Werbinich : Schüler werden Lehrer

Am Pankower Ossietzky-Gymnasium unterrichten Elftklässler jüngere Mitschüler – und alle profitieren

Tanja Koenemann

Im roten Dämmerlicht der Dunkelkammer ist Melanie Mank kaum zu sehen. Auf Fotopapier hat die Schülerin ein paar Stofffetzen, eine zerrissene Perlenkette und eine Schere arrangiert, die sie nun unter ein Belichtungsgerät hält. Die 16-Jährige ist den Anfängen der Fotografie auf der Spur. Sie arbeitet an einem Fotogramm, einem Bild, das entsteht, wenn man Gegenstände auf Fotopapier legt und belichtet – ohne Kamera. Später wird sie ihr Werk selbst entwickeln. Der 17-jährige Paul Lüttich hilft der Zehntklässlerin dabei. Er selbst geht in die elfte Klasse und betreut das Projekt „Im Dunkeln ist gut Munkeln“ im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow.

Der Lehrplan dort ist im Rahmen der jährlichen Projekttage zum vierten Mal fest in der Hand der Schüler. Lehrer eilen nur im Notfall zu Hilfe. In Eigenregie konzipieren Elftklässler den Unterricht für die neunten und zehnten Klassen. Insgesamt unterrichten 120 von ihnen 278 Mitschüler in kleinen Gruppen.

Die Schüler haben sich viel einfallen lassen. Da werden Bakterien gezüchtet, Schokolade wird hergestellt oder ein Radio gebaut. Sogar Krimis kann man schreiben. Spannend ist es auch im Chemieraum, wo plötzlich eine Stichflamme an die Decke zischt. Dieser Überraschungscoup soll die Schüler bei Laune halten, was auch gelingt: Langweilig ist hier niemandem, und zur Sicherheit guckt der Lehrer im Hintergrund zu.

Für die stellvertretende Schulleiterin Ilona Kowollik sind die jährlichen Projekttage zu einer festen Institution geworden. „Das Besondere an den Projekten ist, dass die älteren Schüler den jüngeren beibringen, was sie selbst im Unterricht gelernt haben.“ Deshalb würden sie den Stoff gründlicher aufnehmen und in ihrem eigenen Unterricht schon darüber nachdenken, wie sie es den jüngeren Mitschülern vermitteln können. „Indem sie diese Verantwortung übernehmen, bereiten sie sich gleich auf die mündlichen Prüfungen im Abitur vor“, beschreibt Ilona Kowollik eine weitere Komponente des Projekts. Zudem lernten sie Zeitpläne zu erstellen und Vorträge zu halten.

Clara Schulte, die auch an dem Fotogramm-Projekt mitgearbeitet hat, erzählt, dass sie kaum darüber nachgedacht habe, wie es ist, vor anderen zu sprechen. Sie hatte vielmehr die Befürchtung, dass die jüngeren Mitschüler nicht zuhören und sich gelangweilt mit den Tischnachbarn unterhalten. Das sei glücklicherweise nicht passiert. Viel Zeit hätten die älteren Schüler mit den Vorbereitungen verbracht, berichtet Melanie Mank. Die hätten in den letzten Wochen kaum für etwas anderes Zeit gehabt.

Für die Hilfslehrer war es bis zur letzten Minute spannend, denn zum Ende der Projekttage bewerteten die jüngeren Mitschüler das Engagement der Elftklässler in Fragebögen. Abgefragt wurde unter anderem, ob die Unterrichtsthemen verständlich aufbereitet worden sind und ob die Zeitplanung angemessen war.

Dass Letzteres gar nicht so einfach ist, mussten auch Clara Schulte und Paul Lüttich an ihrem ersten Tag lernen. Bevor ihre Schüler in der Dunkelkammer loslegten, um Fotogramme herzustellen, sollten sie einen Tag lang Theorie pauken. Beide waren erstaunt darüber, wie zügig sich die Gruppe den recht trockenen Stoff aneignete – so schnell, dass sie eine Dreiviertelstunde vor Ende des Projekttages fertig waren. „Das war blöd, wir hatten nichts vorbereitet“, sagt Paul Lüttich. Sie hätten dann gemeinsam gezeichnet und Stadt-Land-Fluss gespielt. Das war eigentlich nicht beabsichtigt.

Niemand scheint den Projektleitern die Notlösung übel genommen zu haben. Einige Schüler zeigten sich über die ansonsten straffe Zeitplanung der Elftklässler verwundert und waren überrascht, dass es so viel zu tun und so wenig Pausen gab. Auf den Bewertungsbögen war auch Platz für Verbesserungsvorschläge. „Seid ruhig etwas strenger – und nicht so aufgeregt“, hieß es dort.

Der Unterricht der Projekttage soll in die Zeugnisnoten mit einfließen. Während die Elftklässler gespannt ihrer Beurteilung durch die Lehrer entgegenfiebern, ist für die stellvertretende Schulleiterin Ilona Kowollik eines schon jetzt klar: „Eine Sechs wird garantiert niemand bekommen.“

Das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium lädt am Sonnabend von 10 bis 14 Uhr zum Tag der offenen Tür.

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