Wunderheiler : Ein wundersamer Job

Wer in Südafrika groß rauskommen will, wird nicht Popstar, sondern Heiler. Ohne sie geht dort nichts

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Im Haar trägt sie ein Häubchen aus Hühnerfedern. Grace Motlalepula trommelt im warmen Licht der Abendsonne im südafrikanischen Halfway auf einer Calabash, einem traditionellen Instrument, das aus einem Kürbis hergestellt wird. Ihre Ausbilderin Tshidi Makqetha dreht tanzend ihre Runden im Kreis. Mit fester Stimme singt sie: „Shaya sibone ke“, sag mir mehr. Der Silberschmuck um ihre Fesseln rasselt im Takt der Trommeln. Gebannt blickt die 22-jährige Grace auf die Bewegung ihrer Lehrerin, die sich gerade in Trance versetzt.

Grace’ Ausbilderin ist eine Sangoma, eine traditionelle Wunderheilerin. In Südafrika genießen Menschen wie sie hohes Ansehen, gerade bei Jugendlichen. Viele wollen diesen Beruf erlernen, er steht auf der Wunschliste ganz oben – so wie in Deutschland Popstar oder Topmodel. Ohne Sangomas geht in Südafrika fast gar nichts. Nicht mal die Fußball-WM, denn sie heiligen sogar die Spielfelder.

Grace will auch eine Sangoma werden. Während an diesem Abend das Publikum leise summt und sie auf der Calabash trommelt, nimmt Tshidi Makqetha, 28, Kontakt zu den Ahnen auf. Sie alle glauben, dass die Vorfahren das Böse von den Lebenden fernhalten; dass sie ihnen Rat und Auskunft erteilen. „Ich glaube an ihre Kraft – und über ihrer steht Gott“, sagt Grace. In einem halben Jahr wird auch sie so weit sein und Antworten auf Alltagsfragen geben können, die tief im Glauben und den Traditionen Südafrikas verwurzelt sind.

Für ihre Ausbildung ist Grace vor drei Monaten auf den Hof der Sangoma gezogen. Am Wochenende stehen die Leute dort Schlange vor dem Tor. „Die meisten kommen, weil sie Schmerzen haben“, sagt Tshidi, die großes Vertrauen in ihrer Gemeinde genießt.

Im Kapstaat stehen sich westlicher Alltag und alte Bräuche gegenüber. Großstädte wie Johannesburg oder Durban locken mit modernen Einkaufszentren, Kinos und Bars. Trotzdem zählt für die meisten Südafrikaner der Gang zu den rund 200 000 traditionellen Sangomas zum Alltag. Denn die westliche Medizin wird von der Mehrheit zwar als hilfreich verstanden, aber eine plötzliche Erkrankung ist für viele eben nicht allein mit dem Zufall zu erklären. Und traditionelle Heiler wissen mehr: Sie enthüllen die Vergangenheit und blicken in die Zukunft, vertreiben böse Blicke und wissen Rat. Die Wunderheiler verstehen Körper und Seele als Einheit – sie sind quasi Ärzte, Heilpraktiker, Psychotherapeuten und Wahrsager in einem. Und hinter dem Vorhang ihres Glaubens verbirgt sich eine gesunde Portion Menschenkenntnis, die ihnen bei ihren Schlussfolgerungen hilft. Nicht umsonst betrug die Ausbildung zur Sangoma früher bis zu 25 Jahre. Heute sind es jedoch meist nur noch fünf bis sieben Jahre, in den großen Städten sogar nur noch einige Monate.

Graces Tag beginnt morgens um vier Uhr mit einer kalten Dusche. Danach grüßt sie die Ahnen mit einem Gebet. „Dabei bitte ich sie auch, dass ich diese Ausbildung schaffe.“ Tagsüber unterweist ihre Ausbilderin sie in kleinen Schritten in die Kunst des Sehens und Heilens. Was dabei genau passiert, darf Grace nicht preisgeben.

Die Kurse folgen festen Ritualen. Grace erzählt, dass sie nicht mit ihrer Ausbilderin sprechen darf, bevor die sie anspricht. Und dass sie einen Knicks macht, wenn sie sie in ihrem Raum besucht und dabei zweimal in die Hände klatscht, um die Ahnen zu begrüßen. „Die sind immer da und überall“, sagt Grace. Während ihrer Ausbildung suchten sie sich sogar einen Platz in ihrem Körper. „Deswegen darf ich zu dieser Zeit auch niemanden berühren, damit nichts Negatives mit ihnen in Verbindung kommt.“

Insgesamt vier Mal am Tag huldigt Grace ihren Ahnen. Es bedürfe innerer Ruhe und Ausgeglichenheit, um eine Sangoma zu werden, auch wenn jemand etwas Böses getan habe.

Natürlich gibt es in der Branche auch viele Scharlatane, die nur Geld machen wollen. Manch ein falscher Sangoma ködert seine Kunden sogar mit dem Versprechen, Aids heilen zu können. Neu sind auch Ferndiagnosen via Internet.

Wegen des großen Einflusses der Wunderheiler setzen sowohl der Staat als auch soziale Organisationen bei der Lösung von Problemen wie Aids auf die Sangomas. Und um den Guten unter ihnen einen besseren Stand zu gewähren, gibt es seit zwei Jahren ein Gesetz, das sie westlichen Ärzten gleichstellt. Auch Grace will sich nach ihrer Ausbildung prüfen lassen und beweisen, dass sie ihr Handwerk wirklich gelernt hat. Weil sie nach ihrer Ausbildung hauptberuflich als Sangoma arbeiten will. Schließlich sei sie vor einem Jahr von ihren Ahnen dazu berufen worden.

Eigentlich hatte Grace später einmal studieren wollen. Nach der Schule hat sie aber in einem kleinen Laden gejobbt, weil ihre Familie wenig Geld besitzt. Dann fingen die Kopfschmerzen und die Atemnot an. „Ich habe nachts geträumt, dass ich mich im Wald verirrt habe oder in einem Käfig eingesperrt bin“, erinnert sich Grace. Weil kein Arzt ihr helfen konnte, brachte ihre Mutter sie zu Tshidi. „In der Sitzung hat sie mir dann gesagt, dass ich eine Auserwählte sei.“

Gespannt blickt Grace durch das Fenster ihrer Ausbilderin, die gerade einen Klienten berät. Tshidi hat eine Kollektion aus Knochen und Kauri-Muscheln in beiden Händen, lässt den Mann, der vor ihr kniet, einmal darüber blasen und seinen Namen nennen. Dann klopft sie ihre Handflächen gegeneinander und wirft den Inhalt in hohem Bogen wieder auf den Boden. Wie es um seine Zukunft steht, will der Mann wissen. Die Wunderheilerin klatscht zweimal in die Hände. Aus den kleinen, mit Kräutern gefüllten Behältern vor ihr steigt Rauch auf. Die sogenannten Imphepha-Kräuter riechen ein bisschen wie Weihrauch, nur würziger. „Sag immer wieder ,Sawu‘, damit ich deine Ahnen rufen kann“, hallt es aus dem Raum. Ähnlich wie beim Kaffeesatz liest die Sangoma aus der Anordnung der Knochen. Dabei verfällt sie in einen schwer verständlichen Singsang aus Zulu-Worten, die Grace durch das Fenster schlecht verstehen kann. Aber die Sitzung hat auch gerade erst begonnen und Tshidi Makqethas Stimme wird lauter und lauter. Grace dreht sich um und strahlt: „Irgendwann werde auch ich mit den Ahnen sprechen und sie werden mir sagen, was zu tun ist.“ Sie klingt stolz. „Jetzt huldige ich sie und bitte Sie, mich in ihren Kreis aufzunehmen.“

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