Wörterkunde : Heute schon gedaddelt?

Hummeltitten. Affensperma. Münzmallorca. Es gibt ein neues Wörterbuch der Jugendsprache - nur wer spricht eigentlich so?

André Görke
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Schreihals. Wer das Wörterbuch lauthals vorliest, muss mit PAM rechnen. Oder mit einem Bullenring.Foto: ddp

 

Ey, jo, die Ellis sollen jetzt mal genau mitlesen: Moosen ist super. Ritzenputzer sind es  manchmal. Chiggen muffelt. Und bei Hertha gibt’s Knallwasser.

Alles klar?

Wir haben ziemlich gelacht im Büro und uns amüsiert, was die Kollegen damals bei uns im Tagesspiegel so Jugendsprache nannten. Bei genauerem Hinschauen aber stutzten wir: Der Text erschien im Oktober 2002, ist also gerade mal fünf Jahre alt. Und die Worte wurden dem damaligen „Pons-Buch der Jugendsprache“ entnommen (unsere Seite „werbinich“ gab’s damals übrigens noch nicht). „Moosen“ bedeutete 2002 so viel wie miteinander schlafen, „Ellis“ waren Eltern und „Ritzenputzer“ nichts anderes als Stringtangas, „chiggen“ rauchen und „Knallwasser“ war Bier. Nun, wer die Worte heute benutzt – seien wir doch mal ehrlich! - , läuft ernsthaft Gefahr, verprügelt zu werden.     

Fünf Jahre später, wieder Oktober. Am Donnerstag lag ein Päckchen in unserem Briefkasten in der Potsdamer Straße, darin befand sich: „Hä?! – Das Lexikon der Jugendsprache unplugged“ vom Langenscheidt-Verlag. Kleine Auswahl gefällig? Bitte schön.

Affensperma - Bananensaft
Butterkopf – fettige Haare
Campingzahnbürste – Likör mit Pfefferminzgeschmack
Chopsen, knäckern, nageln, nudeln (etc.) – Sex haben
Daddeln – Computer spielen oder masturbieren
Hummeltitten – Gänsehaut
Igeln – miteinander schlafen
Johnson! – Ja!
Münzmallorca – Solarium
Optikermenü – Linsensuppe
PAM – Paar aufs Maul
Speichelsport – knutschen
Teppichporsche – kleiner Hund
Überhangmandat – dicker Bauch
Zappelbunker - Diskothek 

Und all diese Wörter werden noch ins englische, italienische, französische und spanische übersetzt. Nur fragten wir uns: Wer, bitteschön, spricht eigentlich so?

Kumpel (I): „Ihr spinnt doch!“. Freundin (II): „So redet nicht mal mein kleiner Bruder?“. Kumpel (III): „Gab’s bei euch heute Alkohol?“

Wir riefen in München an, dort sitzt der Langenscheidt-Verlag. Am Telefon war Vincent Docherty, 53, Chef der Wörterbuchabteilung. Und er sagt: „Bitte, bitte - nehmt das Buch bloß nicht so furchtbar ernst!“ 

Fantafarm. Barschwein. Möpen. Insgesamt 450 Begriffe tauchen in dem gelben Büchlein auf, sie wurden von der Redaktion aus rund 5000 Vorschlägen ausgewählt. „Wir kannten nicht jedes Wort“, sagt Docherty, Vater von zwei Söhnen, 22 und 26 Jahre alt. „Wir haben aber gegoogelt und bei Kindern von Kollegen gefragt – die Wörter waren nicht frei erfunden.“ 10 000 Schüler hätten sich bundesweit beteiligt, und klar, sagt Docherty, „meistens ging es um Sex und Saufen.“ Jugendsprache sei immer aggressiv und provokant, schon immer gewesen, pure Fäkalartistik. Immerhin, sie haben nicht alles gedruckt, was ihnen zugemailt wurde. Was denn nicht? „Rassistische Begriffe und Redewendungen“, sagt Docherty. Beispiel? „Türkendusche“ (Deoroller) oder „etwas polen“ (klauen).

Das Büchlein kostet 2,95 Euro. Der Peinlichkeitsfaktor ist derart extrem hoch, ein Quiz beim Vorglühen mit den Freunden in der WG könnte glatt Spaß machen. Und danach geht’s fröhlich rüber in den Club.

Ps (I): Beim Anquatschen der Mädchen im Club bitte wieder normal reden.

Ps (II): Neue Vorschläge mailt ihr bis Februar 2008 an jugendsprache@langenscheidt.de

Ps (III): Für alle anderen gilt: Der nächste Duden kommt bestimmt.

(AG/Tsp)

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