Werbinich : Wedding’s Next Topmodel

Erich, 27, geht mit Günther Jauch in die Sauna. Sein Gesicht sieht man in ganz Deutschland

André Görke

So sieht also ein hübscher Kerl aus: Erich hat abstehende Ohren, er trägt einen stoppligen Bart, und auf der Nase ist ein ziemlich roter Fleck zu sehen. Ein Pickel? „Nee“, sagt Erich, „war ’ne blöde Schlägerei, irgendwann nachts, U-Bahnhof Warschauer Straße.“ Erich holt sein Foto-Handy aus der Jeans. Auf einem Bild ist er mit blutverschmiertem Gesicht zu sehen. „Tja, war leider ’n Nasenbeinbruch“, sagt er und lacht fröhlich auf. „Ein echter Schnappschuss, oder?“

Nun, es gibt bessere Fotos von ihm. Denn Erich Heinze, 27 Jahre alt, ist Berufsmodel. Er ist der Typ, der in Fernsehspots für den Telefonanbieter „Base“ schräge Weihnachtslieder gesungen hat. Erich ist der Typ, der für „Möbel Hübner“ wirbt („Ich soll Sie schön grüßen“) und für „Berliner Pilsner“ („Friedrichshain spritzig“). Erich ist auch aktuell auf dem Titel der Zeitschrift „Neon“ zu sehen („Wie frei sind wir wirklich?“), und Erich ist Model für das Fußball-Magazin „11Freunde“ („Der Ball ist in uns“).

An jeder Straßenecke des Landes hängen also hochprofessionelle Großaufnahmen vom Mann mit dem markanten Gesicht aus dem Bezirk Wedding. „Man muss ein bisschen aufpassen, dass dein Gesicht nicht zu oft zu sehen ist, sonst ist es verbrannt“, sagt er. Im Moment aber, „da läuft das Geschäft nicht schlecht“.

Erich steht an diesem Abend hinterm Tresen der „Galerie Tristesse deluxe“, einem Laden in der Karl-Marx-Allee, und umklammert einen halben Liter „Krusovice“, ein Flaschenbier aus Böhmen. „Ich bekam nach der Schlägerei einen Monat keine Aufträge mehr, so ramponiert sah ich aus“, sagt Erich. Das sind schnell ein paar tausend Euro Verlust.

Seit 1997 ist Erich Berufsmodel. Als er entdeckt wurde, war er 18 Jahre alt. Er war auf einer Wohnungsparty in Prenzlauer Berg, trug weite Jeans, Schlabberpulli und Turnschuhe, lungerte auf der Couch herum. Der Partyveranstalter sprach ihn an, er wolle Polaroids machen, das war’s. Heute ist der Gastgeber sein Chef bei der Agentur „DeeBeePhunky“. Erich sagt: „Ich bin kein 0815-Schönling. Ich bin eher so ein – na, ich sag’ mal – Berlin-Charisma-Typ.“

Auch Kate Moss wurde 1988 einfach auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen angesprochen. Und die deutsche Julia Stegner wurde 1999 auf der Wiesn in München entdeckt, weil sie als „großes blondes, zartes Mädchen herausstach aus einer Gruppe Jugendlicher wie ein Spargel“, wie die Modelchefin Louisa von Minckwitz mal gesagt hat.

Heidi Klum kennt man. Claudia Schiffer sowieso, auch Nadja Auermann. Männliche Superstars gibt es in der Modelbranche nicht. Na gut, Marcus Schenkenberg war vielleicht einer, aber um den zu kennen, muss man schon sehr genau die Klatschlektüre lesen. Erich ist kein Superstar. Er verdient keine Millionen, muss nebenher als DJ oder als Barchef jobben. Erich hat aber immerhin geschafft, was vielen zehntausend jungen Menschen in Deutschland nicht gelungen ist: Er ist mehr als nur eine Karteileiche in seiner Agentur.

In den Büros befindet sich die Visitenkarte. Die der Models heißt: „Setcard“. Darauf steht: Haarfarbe, Augenfarbe, Hüftweite, Größe, Schuhe und noch viel mehr. „Hair: dark-brown; eyes: dark-brown; hips: 96; height: 191; shoes: 46“. Darf man Kennern glauben, dann sollten männliche Models zwischen 1,84 und 1,90 groß sein (bei Mädchen sind es übrigens 1,74 bis 1,80 Meter). Und die Schuhgröße bei Jungs sollte nicht größer sein als 43. Weil die Labels ihre Musterkollektionen abfotografieren und keine Turnschuhe, die so groß sind wie Gartenschaufeln. Ach, und das Gewicht: Lange nicht so wichtig wie bei den Mädchen.

Welcher Mensch schön ist und als Model arbeiten kann, definieren Kenner in der Modeszene so: Schön ist ein Durchschnittsgesicht mit kleiner Abweichung.

Erich, der sich die dicken, gewellten Haare über die Stirn gelegt hat, schaut man nur kurz ins Gesicht, schon gar nicht auf den Körper (auch wenn er schon erotische Nacktfotos für eine Frauenzeitschrift gemacht hat). Das, was er ausstrahlt, soll auf das Produkt abfärben, für das er wirbt: Sei es nun relaxt mit einem Bier im beschmierten Hinterhof sitzend, oder verrucht guckend mit Heiligenschein für die Möbelfirma. Entscheidend ist, ob einer fotogen ist.

Für alles steht Erich Model, na gut, für fast alles: nicht für Parteien. Da sei man genauso gebrandmarkt wie durch einen Job bei „GZSZ“. Die Darsteller werden verachtet oder geliebt. Erich wird vor allem eines: nicht erkannt.

Manchmal sitzt er in der U-Bahn und sieht plötzlich sein Gesicht auf einem Plakat auf dem Bahnsteig. Oft erkennt er sich selbst nicht wieder. In der Reklame von „11Freunde“ etwa steht er ziemlich unbeholfen auf einem Bahnsteig herum. Weil sein Gesicht am Computer aufgeblasen wurde, sieht Heinze jetzt aus, als habe er das Endstadium von Mumps erreicht. „Eitel darfst du nicht sein“, sagt Heinze. „Eigentlich gehst du nur zum Fotografen mit dem Wissen: Du wirst jetzt verwandelt, zu so ’ner Art Kunstfigur.“ Das Bild auf dem „Neon“-Cover, sagt Heinze, „kommt nah an die Realität ran“. Da kneift er die Lippen so fest zusammen, als müsse er gleich losprusten.

Fünf Stunden hat das Shooting gedauert. Das heißt: Fünf Stunden Arbeit in einem engen Karton (die Füße übrigens gehören zwei Fußmodels, die sich ebenfalls im Karton befanden). Für ein Actionfoto für Spex musste er 50, 60 Mal immer in derselben Pose ins Bild hüpfen. So ein Tag macht sich aber bezahlt. 1000 Euro gibt es für den Arbeitstag, der Betrag kann sich vervierfachen, wenn das Bild international zu sehen ist. Frauen verdienen doppelt so viel – allerdings können sie auch nicht so lange arbeiten wie Jungs, bis 26 sagt man. Grau-meliertes Haar macht aus Jungs Männer.

Als Erichs Karriere begann, war er zugleich an einem Tiefpunkt angelangt. Es war im Jahr 2000, er feierte auf dem Hof des Herder-Gymnasiums in Charlottenburg. Alle tranken, johlten, die mündliche Abi-Prüfung war vorbei – da kam der Direktor auf den Hof und sagte, dass „ich mit Ihnen kurz reden möchte, Herr Heinze“. Die Party war abrupt beendet. Erich war durchgefallen. Geblieben ist sein Foto im Abibuch, das längst gedruckt war. Es ist das spektakulärste: Erich steht nackt unter der Dusche.

Ein gesundes Selbstbewusstsein kann also nicht schaden. Das Topmodel Julia Stegner hat der „FAZ“ einmal das Dilemma eines Modellebens erklärt: „Man ist abhängig von anderen Leuten. Zu akzeptieren, dass man im Grunde hilflos ist in diesem Beruf, und der Erfolg nicht von der eigenen Leistung abhängt, das ist nicht einfach.“

Erich nimmt keine Faltencreme, er geht nicht ins Solarium, er macht sich kein Gel in die Haare, er rasiert sich vor Fotoshootings auch nicht. Somit bleibt er verwandelbar. Er steht zur Verfügung.

Falten kann man wegschminken, Haut bräunen, Haare abrasieren. Das, was am Ende rauskommt, ist auch immer ein Werk des Fotografen. Als sich an seiner Unterlippe mal vor dem Shooting für ein „KaDeWe“-Poster Herpes bildete, leistete die Visagistin mit Schminke und später der Fotograf am Computer ganze Arbeit. Später saß er mit Günther Jauch („ein unfassbar höflicher Mann, er hat sich jedem vorgestellt: Guten Tag, ich bin Herr Jauch“) für die T-Com in der Sauna. Die war nicht eingeschaltet, also haben sich die nackten Männer mit Pumpwasserspritzpistolen eingesprüht, damit sie verschwitzt aussehen. Zwei Jahre ist das her, der Spot ist eine echte Referenz.

Sein erstes Casting aber fand in einem Berliner Filmstudio statt, es wurden Tänzer für ein Musikvideo gesucht. Erich Heinze sollte sich auf der Bühne bewegen zum Beat. Allein. Nur er und zwei Kameramänner im Raum. Eine Minute lang. „Es war saudämlich, die Zeit wollte nicht enden“, sagt Heinze. Er hätte sich kaputtlachen können, so absurd war die Szene, doch er blieb ernst – und locker. Entspannung ist wichtig. Fotografen testen das so: Nimm die Hände hoch!, sagen sie. „Wenn du dann zitterst, bist du nervös“, sagt Heinze, „oder du hast ein echtes Alkoholproblem.“

Im Musikvideo trug er schließlich ein hellblaues, bauchfreies Shirt, „sah echt beknackt aus“, und deshalb war es auch nicht so schlimm, dass das Video nie auf MTV oder Viva zu sehen war.

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