Welt : Wie ein Hamster im Laufrad

Eckhard Stengel

Arbeitssucht ist zu einer Volkskrankheit geworden. Diese Ansicht vertreten 13 Wissenschaftler, Gewerkschafter und Suchthelfer in dem Sammelband "Massenphänomen Arbeitssucht", der jetzt vom Bremer Atlantik-Verlag vorgestellt wurde.

Die krankhafte Fixierung auf Arbeit sei "keineswegs mehr das zweifelhafte Privileg von Eliten", meint der Buch-Herausgeber und Leiter des Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung an der Universität Bremen, Wirtschaftsprofessor Holger Heide. Nach "aufstrebenden Jung-Karrieristen" seien inzwischen auch viele Angestellte und Arbeiter betroffen - vor allem wenn sie innerhalb von Zielvorgaben relativ frei ihre Arbeit einteilen dürften. Diese von den Gewerkschaften eigentlich begrüßte Eigenverantwortung hat den Buch-Autoren zufolge ihre Kehrseite: Unter dem Druck von Termin- und Kostenvorgaben missachteten viele Beschäftigte ihre eigenen Schutzrechte und arbeiteten "wie ein Hamster im Laufrad", hieß es bei der Buchvorstellung. Damit gefährdeten sie Gesundheit, seelisches Gleichgewicht und persönliche Beziehungen. Letztlich schadeten sie damit auch den Unternehmen: Wer mehr Pausen mache, sei langfristig effektiver.

In Japan, so berichtete der Juraprofessor Roderich Wahsner, fallen jährlich 20 000 bis 30 000 Menschen während oder kurz nach der Arbeit tot um. Wahsner führt dies darauf zurück, dass die japanischen Gewerkschaften zu schwach und "managementhörig" seien. An die deutschen Gewerkschaften appellierte er: "Lasst es nicht so weit kommen!"

Weil das Bremer Autorenteam Arbeitssucht als gesellschaftlich bedingte Krankheit sieht, empfiehlt es den Betroffenen, nicht nur individuell dagegen vorzugehen. Sie müssten zwar zunächst einsehen, süchtig zu sein, sollten dann aber so mutig sein, den Kollegenkreis anzusprechen. Dabei zeige sich oft, dass es den anderen genauso gehe und man keineswegs "der einzige Versager" sei. Gemeinsam und mit Hilfe des Betriebsrats könne man dann dem Druck von oben widerstehen, zum Beispiel, indem wieder feste Arbeitspausen eingeführt würden, wie IG-Metall-Sekretär Peter Stutz berichtete. Neben Berufstätigen können nach Ansicht der Autoren auch Hausfrauen oder Rentner arbeitssüchtig sein - etwa, weil sie nichts mit sich selbst anzufangen wüssten oder den Druck der Arbeitswelt verinnerlicht hätten. Als Arbeitssucht definiert Herausgeber Heide allerdings nicht nur ständiges Schaffen, sondern auch ewiges Vor-sich-Herschieben von Aufgaben.

Als Berufskrankheit wird der ständige Arbeitszwang offiziell allerdings nicht anerkannt.

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