinenz

Jonathan Grün

Seit ich clean bin, scheiße, wie ich diesen Begriff hasse, aber so ist es wohl, seit ich clean bin, habe ich das Gefühl, dass mein Kopf mir alle Träume, die ich in den zwei Jahren verpasst habe, nachträglich auf einmal zeigen will. Es sind Träume von Abenden, die ich mit Freunden verbringe. Von Flügen über Wolken. Von Farbfeldern, die rasend schnell an mir vorbeiziehen. Ich träume von Dingen, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Und nie träumen konnte. Wer kifft, träumt nicht.

Folgende Szene hingegen erlebte ich in Dauerschleife: Fünf Typen hocken auf einer Parkbank, auf einem Spielplatz oder sonst irgendwo. In unregelmäßigen Abständen wird etwas vom einem zum anderen weitergereicht. Es riecht. Die Typen kiffen. In letzter Zeit habe ich ziemlich häufig zu so einer Gruppe gehört.

Aber damit muss jetzt Schluss sein. Genug, aus, vorbei. Ich höre auf zu kiffen. Es läuft auch ganz gut. Seit fast einem Monat hab ich nichts mehr geraucht. Das ist für mich eine verdammt lange Zeit. Verdammt lang. In den zwei Jahren vor diesem doch radikalen Sinneswandel habe ich quasi jeden Tag gekifft.

Das geht ans Geld.

Das geht an die Substanz.

Das geht ans Gemüt.

Und auch an den Charakter.

Ich bin lethargisch geworden. Ich habe nach und nach meine Interessen verloren. Alles wird irgendwie langweilig und monoton. Partys, Kino, abends weggehen, Schule oder auch allein zu Hause rumsitzen, oh wie langweilig. Nichts geht mehr ohne ein bisschen Gras.

Es ging langsam, bis ich dahin kam, schleichend. Das ist das Gefährliche daran. Man sieht die Veränderungen selber nicht. Und wenn doch, in einem klaren Moment, dann hat man als Kiffer immer eine passende Ausrede parat. „Ich verändere mich einfach.“ „Ich bin ja noch in der Entwicklung, bin erst19 Jahre alt.“

So oder so ähnlich habe ich mich selber belogen. Als notorischer Kiffer kommt man aber nicht um die Selbstlüge herum. Es fängt mit den kleinen Ausreden an. Typische Frage von Freunden, von Eltern: „Was ist denn mit deinen Augen?“ Jeder Kiffer kennt diese Frage. Und die Antworten. Die kommen wie aus der Pistole geschossen. Selbst, wenn man so breit ist, dass man nicht mehr geradeaus-gucken kann. „Wir haben Shisha geraucht.“ (Wahlweise auch sehr viele Zigaretten). Oder: „Meine Kontaktlinsen sind dreckig geworden.“ Oder: „Ich bin einfach nur müde.“ Man glaubt sich irgendwann selber.

Die Ausrede mit der Müdigkeit ist allerdings mit Sicherheit die, in der am meisten Wahrheit steckt. Müde ist man irgendwie immer. Aber ich habe trotzdem nicht gut geschlafen.

Das erste Mal habe ich auf einer Party bei einem Freund gekifft, vor vier Jahren war das. Nur mal ausprobieren, dachte ich. War nicht übel. Alles ist einfach lustiger. Die Wahrnehmung ist verschoben. Zeit, Entfernung und Bewegung. Es kann passieren, dass man eine halbe Stunde am Stück lacht. Man kann nicht mehr aufhören. Wenn man so einen Lachflash hat, lacht man einfach über alles. Über sich selbst, seine Finger, über die Art, wie jemand zur Tür reinkommt. Ein weiterer Vorteil ist, man ist nie allein. Kiffen ist gesellig. Man lernt zwangsläufig immer neue Leute kennen.

Kifft man zu viel, gewöhnt man sich an alles. Es gibt irgendwann keine Lachflashs mehr. Und auch keine veränderte Wahrnehmung. Immer nur das gleich dumpfe, betäubende Gefühl im Kopf. Ich habe es nicht mehr genossen.

Es gab natürlich Gründe dafür, dass ich die letzten zwei Jahre so gelebt habe. Wahrscheinlich lag es an der familiären Situation. An Langeweile. Und an Selbstüberschätzung. Anfangs hab ich mir immer gesagt, dass ich nur am Wochenende Gras rauche. Höchstens ein-, zweimal im Monat. Und das ist dann aber immer mehr geworden. Ist ja nicht so schlimm, habe ich mir gesagt. Ich hab das im Griff. Ich könnte jeder Zeit aufhören, wenn ich es wollte.

Wie lächerlich. Irgendwann ist der Punkt, an dem man leicht hätte aufhören können, vorbei. Bei mir war das, als ich merkte: Ich kiffe lieber, als mich mit meiner Freundin zu verabreden. Da dachte ich: Vielleicht bin ich süchtig.

Und das war vor fast einem Monat. Seitdem kämpfe ich mit mir selbst. Die erste Woche war die schwierigste. Ich konnte nicht schlafen. Und wenn, dann nur ein, zwei Stunden. Danach bin ich schweißgebadet aufgewacht. Ich musste täglich den Drang unterdrücken, mir Gras zu kaufen und wie üblich auf meinen Vorsatz zu scheißen.

Ich hätte es besser wissen können. Mein Bruder hat sich die Schule versaut mit der Kifferei. Und Jahre gebraucht, um wieder in seine Spur zu kommen. Ich hatte immer im Kopf, dass ich schon nicht so blöd sein werde. Aber wenn ich ehrlich bin, und das bin ich jetzt wieder, die letzten beiden Jahre hatte ich nichts mehr unter Kontrolle. Mit bekifftem Kopf sagt man Sachen, die nur peinlich sind. Man fühlt sich im Augenblick des Streits immer missverstanden und wähnt sich vor allem im Recht. Am Anfang hatte ich nach solchen Streits immer ein schlechtes Gewissen. Auch wegen der Geschichten, die ich über meinen Aufenthalt, meine Augenfarbe, die schulischen Leistungen und, und, und erfunden habe. Ich wusste, dass meine Eltern mir nicht glaubten, aber wenn ich ihnen die Wahrheit gesagt hätte, hätte ich mir selber die Wahrheit sagen müssen.

Das schlechte Gewissen legt sich mit den nächsten Joints. Ich hab’ immer mehr verdrängt, dass das, was ich von mir gebe, frei erfunden ist. Die Lüge wird zum ständigen Begleiter.

Irgendwann erscheint selbst das Kiffen in der Schule nicht mehr abwegig. Zum Beispiel haben meine Freunde und ich in einer zwanzigminütigen Pause einen Blunt (ein Joint, der pur, also nur mit Gras gefüllt wird) und einen normalen Joint geraucht. Wir waren zu sechst und alle unglaublich breit. Wir haben den ganzen Tag im Unterricht nur noch gelacht. Heute bin ich sicher, dass die Lehrerin genau wusste, was los war. Damals kamen wir uns ziemlich schlau vor.

Ich habe Freunde, die immer zu mir gestanden haben, vor den Kopf gestoßen. Ich habe mich einfach nicht mehr darum gekümmert, was sie so machen. Brauch’ ich Freunde? Drauf geschissen, ich rauch’ lieber einen! Schule? Who cares? Lieber einen kiffen! Les’ ich jetzt mal wieder ein Buch? Geh’ ich Fußball spielen? Zeichne ich ein Bild? (Alles Sachen, die ich früher gerne und praktisch jeden Tag gemacht habe.) Nee, ich kiff’ lieber noch einen, dann muss ich nicht dran denken, was ich alles machen könnte! Das lag an meiner Faulheit, der Kiffer-Lethargie. Ich wurde zu faul, mir etwas zu essen zu machen. Zu faul zum Fernsehen. Obwohl dazu ja nun wirklich nicht viel Fleiß gehört. Zu faul zu allem. Nehme ich noch einen Joint, ist doch alles cool!

Inzwischen klappt das Leben ohne Joints immer besser. Ich will jetzt nur neue Grenzen suchen. Klarere, selbstbestimmter. Erstens: das Abitur schaffen.

Schwierig wird das Durchhalten für mich nur noch, wenn ich mich am Wochenende mit den Leuten treffe, mit denen ich die letzten zwei Jahre verbracht habe und zusehe, wie sie kiffen. Dann überkommt mich jedes Mal so ein Kribbeln, und ich würde am liebsten auch wieder zur Tüte greifen. Klar treffe ich die weiter. Eins will ich auf keinen Fall: Das Kiffen verdammen! Jeder soll das mit sich selbst ausmachen. Und ich bin heute nach jedem Abend ohne Gras stolz auf mich, widerstanden zu haben.

Die bessere Musik höre ich allerdings immer noch mit den Kiffern.

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