Semesterstart : Was für Typen

Mit Semesterbeginn füllen sich Hörsäle und Seminarräume wieder. Aber wer sitzt da eigentlich? Ein Überblick

Miriam Mogge
Mit wem man eine Vorlesung besucht, kann man sich nicht aussuchen. Besser man weiß, wer mit einem im Hörsaal sitzt.
Mit wem man eine Vorlesung besucht, kann man sich nicht aussuchen. Besser man weiß, wer mit einem im Hörsaal sitzt.Foto: dapd

Der Neuberliner

Er ist der urbanen Coolness wegen nach Berlin gekommen und besucht die Uni deswegen nur sporadisch. Verirrt er sich doch mal in den Hörsaal, dann nur, um sich von seinen Ausflügen ins Partyleben zu erholen – anders wäre es ihm nicht möglich, neue Clubs zu checken. Der Neuberliner wohnt – natürlich! – in Neukölln. Die dort um sich greifende Gentrifizierung findet er allerdings total doof. Mit seinem  Jutebeutel und einer Club Mate in der Hand versteht er sich als Vertreter einer neuen Avantgarde. Wenn er richtige Berliner kennenlernt, freut er sich wahnsinnig und versucht diese, mit Szene-Insider-Wissen zu beeindrucken.  

 

Der Urberliner

Dieser in Berliner Universitäten fast schon zur Randgruppe zählende Vertreter lernt an der Uni kaum neue Leute kennen, seinen Freundeskreis hat er ja noch von früher. Viele Probleme der Kommilitonen wie Heimweh oder das Zurechtfinden im öffentlichen Nahverkehr kann er nicht nachvollziehen. Während alle anderen auf Erstipartys in Kreuzberg rumschwirren, kennt er die versteckten Perlen Berlins. An der Uni ist er, um sein Studium durchzuziehen. Zielstrebig arbeitet er an seiner Karriere mit Praktika und guten Klausurnoten. So hat er das schon zu Schulzeiten gemacht, um überhaupt einen der heiß begehrten Studienplätze in seiner Heimatstadt zu ergattern.

 

Der Networker

Der Networker knüpft permanent Kontakte und hat bereits nach der ersten Uni-Woche 200 neue Facebook-Freunde. Seine Taktik, sich durch den Uni-Stress zu kämpfen, heißt: „Gemeinsam sind wir stark!“ Darum trifft man ihn häufig in Lerngruppen, und statt im stillen Hausarbeiten zu schreiben,  macht er lieber Gruppenprojekte. Die Erstifahrt ist ein Muss für ihn. Weil er so ziemlich den halben Hörsaal kennt, wird ihm in der Vorlesung auch immer ein Platz freigehalten. In der Bibliothek ist er Stammgast, aber statt sich in Bücher zu vertiefen, sitzt er meist mit einem Latte Macchiato in der Cafeteria.

 

Der Seniorenstudent

Das Berufsleben hat er bereits erfolgreich hinter sich gelassen, nun sucht noch einmal nach neuen Herausforderungen. Der Seniorenstudent ist älter als der Prof, in den Seminaren sitzt er immer außen in der Reihe, um die jungen Kommilitonen nicht zu stören – was aber dazu führt, dass niemand mehr zu den Sitzplätzen in der Mitte gelangt. Fleißig schreibt er auf einem Block das Vorgetragene mit. Besonders anstrengend ist der Seniorenstudent in Politik- und Geschichtsvorlesungen, wenn er den Dozenten ständig berichtigt mit den Worten: Das war ganz anders, ich war damals dabei!

 

Der Langzeitstudent

Er studiert auf Magister – und das schon seit 20 Semestern. Das Studium begreift er als Möglichkeit, sich umfassendes und fundiertes Wissen anzueignen. Dass er nichts von den Creditpoint sammelnden Bachelor-Studenten hält, ist klar. Ihm geht es um das reine Erkenntnisinteresse, eventuell auch um das günstige Semesterticket sowie das billige Mensaessen, aber das würde er natürlich niemals zugeben. Auf Partys plaudert er gerne mit ehemaligen Kommilitonen, die im Gegensatz zu ihm den Einstieg ins Berufsleben bereits geschafft haben. Ständig klagt er darüber, dass er gar nicht verstehen kann, wieso die Hochschulleitung ihm neuerdings Fristen für seinen Abschluss setzen will.

 

Der Karrierist

Seinen Bachelor-Abschluss hat er schon nach drei Semestern mit der Note1.0 in der Tasche, in den Ferien absolviert er Praktika bei namhaften Unternehmen. Neben dem Studium belegt er freiwillig zwei Sprach- und einen Projektmanagement-Kurs, denn das sind die Schlüsselqualifikationen, die der Arbeitsmarkt fordert. Der immer kompetent wirkende Hemdenträger finanziert sein Studium selbstverständlich über ein Stipendium. Nach dem Bachelor-Abschluss kann er sich vor Jobangeboten kaum retten. Das ermöglicht es ihm, direkt im Beruf durchzustarten und seinen Master noch neben bei via Fernstudium zu absolvieren.

 

Der Verbindungsstudent

Ein stilvoller Auftritt ist für ihn Ehrensache, und dazu gehört zu besonderen Anlässen gehört der  Wichs, eine Art Tracht in den jeweiligen Verbindungsfarben. Wenn er den Hörsaal nicht im Anzug betritt, dann zumindest in einem Polohemd unter dem Kaschmirpullover. Damen gegenüber weiß er sich zu benehmen. Sein Verbindungshaus bietet ihm einen sicheren Rückzugsort, um sich vor der hippen Berliner Szene zu verbarrikadieren. Dort im Keller stehen stapelweise Bierfässer bereit, die nur darauf warten, nach einem Mensurgefecht geleert zu werden.  Gute Noten strebt er zwar an, wirklich wichtig sind sie ihm aber nicht, denn der Berufseinstieg wird verbindungsintern von den älteren Generationen organisiert. 

 

Der Alternative

Die meiste Zeit seines Studiums ist er damit beschäftigt, den Audimax zu besetzen. Das für ihn relevante Wissen findet er nicht nur in Büchern, sondern vor allem in bewusstseinserweiternden Substanzen. Am liebsten würde er nur im Biomarkt einkaufen, weil dafür aber der Bafög-Satz nicht ausreicht – was er im Übrigen für eine Unverschämtheit hält – geht er regelmäßig containern. Dass es nach solchen Aktionen wochenlang nur abgelaufenen Dosenmais gibt, weil der Supermarkt um die Ecke selbigen entsorgt hat, nimmt er in Kauf. Nebenbei organisiert er gelegentlich eigene Seminare, in denen „wirklich jeder seine freie Meinung sagen darf“  zu nachhaltigem Wirtschaften, Klimawandel und dem Unterwandern des Kapitalismus in der Wohnküche seines Hausprojektes.

 

Der Nerd

Der zumeist männliche Vertreter dieser Spezies umgibt sich gerne mit seinesgleichen. Seine Kleidung  entspricht nicht aktuellen Modetrends, sondern ist zweckmäßig und praktisch. Er studiert, was die Zukunft braucht. Mit dieser Gewissheit im Hinterkopf stört es ihn nicht, ab und zu von Studenten anderer Fachrichtungen belächelt zu werden. Diese sind ohnehin auf ihn angewiesen, wenn kurz vor Fertigstellung  der Hausarbeit der Laptop mal wieder den Geist aufgibt. Richtige Freunde findet der Nerd nicht in der Mensa oder auf Partys, besonbers Letzteres hält er für Zeitverschwendung. Lieber tummelt er sich im World-of-Warcraft-Chat.

 


 

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