Werbinich : Trotz Kita schlechte Sprachkenntnisse

Zwei Drittel der Migrantenkinder brauchen Zusatzförderung

Susanne Vieth-Entus

Berlin ist weit davon entfernt, die Sprachprobleme seiner Vorschüler zu beheben. Obwohl inzwischen fast alle Kinder eine Kindertagesstätte besuchen (96 Prozent) spricht jedes vierte Kind so schlecht Deutsch, dass es an einem verpflichtenden Deutschkurs teilnehmen muss. Den Migrantenkindern wurde zu 54 Prozent ein „Förderbedarf“ bescheinigt, den deutschen immerhin zu elf Prozent. Dies hat der aktuelle Sprachtest „Deutsch plus“ ergeben, dem sich über 25 000 Kinder im Vorschulalter unterzogen hatten.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gab die Ergebnisse gestern bekannt und bekräftigte seine Ankündigung, wonach der Deutsch-Pflichtkurs für die Vorschüler intensiviert wird: Statt einem halben Jahr und täglich zwei Stunden dauert der Kurs künftig ein ganzes Jahr und täglich drei Stunden. Der Opposition geht das nicht weit genug. Sie forderte erheblich größere Anstrengungen.

Zwar hat sich die Quote der Kinder mit großen Sprachdefiziten leicht verbessert von 26,1 Prozent im Jahr 2004 auf 24,1 Prozent 2006. Zöllner gab aber zu bedenken, dass diese Abweichung rein zufällig sein könne, da auch „Deutsch plus“ nicht vollständig objektiv sei. Dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt, zeigt der Blick auf die Ergebnisse der Migrantenkinder. Bei ihnen hat sich die Quote derer, die schlecht Deutsch sprechen, von 65,8 auf 67,8 Prozent erhöht.

Obwohl bei „Deutsch plus“ erhoben wurde, seit wann die Kinder die Kita besuchen, wurden diese Zahlen gestern nicht veröffentlicht. Untersuchungen in den Vorjahren hatten aber gezeigt, dass es Migrantenkinder gibt, die noch nach jahrelangem Kitabesuch schlecht sprechen. Dies liegt zum einen daran, dass die Deutschförderung in vielen Kitas noch immer nicht systematisch erfolgt und zum anderen daran, dass viele Kinder nur unregelmäßig in ihrer Kita erscheinen. Wenn ein Migrantenkind überhaupt keine Kita besucht, sind die Deutschkenntnisse aber noch schlechter: Unter ihnen sprechen 75,6 Prozent schlecht Deutsch.

Angesichts der großen Defizite trotz Kitabesuchs forderte Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, gestern, eine „konsequente Qualitätsverbesserung in den Kitas, die materiell und personell unterfüttert werden muss“. Das kostenlose Kitajahr vor Schuleintritt sei zwar ein wichtiger Schritt, es werde aber nichts nützen, wenn die Qualität der Kitas nicht verbessert werde. Mieke Senftleben (FDP) erneuerte ihre Forderung nach einer verpflichtenden Vorschulklasse („Startklasse“) sowie eine Aufwertung der Erzieherinnenausbildung. Zusätzlich müssten Mentoren eingesetzt werden, um die Fortbildung vor Ort zu organisieren. Sascha Steuer von den Christdemokraten forderte, dass die Sprachförderung „endlich ganz oben auf der politischen Agenda steht“. Dazu gehöre, dass der tägliche Unterricht im Rahmen des Deutsch-Pflichtkurses auf täglich vier Stunden erhöht werde.

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