Wetter in Deutschland : Zeit für Tornados

Wirbelstürme brauchen eine ganz bestimmte Wetterlage. Die liegt jetzt in Deutschland vor. Deshalb gab der Wetterdienst eine Warnung heraus - aber niemand weiß, wann und wo es passiert.

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Ein Tornado ist am 07.06.2016 über Hamburg im Stadtteil Bramfeld zu sehen.
Ein Tornado ist am 07.06.2016 über Hamburg im Stadtteil Bramfeld zu sehen.Foto: dpa

Es passiert extrem selten, dass der Deutsche Wetterdienst (DWD) wie am vergangenen Dienstag vor einem erhöhten Risiko von Tornados warnt. „Wir können ja nur das Risiko abschätzen. Ob solche Saugrüssel dann wirklich entstehen und am Boden eine Spur der Verwüstung ziehen, lässt sich kaum vorhersagen“, erklärt der DWD-Meteorologe Andreas Friedrich. Tatsächlich haben die Wetterfrösche an den ersten beiden Augusttagen dann auch keine Tornados über Deutschland bestätigen können.

Was nichts heißen muss, schließlich gibt es eine hohe Dunkelziffer. Tornados können nicht auf Radarbildschirmen bestätigt werden, sondern nur durch direkte Beobachtung. Weder die Profi-Meteorologen vom DWD und von privaten Wetterdiensten noch ihre Hobby-Kollegen aber haben gleichzeitig auch die hinterste Ecke des Landes im Blick. Und weil Tornados hierzulande viel seltener als anzutreffen sind in bestimmten Regionen der USA, gibt es in Mitteleuropa weniger Tornado-Jäger, die dem Phänomen auflauern.

"Wie eine gigantische Leitplanke"

Tornados entstehen auf beiden Seiten des Atlantiks aus den gleichen Gründen. Dabei ist viel heiße und vor allem möglichst feuchte Luft am Boden notwendig, darüber sollten aus einer anderen Richtung kühlere Luftmassen strömen. Wenn die sehr feuchte Luft dann auch noch aufsteigt, kann die Wetterküche daraus erste Vorstufen von Tornados anrühren.

Solche Wetterlagen gibt es im Mittleren Westen der USA deutlich häufiger als in Mitteleuropa. Kann doch die eisige Luft aus dem Hohen Norden in Nordamerika ungebremst weit nach Süden strömen. Zumindest, bis sie auf die heiße Luft der Wüsten des Kontinents trifft. „Dabei halten die hohen Bergketten der Rocky Mountains, die sich von Nord nach Süd durch den Kontinent ziehen, diesen Luftstrom wie eine gigantische Leitplanke auf Kurs“, erklärt DWD-Meteorologe Andreas Friedrich.

Gleichzeitig heizt die Tropensonne das Wasser im Golf von Mexiko kräftig auf. Dort verdunstet daher mehr Flüssigkeit als über dem Mittelmeer, das schlicht weiter nördlich liegt und so weniger Sonne abbekommt. Diese extrem feuchte Luft strömt fast ungehindert nach Norden, wo sie irgendwann auf die kalte Luft aus Kanada trifft.

Die Alpen stehen im Weg

„In Europa dagegen stehen den feuchten Luftmassen aus dem Mittelmeer auf dem Weg nach Norden die Alpen im Weg“, sagt Andreas Friedrich. Die Wolken regnen sich oft in den Alpen aus und weiter im Norden kommt nur noch gut getrocknete Luft an, die manchmal als warmer Fallwind ins Voralpenland fließt und selbst an Weihnachten den Münchnern Temperaturen bis zu 20 Grad beschert. Im Sommer fehlt oft die Feuchtigkeit. Es sei denn, die feuchte Mittelmeerluft nimmt, wie es derzeit der Fall ist, den Umweg im Osten an den Alpen vorbei. Dann beginnen bei den Meteorologen die Köpfe zu rauchen.

„Typischerweise weht am Boden ein leichter Südwind, Während darüber bereits kühlere Luft schnell von West nach Ost fließt“, erklärt Andreas Friedrich. Als nächstes muss die feuchte Luft von unten nach oben strömen. Das passiert zum Beispiel, wenn sich ein Tiefdruck-Trog nähert, der die Luftmassen regelrecht ansaugt. Auf ihrem Weg nach oben kühlt die feuchte Luft rasch ab. Je niedriger aber die Temperatur ist, desto weniger Wasser passt in eine Luftmasse.

Bis zu 60 Tornados jedes Jahr

Das überschüssige Wasser kondensiert daher schnell und oft genug ohne Umwege über die flüssige Form zu Eiskristallen, die man vom Boden aus als Wolken wahrnimmt. Dabei ist jede Menge Energie im Spiel. Die gleiche Energiemenge, die das Wasser beim Verdunsten aufgenommen hat, gibt es beim Kondensieren wieder ab. Ist die Luft also sehr feucht, gibt es reichlich Energie und die Wetterküche beginnt zu brodeln. Die Eiskristalle wachsen immer größer, nach einiger Zeit kann die Luft sie nicht mehr in der Schwebe halten. Am Boden kommt in solchen Fällen zum Beispiel ein Gewitterschauer an.

In der Regel regnen sich solche Gewitterzellen schnell aus. Sind die Wolkentürme aber ein wenig geneigt, weil der Wind oben kräftig in eine andere Richtung bläst als am Boden, beginnen die Wolkentürme zu rotieren. Vorne steigt dann weiter feuchte Luft auf, während hinten die Gewitterregen prasseln. Ein solcher Gewitterwolken-Wirbel kann sich lange halten und dabei immer schneller drehen. „Eine Superzelle ist entstanden“, erklärt Andreas Friedrich.

Normalerweise reicht der Wolkenrüssel in einer solchen Superzelle nicht bis zum Boden. In seltenen Fällen aber erreichen solche Wolkenwirbel mit wenigen bis einigen hundert Metern Durchmesser den Boden – und werden dann Tornado genannt. Andreas Friedrich: „In Deutschland weisen wir jedes Jahr ungefähr 20 bis 60 dieser Tornados nach.“

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