Werbinich : Wir waren Giganten

Freunde fürs Leben? Schön wär’s. Aber oft verändert sich nach der Schule alles – ohne dass man es will

Ric Graf

Damals waren wir immer leise. Jeden Tag in der Freistunde schlichen Tim und ich uns durch die Gänge, sodass uns kein Lehrer hören konnte. Kichernd und flüsternd tapsten wir über den quietschenden Linoleumboden und fühlten uns mutig, ja geradezu wagemutig, dass wir uns das trauen und die anderen nicht. Auf der Toilette ging es schnell in die Kabine, so viel Schiss hatten wir dann doch noch. Ab ins Klo, einer kramte die Packung hervor und der andere das Feuerzeug. Dann rauchten wir heimlich.

Heute sind wir eigentlich immer laut, wenn wir uns sehen. Dann wird gefeiert, getanzt, getrunken, viel geredet. Uns ist die laute Musik egal und auch, was die anderen von uns denken, wie sie uns anblicken. Wir rauchen heute ganz öffentlich, denn wir sind mittlerweile alt genug. Vor allem aber sind wir anders geworden. Vielleicht nicht mehr so entspannt, nicht mehr so lustig und froh wie früher. „Wie läuft es mit dem Job?“ – „Kannst du mir Geld leihen?“ – „Ich habe deine Ex gesehen – ihr Neuer ist nicht schlecht.“ – „Noch eine Runde!“ – „Das Studium ist der letzte Mist.“ – „Warum sollen wir erwachsen sein?“ – „Mich nervt alles total.“ – „Ich bin depressiv.“ – „Schon mal an Selbstmord gedacht?“

Ja, etwas hat sich verändert. Eben nicht nur, dass wir jetzt legal in Cafés und Clubs rauchen dürfen und dazu nicht mehr heimlich auf die Schultoilette schleichen müssen. Es ist noch mehr: Wir sind ernsthafter geworden.

Es war ein Abend in diesem Sommer. Tim war gerade umgezogen, in eine kleine Zweizimmerwohnung in Schöneberg. Die Nacht war etwas kühl wie so viele Nächte in diesem Sommer. Wir saßen mit warmem Bier auf seinem kleinen Balkon und unterhielten uns leise, damit wir die Nachbarn nicht stören. In dieser trinkseligen Stimmung, die ja immer eine leichte Melancholie verursacht, kamen wir auf unsere Freundschaften zu sprechen. Tim und mich verbinden viele Jahre, wir kennen uns seit der siebenten Klasse, gefühlt schon ewig. Wir gingen zusammen auf eine Schule, hatten dort viele gemeinsame Freunde und verbrachten etliche Abende miteinander. „Es fühlt sich alles anders an als früher“, sagte Tim auf dem Balkon. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, was er meint, dann verstand ich es besser. „Früher war unsere Freundschaft enger. Wir haben uns von- einander entfernt“, erklärte er.

Mit 16 gingen wir zaghaft feiern, machten unsere ersten Erfahrungen in der Liebe und im Leben ohne Eltern, fuhren zusammen an den Strand. Wir waren auf dem Weg, erwachsen zu werden – aber das in einer einmaligen Leichtigkeit. In meiner Erinnerung waren unsere Abende, die wir gemeinsam verbrachten, immer warm, es schien immer die Sonne und immer, wirklich immer hatten wir dieses Gefühl, wir wären die Giganten des Sommers. Nun saß ich mit Tim leicht fröstelnd auf dem Balkon. Wir tobten nicht durch Kreuzberger Straßen auf der Suche nach einem Café, wo wir trotz unseres Alters noch ein Bier bekämen. Jetzt saßen wir auf einem Balkon, hatten reichlich Bier im Kühlschrank und so viel Zigaretten, dass man eine ganze Straße teeren könnte. Wir redeten über Berufssorgen, Liebeskummer und – man kann es kaum glauben – erste Anzeichen von Rückenschmerzen. Aber es geht nicht nur ums Älterwerden. Wir selbst haben uns verändert – und damit auch unsere Freundschaften.

„Erinnerst du dich noch an die vielen Abende?“, fragte Tim. „Als wir im Golgatha waren und über Liebe rumphilosophierten, ohne davon eine Ahnung zu haben. Und als wir nachts auf dem Spielplatz feierten.“ Ich sah die ganzen Bilder direkt vor mir. Es waren genau diese warmen Sommernächte im Kreuzberger Biergarten und auf dem Spielplatz des Viktoriaparks. Wir tranken billigstes Bier von einem Imbiss und freuten uns einfach nur darüber, dass Wochenende war oder wir Ferien hatten. Wir erlebten einfach alles miteinander. „Weißt du, ich vermisse dieses intensive Gefühl von damals. Ich glaube das ist verloren gegangen“, sagte Tim.

Ist das so? Wohl schon. Mit vielen Freunden von früher verbindet mich oft nur die damalige Zeit: das Gefühl, zusammen groß geworden zu sein. Die Gegenwart? Spielt kaum noch eine Rolle. Viele wohnen mittlerweile woanders, wir haben uns, wie man so schön sagt, aus den Augen verloren. Ganz ehrlich: Was weiß ich eigentlich noch über sie? Was wusste ich mit 16 über sie? Vielleicht auch nicht mehr als heute, aber dafür verbrachten wir viel Zeit miteinander. Sahen jeden Bartstoppel beim anderen sprießen. Die erste Freundin kommen und wieder gehen. Und waren immer dicht dran. Wir haben einfach alles mitbekommen. Vielleicht erinnere ich mich so gerne an damals, weil mir die Zeit besser gefallen hat, denn mit dieser Leichtigkeit aus der Schulzeit ist es vorbei.

Dieser Unterschied zwischen meinen Jugendfreunden und Erwachsenenfreunden ist mir erst an diesem Abend mit Tim so richtig bewusst geworden. Heute bin ich mehr mit mir beschäftigt, taumele zwischen dem Erwachsenwerden und dem Wunsch nach Flucht genau davor. Die Intensität, die ich mit meinen alten Freunden hatte, ist nur noch eine Erinnerung, nur ganz selten lebt sie wieder auf. Freundschaften sind heute wichtig, aber einfach anders. Distanzierter, seltener. Und es fehlt das gemeinsame Großwerden: dieses verschmitzte Lächeln beim Rauchen auf der Schultoilette, das erste Bier, die ersten Sorgengespräche und die Leichtigkeit der Jugend.

Tim und ich saßen die ganze Nacht auf dem Balkon, redeten über unsere alten Freunde und erinnerten uns an die Zeit, als wir mit ihnen unterwegs waren. Langsam wich die Nacht dem Morgen und ließ eine leichte Melancholie zurück.

Was bleibt von diesen Jugendfreunden? Die Erinnerungen. Und das Giganten-Gefühl. Es ist schmerzlich festzustellen, dass man es verloren hat – aber wenigstens weiß man, dass es dieses Gefühl irgendwann einmal gegeben hat.

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