Welt : Wettlauf gegen den Kältetod

Afghanistan erlebt einen der schlimmsten Winter aller Zeiten – die Helfer stehen vor enormen Problemen

Elke Windisch[Moskau]

Ganze 60 Kilometer sind zu bewältigen, für die Fahrt gehen dennoch volle zwei Stunden drauf. Die „Straße“ nach Faizabad, einer Provinzhauptstadt in Nordafghanistan, ist selbst im Sommer nur eine bessere Schotterpiste und jetzt völlig vereist. In den Regionen nördlich des Hindukusch herrscht seit Wochen strenge Kälte, die Temperaturen sacken nachts bis unter zwanzig Grad minus ab. Dazu kommen ungewöhnlich heftige Schneefälle. Ganze Dörfer sind völlig von der Außenwelt abgeschnitten.

Afghanistan macht momentan einen der schlimmsten Winter seit Menschengedenken durch. 140 Menschen starben bereits, mehr als 30 000 Nutztiere vereendeten. Das Wetter und die nach wie vor durch Krieg und Bürgerkrieg zerrüttete Infrastruktur fordern die vor Ort tätigen Hilfsorganisationen momentan bis an die Grenze der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit. Auch Uwe Hermann und dessen Team.

Hermann arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Projektleiter für die Welthungerhilfe, die seit 1980 ununterbrochen in Afghanistan tätig ist. Während sie sonst den Brunnenbau und Projekte unterstützt, die die Bodenerosion stoppen oder lukrative Alternativen zum Opiumanbau bieten sollen, engagiert sich die deutsche Hilfsorganisation momentan an vorderster Front im Kampf gegen den Kältetod.

Zwei Decken, vier Paar Stiefel, zwölf Paar Socken, zehn Liter Speiseöl, sieben Kilogramm Zucker und 45 Kilogramm Mehl .gehören zu den Notfallpaketen, die Hermann und dessen afghanische Mitstreiter momentan an rund 5000 Familien mit durchschnittlich zehn Mitgliedern in den Nordprovinzen Jawzjan und Takhar verteilen. Dafür stehen eine halbe Million Euro zur Verfügung. Die Hilfsaktion wird zu mehr als 90 Prozent vom Auswärtigen Amt finanziert und ist für die Helfer eine enorme logistische Herausforderung.

Die Infrastruktur, schon vor dem Krieg sehr grobmaschig, steckt auch im Jahre sieben nach dem Ende der Taliban-Herrschaft noch immer in den Kinderschuhen. Vor allem Straßen fehlen. Wegen Instabilität und Sicherheitsrisiken stockt der Wiederaufbau. Der Salang-Tunnel unter dem Hindukusch, den Regierungstruppen sprengten, als sie Mitte der 90er Jahre vor den Taliban nach Norden flohen, ist noch immer nicht wieder völlig instand gesetzt, der Pass, der über das Gebirge hinwegführt, im Winter häufig nicht befahrbar.

Dennoch haben Hermann und seine Helfer das Kunststück fertig gebracht, dass von der Beschaffung der Hilfsgüter bis zur Verteilung an Bedürftige nicht mehr als acht Tage vergehen. Alles wird direkt in den Nordprovinzen eingekauft. Die Verteilungspunkte hat die Welthungerhilfe in jenen Distriktzentren eingerichtet, die mit Lastwagen angefahren werden können. Von dort geht es weiter mit Kamelen und Eseln, zuweilen auch zu Fuß – was bei Schneehöhen von bis zu zwei Metern extrem schwierig ist.

Die Preise für Lebensmittel und Brennstoff sind seit dem Kälteeinbruch stark gestiegen und für Tagelöhner, Kriegsheimkehrer oder Witwen inzwischen unerschwinglich. Die meisten heizen mit Stroh, sagt Hermann.

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