Werbinich : Vertrieben, ermordet – ins Gedächtnis zurückgeholt

Schüler des Leibniz-Gymnasiums in Kreuzberg erforschen das Schicksal jener 229 jüdischen Kinder, die früher in ihre Schule gingen

Stefan Jacobs

Zahlen können so abstrakt sein. Sechs Millionen ermordete Juden. Aber was ist aus Alex Leiser aus der Dieffenbachstraße 20 geworden? Konnte Heinz Kaluski aus der Blücherstraße 28 sich retten? Haben Kurt und Fritz Riesenfeld aus der Großbeerenstraße 27a überlebt?

84 Antworten haben die Schüler des Kreuzberger Leibniz-Gymnasiums schon gegeben. 145 Fragen sind noch offen. Fragen nach Ehemaligen des Leibniz-Gymnasiums in Kreuzberg, deren Schicksal die Schüler mit ihren Lehrern noch ergründen wollen. Vor knapp zwei Jahren haben sie sich zum ersten Mal mit jenen 229 jüdischen Schülern befasst, die zwischen 1900 und 1938 an ihre Schule gingen. Was als Projektwoche begann, ist zu einer Arbeitsgemeinschaft geworden, die die Beteiligten nicht mehr loslässt. Und zu einer Ausstellung, die eigentlich nur zum gerade gefeierten 100-jährigen Jubiläum der Schule gezeigt werden und dann weggeräumt werden sollte. Aber sie ist so gut geworden, dass sie statt in den Keller ins Berliner Landesarchiv gebracht wurde. Dort ist sie seit gestern zu sehen. Für die Zeit danach haben sowohl das Kreuzberg-Museum als auch die Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz Interesse angemeldet.

Anfang 2005 fand sich in einem verrumpelten Raum des Schulgebäudes in der Schleiermacherstraße ein Verzeichnis der von 1919 bis 1940 aufgenommenen Schüler, in dem auch ihre Religionszugehörigkeit vermerkt war. Weil sich gerade die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 60. Mal jährte, begaben sich die evangelische Religionslehrerin Silke Hinder und ihre Geschichtskollegin Christiane Thies mit 15 Zwölftklässlern auf Spurensuche.

Neben Dokumenten über eindeutig jüdische Schüler fanden sie Akten wie das Abgangszeugnis von Heinz Mandelbaum von 1930. Die Kombination aus jüdischem Namen und dem Religionsvermerk „evangelisch“ schien ein angeheftetes Blatt zu erklären: 1939 vermerkte der Schuldirektor die Ausfertigung einer Zeugnisabschrift für den Schüler, der inzwischen den Namen seines Vaters angenommen hatte: Heinz Kaiser. Über das Centrum Judaicum fanden die Schüler heraus, dass Mandelbaum bereits 1933 formal aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten war. Sie vermuten, dass er damit der zunehmenden Diskriminierung entgehen wollte. Und dass er sich 1939 mit bereinigten Dokumenten aus dem Nazireich rettete. Dann verliert sich seine Spur. Wieder eine offene Frage.

Die Projektwoche war gerade lang genug, um mit der Namensliste ins Zentrum für Antisemitismus und ins Berliner Landesarchiv zu gehen. Dort fanden sich Akten zu Rückerstattungsanträgen jüdischer Familien. Die Datenbank von Yad Vashem lieferte weitere Dokumente über ehemalige Leibniz-Schüler – und wies neue Wege zur Recherche. Manche führten in Sackgassen, andere mündeten in Volltreffer: Im März 2005 trafen sich die Schüler mit dem Historiker Hans-Joachim Lang, der in jahrelanger Arbeit den Mord an 86 Juden rekonstruiert hat.

Einer von ihnen war Sigurd Steinberg. Als Sechsjähriger wurde er ins Friedrichs-Realgymnasium – die heutige Leibnizschule – eingeschult und begann nach der 10. Klasse eine Kaufmannslehre. Im März 1943 wurde er nach Auschwitz gebracht und im Juli ins KZ Natzweiler- Struthof im Elsass, wo sein Schädel vermessen und die Blutgruppe bestimmt wurden. Dann wurde er vergast. Die Nazis wollten seinen Schädel in einer Rassenausstellung zeigen. Er wurde 22 Jahre alt.

Der Zwölftklässler Simon Brost zeigt die Tafel, auf die sie Sigurd Steinbergs Schicksal geschrieben haben. Sie hängt an einem Metallzaun. Die Zaungitter waren die Idee einer Mitschülerin. An ihnen hängen Dokumente über sechs Ermordete. Sechs von 26, über die die Schüler schon Gewissheit haben.

Daneben hängen, symbolisiert durch fragile Aluminiumstäbe, die Biografien jener, die als Emigranten davonkamen. Zum Beispiel die von Hans Goetz, der im Oktober 85 Jahre alt wird und bei der Ausstellungseröffnung im September zu Gast war. „Der Besuch von ihm und von Henry Klausner war das Highlight“, erzählt Simon Brost. Beide waren Musiker, der eine in Dänemark, der andere in Israel.

Beim Festakt in der Aula hat der 87-jährige Henry Klausner den Chor dirigiert und das versammelte Publikum inklusive zweier Stadträte zum Singen gebracht. Und Goetz hat mit den Schülern zusammengesessen und erzählt, dass er immer noch gern Eisbein isst. Er hat geschildert, wie sie damals Lehrer verulkt haben. 70 Schuljahre ist das her; es muss fast wie heute gewesen sein. Sogar das Efeu an der Mauer gab es damals schon.

Goetz hat erzählt, wie ein Lehrer einen Schüler zusammenpfiff, der ein paar Blätter abgerissen hatte: „Du wirst im Zuchthaus landen!“, habe er ihm gesagt. Es sei eine sehr preußische Schule gewesen, hat Goetz sich erinnert.

Die heutigen Schüler wissen aus den Akten, dass ihre Schule auch Täter hervorgebracht hat. Sie sind Hans Goetz, einem fröhlichen weißhaarigen Mann mit großer Brille, in Freundschaft verbunden. Im Treppenhaus hängt neuerdings eine Plexiglasplatte: „Unseren ehemaligen jüdischen Schülern, die der nationalsozialistischen Verfolgung ausgeliefert, die vertrieben und ermordet wurden“, steht darauf. Im Hintergrund eine blassbraune, alte Handschrift: Der Vermerk eines Lehrers auf dem Abgangszeugnis des Fünftklässlers Wolfgang Guhrauer. „…verlässt die Anstalt auf Veranlassung des Reichsministers für Erziehung und Unterricht“, steht da. Das Dokument ist vom 19. November 1938, zehn Tage nach der Reichspogromnacht. Wolfgang Guhrauer war der letzte jüdische Schüler. Er überlebte die Nazis. Aber 145 Fragen sind noch offen.

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