Werbinich : Zahlen gehen runter wie Butter

Wie eine Mathestunde plötzlich Spaß machte

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In der Pause drängen sich alle Kinder um die Tafel und die Kreide. Jeder will für alle sichtbar an der Tafel Zeichen hinterlassen. Wir sind 12 Jahre alt, gehen in die fünfte oder sechste Klasse einer Mittelschule in Schöneberg. Die Schule ist überfüllt, obwohl man eine Aufnahmeprüfung bestehen und Schulgeld bezahlen muss. Mehr als 40 Kinder gehen in eine Klasse. Mädchen und Jungen werden getrennt unterrichtet.

Der Krieg ist noch nicht lange zu Ende, die meisten Lehrer waren schon vor dem Krieg hier, ihre Erziehungsmethoden auch. Oft besteht der Unterricht aus dem Kommando „aufstehen“ – „hinsetzen“.

Der Lehrer betritt die Klasse. Sofort huschen alle Schüler auf ihre Plätze und stellen sich hin. Es herrscht erwartungsvolle Ruhe. Der Lehrer lässt seinen strengen Blick über die Klasse gleiten, bis er den Befehl „setzen“ gibt. Dann holt er sein Notizbuch aus der Tasche, geht stumm die Namen durch. Alle fragen sich ängstlich: Wo wird er hängen bleiben? „Elisabeth Arndt“. Gott sei Dank, denke ich, er beginnt mit dem Alphabet, hoffentlich bleibt er in der Reihenfolge. Dann ist die Stunde sicher zu Ende, bevor er bei „Krafft“ angelangt ist.

Zögernd geht Elisabeth an die Tafel. Eine Aufgabe wird ihr diktiert, sie soll sie lösen – und kann es nicht. Sie addiert, multipliziert, dann weiß sie nicht mehr weiter. Der Lehrer ruft plötzlich „Hannelore Krafft“ auf. Ich bin starr vor Angst, gehe nach vorn, sehe nichts an der Tafel. Die Zahlen schwimmen vor meinen Augen, sind mir unverständlich. Die Tafel, riesengroß, die Zahlen, die ich zu schreiben versuche, geraten krumm und unproportional. Ich warte nur darauf, dass er mich endlich zurückschickt. Die Sekunden dehnen sich. Dann, endlich, er schreibt ohne Kommentar eine Note in sein Büchlein. Der Nächste wird an die Tafel gerufen. Die Mathestunden bei diesem Lehrer sind grauenhaft.

Vor der nächsten Stunde beschließen wir, die Qual an der Tafel zu beenden. Alle holen ihre Frühstücksbrote heraus. Die Butter oder Margarine wird sorgfältig über die Tafel verteilt.Wir schmieren die Brote und Papiere, in die sie eingewickelt sind, an die Tafel. Ein bisschen ekelhaft ist die Prozedur schon, aber sie lohnt sich. Es bleibt kein Fleckchen frei. Danach begeben wir uns artig auf unsere Plätze und warten.

Der Lehrer betritt das Klassenzimmer. Diesmal haben wir keine Angst. Heute beginnt er damit, selbst eine Aufgabe an die Tafel zu schreiben. Er stutzt, denn auf der Tafel ist nichts zu sehen. Er versucht es noch einmal, wieder nichts. Da begreift er. Die ganze Klasse muss nachsitzen. Das macht uns gar nichts aus, er muss ja auch bleiben.

Dieser Lehrer hat mir die Lust an der Mathematik gründlich verdorben. Erst als ich viele Jahre später das Abitur nachholte, merkte ich, wie spannend es sein kann, mathematische Probleme zu lösen.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Hannelore Pretzsch ist 70 Jahre alt. Sie hat zunächst als Religionslehrerin gearbeitet. Mit 40 Jahren hat sie das Abitur und ein Studium nachgeholt und war danach in der Familien- und Einzelfalltherapie tätig.

Hannelore Pretzsch (70) ging nach dem Krieg in Schöneberg in die Schule. Sie hatte Angst, an der Tafel vorrechnen zu müssen. Aber dann bereiteten die Schüler der Qual ein Ende.

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