Werbinich : Weckdienst für schlechte Schüler Was kommt nach dem Blauen Brief?

Bildungspläne helfen, die Noten zu verbessern

Susanne Vieth-Entus

In 15 Tagen gibt es Zeugnisse – und möglicherweise eine positive Überraschung. Einiges spricht dafür, dass nicht wieder rund 15800 Schüler sitzen bleiben wie in den vergangenen Jahren, sondern dass es diesmal weniger sind. Denn alle Schulen mussten erstmals für gefährdete Schüler „Bildungspläne“ aufstellen und erklären, mit welchen Mitteln das Klassenziel doch noch erreicht werden könnte.

Die Schulen sind mit dieser Vorschrift, die am ersten Februar mit dem neuen Schulgesetz in Kraft trat, höchst unterschiedlich umgegangen. Einige folgten eher gequält den Buchstaben des Gesetzes. Das heißt, sie hielten pro forma die geforderten Konferenzen ab, in denen sich alle Lehrer einer Klasse auf die Fördermöglichkeiten für die Sorgenkinder verständigen sollten. Dann brachten sie die Ergebnisse zu Papier und informierten die Eltern.

Andere Schulen ließen sich mehr einfallen. Sie erstellten Fragebögen, analysierten die Defizite der Schüler und dachten darüber nach, wie man Abhilfe schaffen kann. Sie forderten die Eltern auf, die Hausaufgabenhefte im Blick zu behalten und kontrollierten auch selbst gezielter. Sie gaben zusätzliche Aufgaben, um die Wissenslücken der schwachen Schüler zu verkleinern oder organisierten Nachhilfe durch ältere Schüler.

Selbst die größten Skeptiker, die für das neue Schulgesetz nur Spott übrig haben, geben zu, dass im Kollegium niemals so viel über die potenziellen Sitzenbleiber gesprochen wurde wie zurzeit. „Wir sind durcheinander gelaufen wie die Hühner“, sagt eine Lehrerin vom Gymnasium Steglitz, die sich zwar über den „wahnsinnigen bürokratischen Aufwand ärgert, der in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht“. Aber sie sagt auch, „dass das Gespräch über die Schüler gut war: Das hatte was Positives“.

Andere Lehrer sehen das wichtigste Ergebnis darin, dass sie jetzt mit den Eltern intensiver sprechen. Wahre Sprechstundenmarathons hätten nach den diesjährigen „Blauen Briefen“ stattgefunden. Allein im Schöneberger Robert-Blum-Gymnasium dauerten die Gespräche insgesamt 15 Stunden lang. „Bei etwa 50 Prozent der Schüler hat es was gebracht“, schätzt Schulleiter Martin Kraschewski. Ob es letztlich reicht, das Sitzenbleiben zu verringern, weiß er erst nach den Konferenzen in dieser Woche.

Viele Schulen weisen darauf hin, dass sie auch ohne gesetzliche Vorschrift längst aufgehört haben, das Sitzenbleiben als unabänderlich hinzunehmen. Zu ihnen gehören die Tempelhofer Werner-Stephan- und die Moabiter Heinrich-von-Stephan-Hauptschule. Sie haben sich so um die Schüler gekümmert, dass viel weniger geschwänzt wird. Gleichzeitig wurden die Kinder so gefördert, dass es bei ihnen kaum noch Sitzenbleiber gibt, während im Berliner Schnitt 16 Prozent der Hauptschüler die Klasse wiederholen müssen.

„Viele Schulen nutzen ihren Gestaltungsspielraum nicht“, glaubt der Leiter der Heinrich-von-Stephan-Schule, Jens Großpietsch. Dazu gehört für ihn etwa, dass ein pensionierter Sozialarbeiter Kontakt zum Jugendamt hält, damit Problemfamilien schneller geholfen werden kann. Oder dass „Lernverträge“ geschlossen werden, in denen die Pflichten von Schülern und Schule festgehalten sind.

Friedemann Fenner ist da skeptisch. Der Leiter der Spandauer Johann-Georg-Halske-Realschule beobachtet eine „zunehmende Akzeptanz“ des Sitzenbleibens durch Eltern und Schüler. Trotz der Förderpläne hätten viele weitergemacht wie bisher. Fenner hält es für „blauäugig“ zu erwarten, dass bald weniger Kinder sitzen bleiben.

Einige seiner Kollegen sehen das anders. Wolfgang Harnischfeger vom Beethoven-Gymnasium in Lankwitz rechnet mit weniger Klassenwiederholern. Allerdings hatte er Vorsorge getroffen: Mit seinem Personalüberhang, der durch die Pflichtstundenerhöhung entstanden war, organisierte er „Crashkurse“ für schwache Schüler.

Aber das ist nur ein positives Beispiel von vielen. Letztlich gibt es etliche Möglichkeiten, den Schülern zu helfen.

Drei Beispiele zum Schluss: die Neuköllner Boddin-Grundschule passt den Förderunterricht jetzt so in den Stundenplan ein, dass er auf jeden Fall stattfindet – auch wenn Lehrer krank werden. Die Pankower Gustave-Eiffel-Hauptschule schickt Sozialpädagogen als „Weck-Dienst“ zu potenziellen Schwänzern nach Hause.

Und die Moabiter Breitscheid-Hauptschule hat die Unterrichtsstunden von 45 Minuten auf 40 verkürzt, um mit der gleich bleibenden Anzahl von Lehrern „Team-Teaching“ durchzuführen: Denn mit zwei Lehrern im Klassenzimmer gelingt eine individuelle Förderung eben leichter, sagt Schulleiter Harry Hun.

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