Werbinich : Wohnen nach Wunschzettel

Quizspiele, Vogelattacken und miese Witze: Was man beim WG-Casting so alles erleben kann, ist nicht immer nur spaßig. Wenn einem gleich der Haus-Kakadu vorgestellt wird oder ein Biertest ansteht, überlegt man sich den Einzug doch nochmal. Oder?

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Wunschzettel. Angesichts des Papier-Wirrwars an den Schwarzen Uni-Bretter fragen wir uns: Wer macht die eigentlich weg?Foto: dpa

Alles war so aufregend: Ich war neu in Berlin, gerade 19, hatte das Abi in der Tasche und wohnte bei einer Freundin, bis ich selbst etwas fand. Die Suche nach einem Zimmer in einer WG war der Horror: für die hässlichsten Kammern bewarben sich unglaublich viele und die Mitbewohnersuchenden saßen wie die Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ in ihren Ikea-Küchen und verhörten und beurteilten mich. Irgendwann landete ich bei einem Casting in einer sehr schönen Kreuzberger WG, alles lief gut, ich setzte mich gegen die 60 Bewerber durch. Der einzige Junge in der WG, Nils, flirtete mit mir und die beiden lesbischen Mitbewohnerinnen konnten mich gut leiden. Also: Ich zog um. Es dauerte nur zwei Tage und ich landete mit Nils im Bett, wir wurden ein Paar und alles lief super, bis eine der Lesben auszog, eine neue Nichtlesbe kam und ich Nils irgendwann mit ihr in unserem Bett fand. Jetzt bin ich wieder auf Wohnungssuche. Diesmal wird es aber keine WG.

Hanna, 21

Alles lief bestens: Annika, Klaas und ich teilten Musikgeschmack (Oasis), Fernsehgewohnheiten (Verbotene Liebe) und Essvorlieben (immer dick Knoblauch), waren 23 und hatten dieselbe Einstellung zu Hygiene im Bad (Stehpinkeln geht gar nicht). Wir hockten in der Küche zusammen und wenn ich die Blicke der anderen richtig deutete, stand mein Vorstellungsgespräch kurz vor dem erfolgreichen Abschluss. Bis ich einen Witz über Waldorfschüler machte. Einen ganz harmlosen, so nebenbei. Ich hatte es ihnen einfach nicht angesehen.

Sebastian, 25

„Oh Schreck, da kommt Pumuckl.“ So war mein erster Gedanke. In der WG war ein Zimmer frei, das wir untervermieten wollten. Kennenlern- oder Quizspiele hatten mein Mitbewohner und ich uns nicht ausgedacht. Wir dachten, dass der Unterhaltungswert bei der Vorstellung der Kandidaten auch so hoch genug sein würde. Und tatsächlich wurden wir optisch nicht enttäuscht. Zur Wohnungstür kam ein kleiner, dünner Punk mit knallroten, kurzen Haaren und mehr Metall im Gesicht als Ritter Lancelot mit heruntergelassenem Visier. Nach kurzem Gespräch schämte ich mich allerdings meiner Oberflächlichkeit. Er war witzig und nicht auf den Kopf gefallen. Wäre die Konkurrenz nicht so stark gewesen, hätte ich ihm das Zimmer gegeben. Am Ende hatte er keine Chance. Wir entschieden uns für eine wesentlich besser aussehende Brünette.

Matthias, 24

„Hallo, ich bin der Holger.“ Vor mir steht ein Mann der mein Vater sein könnte: Schütteres Haar mit ersten grauen Strähnchen, ein kleines Bäuchlein vor sich herschiebend. So hatte ich mir meinen Mitbewohner nicht vorgestellt. Ich folge Holger ins Haus. An den Wänden hängen riesige Bilder von Papageien, als ich ihn darauf anspreche ist Holger kaum zu halten, erzählt von der Schönheit dieser Vögel und zerrt mich raus in den Garten, wo ich plötzlich vor einem riesigen Käfig stehe. Darin sitzt Kakadu Leo und glotzt mich an. „Möchtest du ihn mal anfassen?“. Bevor ich irgendwas sagen kann, krallt sich der Kakadu schon in meinen Arm. „Ein schöner Vogel. Der ist so anhänglich, das ich ihn sogar mit in den Supermarkt nehme und er kann sogar richtig sprechen.“ Holger versucht den Kakadu wieder zu sich zu locken, doch Leo stellt seinen gelben Kamm auf, krallt sich schmerzhaft in meinen Arm und krächzt mich an. Es klingt wie: „Lauf weg, so schnell du kannst!“

Antonie, 21

Ich hatte mit Bier und einer WG-Küche gerechnet, traf aber eine Kanne Jasmin- Tee und ein Wohnzimmer an, dessen Wände mit orientalischen Ethno-Tüchern ausgekleidet waren. Eine Frau mit asymmetrischer Henna-Frisur und Federohrringen begrüßte mich. Es roch nach Räucherstäbchen und Marihuana. Ich nahm auf einem Dinkel-Sitzsack Platz und hörte Dorit zu, wie sie das Regelwerk der vegetarischen Haushaltskasse erörterte, da sie niemals etwas essen könne, was einmal Augen hatte. Beim Abschied sagte Dorit, ich könne sofort einziehen. Ich stellte mir vor, wie meine Kosmetikabteilung im Bad neben ihrem Deo-Mineralkristall stehen würde und meine Cola in der Küche neben ihrer Trinksole aus Ur-Salz. Ich ließ mir Bedenkzeit geben und habe nie zurückgerufen.

Nina, 22

Die waren mir sofort sympathisch: Jungs-WG, überall Kippen, leere Bierflaschen, ein Kühlschrank voller Bier und Pizza und eine Wohnung wie für grandiose Privatpartys gemacht. Es bewarben sich nicht viele auf das kleine Zimmer mit einem winzigen Fenster zum wohl hässlichsten Hof Friedrichshains. Die Jungs rauchten Kette und schauten mich an. Dann sagte einer: „Wir wollen dich prüfen wie jeden! Ex bitte 3 Bier hintereinander“ Einer holte drei Flaschen, gut gekühlt. Ich war vom Vorabend verkatert und mir grauste etwas vor Bier. Aber ich hielt durch und am Ende sagte man mir, hätte ich nur zwei geschafft, wäre ich auch schon super. „Die meisten Bewerber waren brave BWLer, die wollten mittags noch nicht trinken“ Ich bekam das Zimmer und fragte am Ende: „Wie viele Mädchen waren eigentlich hier und wurden getestet.“ Die Runde blickte komisch, dann kam die einhellige Antwort: „Keins.“

Jan, 19

Es blitzt und ich wische mir das dämliche Grinsen aus dem Gesicht. „Oh, jetzt hattest du die Augen zu. Ich muss das Bild noch mal machen“, meint das Mädchen und setzt erneut die Kamera an. Das nächste Foto ist geglückt und ich bekomme Nummer 32. Als nächstes soll ich auf einem Zettel meine Hobbies und meine Lieblingsmusik notieren. Langsam komme ich mir albern vor. Plötzlich bekomme ich noch einen Zettel zugeschoben. Ich soll drei Prominente aufschreiben, die etwas über mich aussagen. „George W. Bush, Angela Merkel, Osama Bin Laden“, hat schon jemand drauf geschrieben. Sollen sie doch den nehmen, mir fällt jedenfalls niemand ein. Damit ist das Casting für mich beendet.

Charlotte, 22

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