Welt : Witze gegen die Angst

Wie die Österreicher mit sich hadern

Markus Huber

Psychologen sagen, dass Witze für die Menschen ein Mittel sind, Unfassbares zu verarbeiten. Je schwärzer, je makaberer der Witz ist, desto mehr erfüllt er seine Funktion, das in Worte kaum fassbare Grauen anzusprechen und angesichts der Hilflosigkeit damit umzugehen. Als Natascha Kampusch vor knapp zwei Jahren die Flucht von ihrem Entführer gelang, dauerte es noch ein paar Tage, bis die ersten Kampusch-Witze in Österreich kursierten. Jetzt, nachdem in Amstetten, 200 Kilometer von Kampuschs Verlies ein neuerlicher, noch unbegreiflicher Fall aufgedeckt wurde, dauerte es gerade einmal 24 Stunden. Schon am Montag abend war in Wien ein Bonmot zu hören, wonach die österreichische Bundeshymne umgetextet werden sollte. „Land der Hämmer, zukunftsreich“, heißt es im offiziellen Text gleich in der ersten Strophe. Die treffendere Zeile, so die makabren Texter, wäre aber: „Land der Keller, zukunftsreich.“

Derart geschmacklose Wortspiele verharmlosen das Leid der Opfer, aber ihr Kursieren zeigt auf der anderen Seite, wovor sich Österreich derzeit allmählich zu fürchten beginnt. Wird nun, nach dem zweiten grauenhaften Verschleppungsfall, Österreichs Bild in der Welt nachhaltig beschädigt?

Wird Österreich, nachdem nun schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit ein unfassbares Verbrechen bekannt wurde, in der Weltöffentlichkeit zu einem Land der Entführer und Verschlepper? Nimmt vielleicht das Image des gesamten Landes dadurch nachhaltig Schaden? Genau diese Frage hat am Dienstag nachmittag das reichweitenstärkste Onlineportal des Landes, orf.at, aufgeworfen, und mit einem zaghaften „Ja“ beantwortet.

Allmählich beginnt auch die österreichische Öffentlichkeit, Vergleiche mit dem Belgien des Marc Dutroux zu ziehen. Vor mehr als zwölf Jahren hatte dieser in seiner Heimat Kinder verschleppt und bestialisch misshandelt. Das Bild Belgiens in der Welt hatte anschließend nachhaltig gelitten. Nun werden in Österreich ängstlich Belgier zitiert, die erklären, dass sie nach wie vor, wenn sie sich als Belgier ausgeben, auf Dutroux angesprochen werden.

Nun ist also Österreich dran. Und das ist bitter, gerade in diesem Land, dessen kollektives Selbstwertgefühl seit fast 100 Jahren am Boden liegt und wohl nie darüber wegkam, dass es 1918 fast zwei Drittel seines einstmals so großen Staatsgebiets verloren hat und nun ein Zwergenstaat ist. Dieses Land, über dessen nationalen Minderwertigkeitskomplex schon fast so viele Bücher geschrieben wurden wie über seine Kulturschätze, und das immer noch den Jahrestag des Fußballtriumphs über Deutschland feiert, versucht unentwegt, der Musterschüler der EU zu sein. Und ausgerechnet jetzt, wo die Ausrichtung der Euro 08 das Land wieder einmal als Glanzstück Europas ausweisen sollte, taucht das nächste monströse Verbrechen auf. Markus Huber

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