Werbinich : Ustim Lasarews Sturm auf Berlin

Wie ist das, mit 16 an der Front? Unser Autor hat einen früheren Rotarmisten getroffen

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Wir sind bei ihm zu Hause verabredet. Ich hole tief Luft, bevor ich auf die Klingel drücke, dann steht Ustim Lasarew vor mir. Er reicht mir bis zur Brust. Die kratzige, tiefe Stimme will nicht zu seiner Statur passen. Er fragt, was ich von ihm wissen will. „Wie die Erstürmung Berlins war“, sage ich. Er fängt an, Zahlen und Daten und Regimente aufzuzählen, und ich bin wenig begeistert. Ich versuche es noch einmal, frage ihn nach seinen Gefühlen, seinen Gedanken, seinen Eindrücken. Dann sagt er: „Versteh’ doch, mein Junge: In so einem Moment denkst du an nichts, du hast nur Angst.“

Ustim Lasarew ist einer von rund 30 ehemaligen Rotarmisten, die in Berlin leben. Sie sind nicht nach dem Krieg hier geblieben, sie sind erst später ihren Kindern nach Deutschland gefolgt und leben nun im Land ihres ehemaligen Feindes. Es scheint, als leben sie der Geschichte zum Trotz in dem Land, das versucht hat, sie zu vernichten: Viele von ihnen sind jüdischer Herkunft. Während sie in ihrer Heimat als Helden gefeiert werden, schämen sie sich hier ihrer Orden und tragen sie nur zu Hause oder zum Bankett in der Russischen Botschaft. In Deutschland ahnt kaum jemand von ihrer Existenz. Und dennoch gibt es sie, die Soldaten von einst: Aufklärer, Panzerfahrer, Artilleristen, Marinesoldaten.

Einige haben das Berlin von 1945 gesehen. Jetzt gehen sie an den ihnen bekannten Gebäuden vorbei: dort, wo gekämpft wurde, wo gefeiert wurde, wo Kameraden fielen. Dort, wo sie dem Krieg ein Ende setzten. Jedes Jahr im Mai versammeln sie sich am sowjetischen Ehrenmal vorm Brandenburger Tor und im Treptower Park. Sie treffen sich im Klub der Kriegsveteranen und sind Gäste im Deutsch-Russischen Museum. Dazwischen sind sie unauffällig und unsichtbar. Sie denken, reden und träumen vom Krieg. Der Krieg ist da, wenn sie ihre Zweizimmerwohnung verlassen, der Krieg ist da, wenn sie spazieren gehen, der Krieg ist da, wenn sie schlafen und träumen. Ihren deutschen Altersgenossen begegnen sie schüchtern, aber mit einem Lächeln.

Lasarew sieht aus wie eine alte Bulldogge. Seine großen Nasenlöcher schnaufen auf und ab, wenn er schweigt. Die tiefen Stirnfalten lassen ihn immer verwundert aussehen. Hinter der dicken Brille wandern seine Augen eigenartig umher, während er sich erinnert. Ustim Lasarew wurde am 20. Mai 1927 in Moskau geboren. Als er zehn Jahre alt war, wurde sein Vater als vermeintlicher Volksfeind erschossen. Er wächst alleine mit der Mutter auf, die ihn streng erzieht. Als er vierzehn Jahre alt war, brach der Krieg über seine Heimat herein.

Er erzählt: „Die Sommerferien fingen an, und ich musste auch an diesem Sonnabend spätestens um neun Uhr abends zu Hause sein. Vor dem Schlafengehen wusch ich meine Füße, legte mich hin, wachte gegen vier auf, konnte nicht mehr schlafen. Heimlich schlich ich mich aus dem Haus und schlenderte durch Moskau. Es war eine herrliche Nacht: Die Luft war warm und duftete nach Blüten. Trotzdem hing eine gespannte Atmosphäre in der Luft. Unterwegs traf ich immer mehr Menschen, von denen ein Flüstern ausging. Ein Wort fiel oft: Krieg. Es war das Morgengrauen vom 22. Juni 1941. Gegen Mittag verkündeten sie dann im Radio und über Lautsprecher in der Stadt den Überfall Hitlers auf unser Land.“

Ich betrachte seine Augen. Sie glänzen hinter dem dicken Glas seiner Brille. Er klopft mit den Fingern auf dem Tisch, fährt plötzlich hoch, macht einen tiefen Atemzug. Er war 14, als der Krieg begann. Zur Front haben sie ihn knapp drei Jahre später gelassen, vier Monate vor seinem 17. Geburtstag. Lasarew war damals noch jünger, als ich es heute bin. Er erzählt von Bombennächten und von Nachtwachen, die während der Angriffe auf die Dächer kletterten, um die Brandbomben herunterzuholen. Lasarew wurde 1941 aus Moskau evakuiert, Richtung Ural.

Er erzählt weiter: „Ich arbeitete in einer Fabrik, die Streichhölzer herstellte. Ich wollte immer zur Front und kämpfen, meine Heimat verteidigen. Nicht die Sowjetunion, nicht Russland, nein, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ich wollte auch die Reputation unserer Familie retten. Ich wollte zeigen, dass ich nicht der Sohn eines Volksverräters war. Ich war 16, 1,59 Meter groß und wog 46 Kilo, als ich mich beim Kriegskommissariat freiwillig für den Kriegsdienst meldete. Der Älteste guckte mich an und fing an zu lachen. Geh nach Hause, sagte er. Er nannte mich eine halbe Portion. Aber ich wollte unbedingt an die Front. Da haben sie mir einen Karabiner samt Spieß in die Hand gedrückt und mussten wieder lachen: Das Gewehr war größer als ich. Sie schickten mich schließlich zur Marine als Funker. Ich kam im Januar 1944 an die 1. Belorussische Front nach Modlin, einer kleinen Stadt in Polen. Es war kalt. Wir Marinesoldaten gehörten zur Elite der Streitkräfte. Wir hatten keine Stiefel, sondern Schuhe. Dazu hatten wir eine schicke, schwarze Uniform und gestreifte Matrosenhemden. Die Deutschen nannten uns „Gestreifter Tod“. Meine Arbeit bestand darin, ein 13 Kilogramm schweres Funk- und Morsegerät plus Maschinenpistole und Ausrüstung zu transportieren.“

Er macht eine Pause. Es ist still. Ich höre das Diktiergerät summen. Lasarews Magen knurrt, seine Finger klopfen nervös auf dem Tisch. Wir sind zu zweit in dem Zimmer. Ich bitte ihn, mehr zu erzählen.

„Vor Warschau habe ich die ersten schweren Kämpfe erlebt. Meinem besten Freund riss es vor meinen Augen den Unterkiefer weg. Er lag da und schaute mir in die Augen. Das war meine erste Begegnung mit dem Grauen des Krieges. Einen Menschen zu sehen, den man liebt, der gerade noch gelacht hat und jetzt im Graben liegt, weiß, dass er stirbt, aber nichts sagen kann. Es war furchtbar.

In den langweiligen Tagen und Nächten, die wir in den Gräben verbrachten, fing meine Karriere an. Wenn alle Soldaten vom Sommer, von Familie und Heimat träumten, wenn sie tagelang in ihren Erdhöhlen ausharrten, überkam uns eine tiefe Wehmut. Alle hatten den Krieg satt, den Hunger, den Dreck und die Flöhe. Und dann sagte einer: Kleiner, erzähl uns was! Ich fing an, das zu erzählen, was ich als Letztes gelesen hatte: etwas vom Humoristen Soschtschenko. Natürlich verfremdete ich etwas und erfand das Ende dazu. Doch da passierte etwas völlig Unerwartetes: Die Soldaten lachten. Ein ganzes Regiment grölte los. Wenn du etwas erzählst und siehst, dass die Leute darüber lachen, ist das etwas Berauschendes. Bald hatte ich den Ruf, der witzigste Soldat der ganzen Front zu sein. Wenn unsere Einheit schwer geschlagen wieder beisammen fand und die Hälfte fehlte, sagte man: Kleiner, erzähl! Wenn es nur noch zwei Stunden bis zum Sturmangriff waren, sagten sie: Erzähl! Und so erzählte ich ihnen hunderte von Geschichten. Dafür liebten mich alle und halfen mir, wann sie nur konnten. Alte Männer nahmen mir meine Ausrüstung ab. Sie waren vielleicht 30, aber wir nannten sie Großväter.“

Der Marsch auf Berlin begann. Die Russen hatten mithilfe der polnischen Bevölkerung Warschau befreit, für Lasarew ging es mit dem Schiff weiter, über die Weichsel bis nach Krakau. Von Süden marschierten sie auf Berlin. Die Dnjeprowsker Flotille unterstand den Befehlen des Marschalls Schukow.

„Vor Berlin hatte Schukow die Idee, den Feind mit riesigen Scheinwerfern zu blenden“, sagt Lasarew, „ die sonst für die Luftabwehr eingesetzt wurden. Tausende wurden aufgestellt. Die Nacht wurde zum grellen Tag, dann stürmten wir los. Es war die größte, schwerste und schrecklichste Schlacht, die man sich vorstellen kann. Es gab zwei Stunden Artilleriebeschuss, wenn es sonst eine Viertelstunde war. Aus sechzigtausend Rohren wurde geschossen. Es waren so viele Flugzeuge in der Luft, dass man kein Stückchen blauen Himmels sehen konnte.“

Ich strenge meine Fantasie an, um mir das Bild vorzustellen, doch es geht einfach nicht in meinen Kopf.

„Sie flogen in mehreren Schichten übereinander, so dass man eine Decke aus Stahl über sich hatte, die sich nach Westen bewegte. Und es war schrecklich, die deutschen Kinder zu sehen, die kämpfen mussten. In den ersten Tagen holten wir extra einen Übersetzer dazu, der ihnen über Lautsprecher beibringen wollte, dass sie aufgeben sollen, doch sie waren so der Gehirnwäsche unterzogen, dass sie verzweifelt auf unsere Panzer schossen. Leid tat es mir, als ich sie später tot in den Straßen liegen sah.

Die Deutschen hatten panische Angst vor uns, die Propaganda hatte ja auch wochenlang die scheußlichsten Dinge erzählt. Dementsprechend feindlich war ihre Einstellung uns gegenüber. Doch es gab auch Menschlichkeit. Sie kam nach Kriegsende langsam zum Vorschein. Bei den Deutschen brach ein Weltbild zusammen, als wir sie mithilfe unserer Feldküchen versorgten. Alle hatten den Krieg satt, jeder hungerte nach Leben. Als wir am 2. Mai Berlin eroberten, schossen wir so lange in die Luft, bis ein General kam und sagte, wir sollen nicht die ganze Munition verschießen. Doch wofür brauchten wir die noch? Der Krieg war vorbei! Nie mehr würden Menschen Waffen aufeinander richten. So dachten wir damals.“

Es ist ein warmer Frühlingstag. Im Zimmer wird es langsam heiß und stickig. Plötzlich steht Lasarew auf und geht zum Kleiderschrank. Als er sich ein frisches Hemd überzieht, sehe ich eine große Narbe auf seinem Körper. „Das war ein Schrapnell aus Zehlendorf, eine Splittergranate“, erklärt er. „Wir haben genug rumgesessen, lass uns lieber nach draußen gehen und Mutter Natur beim Aufwachen zuschauen.“

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