Werbinich : Um die Ecke denken

Berliner Abiturienten verraten ihr Erfolgsgeheimnis

Jeannette Krauth

MONIKA KRAWIETZ: 1,0

Die Schülerin der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Marienfelde schüttelt die Super-Noten fast aus dem Handgelenk: „Vor den schriftlichen Prüfungen bin ich sogar noch zu meinem Freund nach Karlsruhe gefahren“, sagt sie mit fröhlicher Stimme. Wäre es nach den Lehrern gegangen, hätte man spätestens in den Ferien anfangen müssen mit dem Lernen. „Danach hab ich mich jeden Tag mehrere Stunden an den Schreibtisch gesetzt“ sagt Monika Krawitz. Aber nur zu lernen, sei nicht effizient. Deshalb: Zwei Mal wöchentlich Volleyball, ab und zu ein Wochenende in Brandenburg, ein Nachmittagsschläfchen und den „Herr Lehmann“ als Abendlektüre. Ihr Berufswunsch: Richterin.

JENS MÜLLER: 1,1

„Eins Komma eins“ steht auf seinem Abiturzeugnis. Ein Streber? Passt zu diesem jungen Mann vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium, Tegel, bestimmt nicht: „Feiern ist ein ganz wichtiger Punkt, viel wichtiger als Lernen!“sagt er. Und leben könnte er vielleicht ohne Musik und Bücher, nicht aber ohne Familie und Freunde. Sobald er erzählt, von seinem anstehenden Zivildienst in Dijon, vom Basketball, von den wissenschaftlichen Reportagen im Radio, die er verschlingt, weiß man: Der mag das Leben, der will was wissen, der interessiert sich einfach. Biologie und Chemie hat Jens Müller als Leistungskurse belegt – in diese Richtung soll es auch beruflich gehen. „Spannend wird es, wenn man ein Problem hat, das nicht sofort lösbar ist.“ Um die Ecke denken, das gefällt ihm.

HÜSNIYE CAKIROGLU: 1,5

Wider alle Mädchen-Vorurteile: Hüsniye Cakiroglu hat mit den Leistungskursen Physik und Mathematik gerade ein 1,5er-Abitur am Albrecht-Dürer-Gymnasium in Neukölln erworben. „Ich hab’ zu Hause gelernt, bis es perfekt war“ sagt sie. Mit einem konsequenten Tagesablauf: Nach der Schule zwei Stunden büffeln, dann ein bisschen fernsehen, shoppen oder joggen im Neuköllner Park, abends dann nochmal ein, zwei Stunden lernen. Vor Klausuren gab es keine Nachmittagspause mehr. Ein halbes Jahr hat die 19-Jährige so gelebt – was hat sie vermisst? „Oh Gott, soooo viel!“ sagt sie. „Urlaub, richtig auspannen, vor allem ausschlafen!“ Schön wäre es, wenn sie drei Wochen in die Türkei fahren könnte, sagt sie. Aber zuerst schreibt Hüsniye Cakiroglu Bewerbungen für einen Studienplatz in Medizin.

MAYA MASUHR: 1,0

Was macht den Mythos Evita Peróns aus? Das war Maya Masuhrs Thema bei der mündlichen Abi-Prüfung, die sie am John-Lennon-Gymnasium in Mitte ablegte. Zweisprachig sogar, auf Englisch und Spanisch, das muss kein Abiturient, aber man kann es machen, was natürlich honoriert wird. Eine Eins mit Null hinter dem Komma ist das Resultat. Wie lernt man in der Schule so gut Spanisch? „Das flüssige Sprechen habe ich während meines Austauschjahres in Nicaragua gelernt“ sagt die 19-Jährige. Sie kam so begeistert vom Schüleraustausch wieder, dass sie sich seitdem beim „Verein Berliner Austauschschüler“ engagiert. Jetzt will Maya Jura studieren, um später bei einer internationalen Organisation zu arbeiten, vielleicht in einer, die für die Menschenrechte kämpft.

MATTHIAS OBENAUS: 1,5

„Dasein! Mitmachen!“ ist das Rezept von Matthias Obenaus vom Kreuzberger Leibniz-Gymnasium für gute Noten. „Was man selbst macht, bleibt hängen“, bei ihm scheint die Devise aufgegangen zu sein. Leistungskurs Physik schreckte viele ab, wieso hat er das Fach gewählt? „Ich kann’s halt“. Können geht fast nie ohne Interesse, Matthias interessiert sich auch nach der Schule für Naturwissenschaften: „Wie es zu psychischen Krankheiten kommt, konnte ich nicht begreifen. Deshalb hab’ ich tagelang im Internet Artikel über das Nervensystem gelesen.“ Matthias möchte Biophysiker oder Mediziner werden.

KATHARINA GRAUEL: 1,0

Biochemikerin will die 1,0er Abiturientin werden. Und spätestens zum Hauptstudium „in eine kleine süddeutsche Stadt ziehen, Heidelberg vielleicht. Mein ganzes Leben war ich in Berlin.“ Die Schülerin der Evangelischen Schule Frohnau hat sich auch für die Abi-Vorbereitungen aus dem Staub gemacht: Mit Freunden ist sie zum Lernwochenende in ein Ferienhaus nach Brandenburg gefahren. „Irgendwann war das Wetter aber so gut, dass der Liegestuhl gewonnen hat“, erzählt sie. Aber ganz so entspannt war die Lernerei nicht immer: In den letzten zwei Wochen vor den Prüfungen hat sie sogar den Querflötenunterricht, den sie sonst jeden zweiten Tag nimmt, abgesagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar