• So kommt das wahre Leben in die Klasse In der Freiligrath-Schule vermitteln Künstler und Fachleute, was auf Jugendliche im Beruf zukommt

Werbinich : So kommt das wahre Leben in die Klasse In der Freiligrath-Schule vermitteln Künstler und Fachleute, was auf Jugendliche im Beruf zukommt

Dorothee Nolte

„Sie hat einfach die besseren Augen“, sagt Kunstlehrerin Birgit Stanglmayr. „Sie sieht viel mehr als ich.“ Die Frau mit den besseren Augen ist die Malerin Renée Neuhaus, sie steht neben der 15-jährigen Melanie an einer Staffelei und begutachtet deren Werk. Einige Schüler der Klasse „Malerei“ der Kreuzberger Ferdinand-Freiligrath-Oberschule versuchen, in Kittel gehüllt vor ihren Staffeleien, das Titelblatt einer Zeitung in Schwarz-Weiß und Grautönen nachzuempfinden. Andere wagen sich schon in die Dreidimensionalität vor und malen eine zerknüllte Zeitung: Wie schafft man es, dass die vorstehende Papierkante auch im Bild hervorzuragen scheint? Dafür hat eine „echte“ Malerin wie Renée Neuhaus den besseren Blick als eine Kunstlehrerin. Die Schüler profitieren von ihren Hinweisen. Aber nicht nur sie: „Ich lerne sehr viel von ihr“, sagt auch Lehrerin Stanglmayr.

Seit zehn Jahren schon arbeitet Renée Neuhaus mit Schülern der Ferdinand-Freiligrath-Schule, jeden Dienstagvormittag ist sie hier. Sie ist eine von 13 so genannten „Dritten“, die an der integrierten Haupt- und Realschule tätig sind: Künstler, Experten, ganz normale Menschen, die Fachleute für ihr jeweiliges Gebiet sind, vom Fahrradmechaniker zum Schauspieler, von der Textildesignerin zur Medienkünstlerin. Wo sich normalerweise nur Lehrer und Schüler in einer künstlichen Lernsituation gegenüberstehen, da bringen an der Freiligrath-Schule die „Dritten“ echtes Leben und Herausforderungen in den Schulalltag. Die Profis von draußen, berichtet Schulleiterin Hildburg Kagerer, stellen andere Ansprüche, sie erwarten eine besondere Ernsthaftigkeit, und sie beweisen mit ihren eigenen Lebensläufen, wie man sich im Beruf durchsetzt.

Außenstehende im Unterricht – das wird zunehmend auch ein Thema für ganz normale Schulen: einmal weil sie als Ganztagsschulen einfach mehr Zeit füllen müssen, zum anderen weil es einer pädagogischen Forderung entspricht, dass sich Schulen der Gesellschaft öffnen sollen. Die neue Projektagentur „Resonanz“ will dazu beitragen, dass auch andere Schulen, je nach ihren individuellen Möglichkeiten, mit Profis von außen arbeiten können und stellt Kontakte her (siehe Kasten und Interview).

An der Freiligrath-Schule lässt sich besichtigen, was möglich ist, wenn „Dritte“ fest im Konzept der Schule verankert sind. Schulleiterin Hildburg Kagerer hat hier seit 1990, gefördert zunächst von BMW, der Robert Bosch Stiftung, der Bund-Länder-Kommission und seit 2000 vom Berliner Senat, ein besonderes Modell entwickelt: Alle Schüler entscheiden sich, ganz nach ihren persönlichen Neigungen, für eine von zwölf „Arenen“ – etwa Atelier, Bühne, Gesellschaft und Medien, Natur und Technik, Stadion, Wirtschaft und Produktion.

Die Arenen wiederum sind in einzelne Klassen eingeteilt, etwa „Gastronomie“, „Musik“, „Theater“, in denen die Schüler 14 Stunden in der Woche jahrgangsübergreifend ein gemeinsames, selbst gewähltes Projekt verfolgen. Zusammen mit zwei Lehrern und während vier Stunden mit einem Dritten arbeiten sie auf eine öffentliche Präsentation hin: Aufführungen, Ausstellungen, neue Produkte – sie „gehen in die Arena“, erproben sich in der realen Welt und entwickeln deshalb besonderen Ehrgeiz.

Hildburg Kagerer ist es gewohnt, dass Fernsehteams durch die weiß getünchten Gänge des Backsteingebäudes an der Bergmannstraße ziehen; überall hängen Fotos vergangener Projekte. „Hier waren die Philharmoniker bei uns“, erzählt sie im Vorbeigehen, „hier haben die Schüler an der Oberbaumbrücke ausgestellt“. Für Kagerer sind die Dritten keine „billigen Experten“ oder Elternteile, die sich in Ganztagsschulen nachmittags um die Kinder kümmern, nein, sie sind viel mehr: „Sie verändern Schule. Die Zeiten, die Inhalte, die Raumstrukturen.“ Die Freiligrath-Schule liegt in einem schwierigen Kiez, der Ausländeranteil ist hoch; gerade die sportlich und künstlerisch ausgerichteten Projekte „sind persönlichkeitsfördernd, motivieren zur Teamarbeit und binden destruktive Energien“, sagt Kagerer.

Während Melanie und Julia an ihren Staffeleien stehen, bearbeiten im Schulhof die Schüler der Klasse Bildhauerei ihre Steine, unter Anleitung des Bildhauers Robert Schmidt-Matt. Und in der Turnhalle proben die sportlich begabten Schüler Flickflack auf dem Trampolin. Zwei Sportlehrerinnen arbeiten hier mit Karsten Rank, Trampolintrainer an der Humboldt-Universität, zusammen. Der 14-jährige Ahmed springt hoch, will sich in der Luft drehen, bleibt aber in der Longe kopfüber hängen. „Kopf an die Brust ziehen, klein bleiben“, ruft Rank. Beim nächsten Versuch klappt es, Ahmed strahlt. „Die Schüler entwickeln eine starke persönliche Bindung an die Arenen“, sagt Sportlehrerin Sigrid Dohrmann. Natürlich gebe es auch an ihrer Schule Schulschwänzer – „aber zu den Arenen-Stunden kommen auch sie“.

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