Werbinich : Von Brandenburg lernen?

In Berlin soll es Werteunterricht nach Vorbild des Nachbarlandes geben. Zu Besuch in der LER-Stunde

Annette Kögel

Ein schwierigeres Thema kann es im Unterricht kaum geben. Der Inhalt der Stunde steht in großen Buchstaben an der Tafel: Sexualität. „Welche Begriffe kennt ihr, die mit Buchstaben aus dem Wort Liebe beginnen?“, fragt Lehrer Peter Manjowk. Die Finger schnellen hoch. Ehrlichkeit, sagt einer. Erotik, Berührung, Bisexualität, Innigkeit, Eifersucht. Leidenschaft. Und mit Leidenschaft sind sie im Unterricht dabei, die Schüler der Klasse 8a des Goethe-Schiller-Gymnasiums in Jüterbog. Bei „Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde“, kurz LER. Nach dem Vorbild dieses Schulfaches in Brandenburg soll ab nächstem Jahr auch in Berlin Werteunterricht erteilt werden. Wie sieht eine LER-Stunde aus? Wir gingen mit der Klasse 8a und der 7b noch mal zur Schule.

Freundschaft, Liebe, Sexualität – das ist laut LER-Rahmenplan ein Thema der 8. Klasse. Beim ersten Teil des Faches, der Lebensgestaltung, geht es um lebensnahe Aspekte von Sexualität, erklärt Manjowk, Lustempfinden und Familiengründung etwa. Zudem spricht der 49-Jährige, der sich im Fachverband LER engagiert, auch ethische Fragen an: Wie wichtig ist Treue in der Partnerschaft? Er diskutiert mit den Schülern, wie Liebe und Sexualität in verschiedenen Religionen gewertet werden – so gelte Liebe im Judentum, im Islam und im Christentum gleichermaßen als etwas Gott gegebenes. Peter Manjowk nimmt auch die Überzeugungen der katholischen Kirche zu Sexualität vor der Ehe oder Abtreibung durch. Der praktizierende Katholik macht indes eigene abweichende Ansichten etwa zum Kondomgebrauch und zur Aids-Prävention deutlich. „Ich finde das gut, dass unser Lehrer der Kirche angehört und gläubig ist, da ist er authentischer“, sagt die 14-jährige Annekathrin. Die wenigsten hier an der Schule lassen sich von LER befreien, um konfessionellen Unterricht zu besuchen.

Für die Schüler ist wichtig, was der LER-Lehrer vermittelt. „Wenn meine Eltern mir was erzählen, zählt das nicht so, wie wenn meine Tante was sagt oder Herr Manjowk“, sagt die 13-jährige Lena aus der Klasse 7b. So folgen die Schüler immer zu Beginn der Stunde seiner Bitte und erheben sich höflich. In der siebten Klasse stehen heute Normen auf dem Stundenplan: das Verhalten in Kino, Theater und Oper. Was ziehe ich an? Wann sollte ich vor einer Vorstellung da sein? Wann darf ich klatschen, wo essen und trinken? Steven und Konstantin, beide 13, haben sich informiert und halten einen Vortrag über die Etikette vor der Klasse. Auch das gehört zu LER: Selbstständigkeit schulen, Ausdrucksvermögen stärken. Dass die Berliner Wertekunde bekommen, gefällt Steven. „Ich finde, das Fach passt zu den Berlinern“, sagt er, „das tut ihnen gut.“

Dabei waren auch am Goethe-Schiller-Gymnasium einige skeptisch. „Ich dachte, das wird ein reines Quatschfach“, erinnert sich Christina. „Und jetzt ist es für mich das einzige Fach, in dem ich richtig tiefgründig nachdenke.“ Neulich etwa, als es um Menschenrechte und -pflichten ging. Christina: „Da habe ich mir zum ersten Mal über Werte wie Wahrheit und Freiheit Gedanken gemacht.“ LER hinterlässt bei den Schülern bleibende Erinnerungen – nicht nur die Stunde über das in der Pubertät so brennende Thema Sexualität. Annekathrin erinnert sich gut an die Stunden über Rituale wie Jugendweihe, Konfirmation, Bar Mitzwa, über Buddhismus, Hinduismus und Islam. „Da können wir auch besser mit Rechten diskutieren, weil wir uns jetzt mit Religionen besser auskennen“, sagt Steven. Schließlich werde sein Kumpel Konstantin mit russischer Herkunft schon mal „angemacht“.

Auch das Christentum wird in LER intensiv behandelt. Angelo und Antonia, beide 14, fanden am besten, „dass wir gelernt haben, warum man Ostern und Weihnachten feiert. Das wissen ja heutzutage nicht mehr viele Jugendliche“. „LER vermittelt einem Allgemeinbildung, lockt einen aus der Reserve und macht, dass man gezielter ans Leben rangeht“, sagt der 13-jährige Kevin. Man lerne, seine eigene Meinung zu verteidigen, sagt Sabrina. Das seien die einzigen Stunden, in denen man nicht das sagen müsse, was der Lehrer hören will, meint eine andere.

Genau um diese „Pluralität der Meinungen“ gehe es ihm, sagt Lehrer Manjowk. Toleranz, Offenheit, Akzeptanz – „diese Werte kann ich verdeutlichen; für die Noten bewerte ich die Argumentation, nicht die Meinung“. In den zwei Stunden LER pro Woche in den Klassen 7 bis 10 liest er gern zwischen den Zeilen. In der Stunde zu Liebe und Sexualität geht es auch um Tabus. „Welche Tabus kennt ihr?“, fragt er. Die Schüler antworten: Kindesmissbrauch, Essstörungen, Gewalt in der Familie. Manjowk spricht nach der Stunde mitunter Schüler an, wenn er befürchtet, dass sie selbst betroffen sind. Und noch einen Trick liebt Manjowk. Das Rollenspiel zum Thema Ausgrenzung. Da wird die Klasse aufgeteilt – die „Guten“ dürfen dann die „Schlechten“ fertig machen. Wer zögert, wird gedrängt, mitzuarbeiten, wegen der Noten. Manjowk: „Hinterher mache ich dann deutlich, dass genau so totalitäre Regime funktionieren.“

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