Werbinich : Schüler ohne Klassenzimmer Privatschule und Bezirk streiten über Räume

Lisa Garn

Wenn von seiner Schule die Rede ist, bekommt Jurek Weitzsch schlechte Laune. Aber nicht, weil er ungern hingeht, sondern weil er nicht weiß, ob sie nach den Ferien überhaupt aufmacht: „Das finde ich richtig blöd. Die Schule fängt bald an, ich will meine Freunde wiedersehen.“

Der Siebenjährige ging bisher in die erste Klasse der Freien Schule Charlottenburg und ist einer von 16 Schülern. Mit nur sechs ging es im Sommer 2003 los. Das Ziel war eine Privatschule, die sich an der Reformpädagogik von Maria Montessori orientiert. Die Schüler sind zwischen sechs und elf Jahre alt und werden gemeinsam unterrichtet.

Bis zu den Sommerferien fand der Unterricht in Siegmunds Hof in Tiergarten statt. Dann musste die Freie Schule die Räume verlassen, weil das Studentenwerk wegen Eigenbedarfs zum 31. Juli gekündigt hatte. Jahrelange Verhandlungen mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf um einen Umzug an die Teufelsseechaussee scheiterten zu Beginn diesen Jahres. Anfang Juni machte die Behörde das Angebot, die Schule könne in die Loschmidtstraße ziehen.

Es folgten Verhandlungen über die Bedingungen der Nutzung. Der Bezirk wollte das Gebäude verkaufen, aber man konnte sich über die Details nicht einigen. „Trotzdem waren wir uns sicher, dass das irgendwie klappt. Es gab eine Willensbekundung vom Amt, uns die Räume zu überlassen und wir hatten den Schlüssel zur Besichtigung“, sagt Elternvertreterin Christine Weitzsch.

Bis zum 7. Juli wollte sich das Bezirksamt entschieden haben, ob es dem von Eltern und Lehrern gewünschten Zwischennutzungsvertrag zustimmt. Nachdem die Eltern von der Behörde nichts gehört hatten, schufen sie am 8. Juli Tatsachen: Sie brachten Inventar und Lehrmaterialien in die leerstehende Kindertagesstätte an der Loschmidtstraße. „Wir sind immer wieder vertröstet worden. Am Tag vor unserem offiziell angekündigten Umzug haben wir vergeblich auf die zugesagte Antwort gewartet. Da die Zeit drängte, haben wir zu diesem Mittel gegriffen“, sagt Schulgründerin Anne Blumenthal. Man habe keine andere Möglichkeit gesehen, den Schulbetrieb pünktlich zum neuen Schuljahr aufzunehmen.

Was die Eltern nicht wussten: Am 7. Juli hatte sich das Bezirksamt bereits gegen die Schule entschieden. Ein Zwischennutzungsvertrag kam nicht in Frage, weil der Bezirk keine Kosten mehr mit dem Gebäude haben und verkaufen wollte, sagt Jugendstadtrat Reinhard Naumann (SPD). Man habe überlegt, der Privatschule die Kita in der Glockenturmstraße anzubieten, aber dann sei die „Besetzung“ dazwischengekommen. Seitdem sieht das Amt keine Basis für weitere Verhandlungen. „Die Schule hat einen Vertrauensbruch begangen. Deshalb wird es keine weiteren Gespräche geben. Sie muss sich in anderen Bezirken umsehen“, sagt Naumann.

Die Schlösser in der Kita ließ Wirtschaftsstadtrat Bernhard Skrodzki (FDP) bereits austauschen. Die Immobilie soll an den Liegenschaftsfonds des Landes Berlin abgegeben werden. Der soll sie verkaufen. Ein Versuch der Privatschule, Vertreter des Bezirksamtes zu einem runden Tisch einzuladen, scheiterte. „Wir befürchten, dass wir die Schule schließen müssen“, sagt Anne Blumenthal. Viel Zeit bleibt nicht, neue Räume zu finden. In drei Wochen beginnt das neue Schuljahr.

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