Werbinich : „Schüler brauchen ein Publikum“ Wie Schreiben mehr Spaß macht

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Warum schreiben viele Schüler nicht gern?

Meistens müssen sie in der Schule Texte schreiben, die mit ihrem Alltag wenig zu tun haben. Außerdem gibt es in der Regel nur einen einzigen Leser für die Texte: den Lehrer. Grundschüler schreiben noch gerne für ihre Lehrerin, weil sie sie lieben. Aber für ältere Schüler ist das keine Motivation mehr. Sie schreiben also in der Regel für die Note, nicht weil sie irgendjemandem etwas mitteilen wollen. Damit Schüler Spaß am Schreiben finden, brauchen sie reale Schreibanlässe, die an ihre Lebenswelt anknüpfen – und mehr Leser als nur ihren Lehrer.

Wie sehen „reale Schreibanlässe“ aus?

Ein Beispiel: Wir haben gerade ein Projekt mit Hauptschülern abgeschlossen, die ein sechswöchiges Praktikum in einem Betrieb machten. Wenn man denen sagt, beschreib mal die Stationen deines Praktikums, sind sie nicht motiviert. Wir haben stattdessen einen klaren kommunikativen Auftrag gegeben: Beschreib deine letzte Station für die Schüler, die nach dir dorthin kommen. Damit war gleich eine ganz andere Motivation da: Ich will vor meinen Mitschülern als sachkundig dastehen, meine Informationen sind wichtig für sie.

Und wie schafft man solche realen Schreibanlässe im eher theoretisch angelegten Unterricht – in Deutsch oder Geschichte?

Auch da gibt es viele Möglichkeiten, die Schülern Spaß machen: zum Beispiel einen Prosatext in ein Drama umformulieren und das dann aufführen. Oder: Die Schüler befragen Fachleute, wenn sie ein Sachthema darstellen sollen, und geben ihnen hinterher den Text zum Lesen. Letztlich kommt es nicht auf die Schulart oder das Fach an, die Prinzipien sind immer dieselben: Die Schüler brauchen Rückmeldung von Gleichaltrigen oder Dritten, um ihre Texte zu überarbeiten. Es ist wichtig, dass sie erproben, wie ihre Texte bei einem echten Publikum ankommen. Und sie müssen dafür auch Anerkennung erhalten, ihre Texte sollen gewürdigt werden, etwa in einer Präsentation oder Ausstellung.

Sie haben viele Ideen aus den USA mitgebracht. Sind uns die Amerikaner in der Schreibpädagogik voraus?

Ja, denn dort gibt es seit reichlich hundert Jahren die Tradition, dass man Schreiben lehren und lernen kann, bis hin zu seinen literarischen Formen. Dort hat jede Hochschule ihr Schreibzentrum, und im Englisch-Unterricht wird viel mit den Methoden gearbeitet, die ich beschrieben habe. Davon können wir lernen.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte. Gerd Bräuer hat das Buch „Schreiben(d) lernen – Ideen und Projekte für die Schule“ herausgegeben, das jetzt in der Reihe edition Körber Stiftung erschienen ist (200 Seiten, 12 Euro). Für sein Konzept, schulische Schreibzentren nach amerikanischem Vorbild in Deutschland aufzubauen, zeichnete ihn die Körber Stiftung in ihrem Transatlantischen Ideenwettbewerb „US Able“ aus.

www.ph-freiburg.de/schreibzentrum

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