Welt : Zahlen beten nicht

Sie sind wütend und sprechen von Zerschlagung, Hinrichtung, Profitgier. Erst verlor die katholische Gemeinde in Kempten ihren Bischof. Er hieß Walter Mixa. Jetzt soll auch noch ihre Kirche abgerissen werden. Sie heißt Christi Himmelfahrt, und um ihre Erhaltung tobt bitterer Streit

Monika Goetsch[Kempten]
Geist des Konzils. Keine Stufen, keine Treppen, keine Schwellenangst, so setzte das 1971 erbaute Gotteshaus Christi Himmelfahrt in Kempten die vatikanischen Beschlüsse um. Foto: Martina Diemand
Geist des Konzils. Keine Stufen, keine Treppen, keine Schwellenangst, so setzte das 1971 erbaute Gotteshaus Christi Himmelfahrt in...Foto: Martina Diemand

Ein sommerlich warmer Tag im Allgäu, doch ins Tiefparterre der Kirche dringt kein Sonnenstrahl. Acht Gläubige haben sich um einen Tisch im karg möblierten Saal versammelt, die Mehrzahl ergraut. Pfarrgemeinderäte sind darunter, Herren von der Kirchenverwaltung und zwei Ruhestandsgeistliche. Am Vorabend haben Gesandte der Diözese Augsburg der Gemeinde endgültig verkündet, was ihnen bevorsteht. Das Ende, so empfinden viele hier, dass sie mit St. Lorenz fusionieren sollen. Es könnte auch den Abriss der Kirche bedeuten, in der sie gerade sitzen.

„Die Pfarrgemeinde soll zerschlagen werden“, sagt die Gemeindevorsitzende Ursula Zingraf zornig. „Nehmen wir das hin oder wehren wir uns?“

„Mir ginge es darum, dass wir es hinnehmen.“ Der das sagt, vorsichtig, ist Kirchenpfleger Willibald Herz. Die Wortbeiträge überschlagen sich. Das Plädoyer des behäbigen Mannes findet unter den Anwesenden keine Mehrheit und wohl auch kein Gehör mehr. Seit man im Januar 2010 ausgerechnet aus der örtlichen Presse von bislang unbestätigten Plänen erfuhr, das Kirchengebäude abzureißen, ist der Zorn groß, der Graben tief.

Die Friedenskirche Christi Himmelfahrt ist eine Komposition aus Glas und Beton, ein 70er-Jahre-Traum von Freiheit und Gleichberechtigung. Unten, im großzügigen Pfarrsaal, wird getagt wie jetzt, gefeiert und hin und wieder, nach einem Konzert etwa, das Tanzbein geschwungen. Oben, im darüberliegenden Kirchenraum ist Teppichboden ausgelegt. Kirchentagsatmosphäre. Keine Stufen, keine Säulen, keine Schwellenangst.

Architekt Robert Gerum, Erbauer von rund zwanzig Gotteshäusern in Bayern und längst im Ruhestand, erzählt, dass sein Entwurf damals der Vorstellung einer Kirche folgte, „die offene Arme hat für Menschen, die suchend auf dem Weg sind“. Der Geist des zweiten Vatikanischen Konzils, die tastende Öffnung der Kirche hin zu Ökumene und Welt, war stilprägend für das moderne Bauwerk. Wird es nun einer unter Papst Benedikt XVI. forcierten konservativen Linie des Vatikans geopfert? Warum soll ausgerechnet die Himmelfahrt in St. Lorenz aufgehen, nicht aber umgekehrt?

St. Lorenz punktet mit einer fast vierhundertjährigen Geschichte. 35 Steinstufen führen zu ihrem Eingangstor hinauf, im frösteligen Inneren des Kirchengewölbes befindet sich Eindrucksvolles wie die zwei Katakombenheiligen in der Glasvitrine: prunkvoll geschmückte, in Seitenlage arrangierte Skelette der Heiligen Honoris und Innocentius. Touristen bilden Besuchergruppen und bestaunen die Fresken. Vor allem aber überzeugen die Zahlen, die das Dekanat vorlegt. Danach haben hier 1098 Menschen, das sind 21 Prozent der hier wohnhaften Katholiken, den Gottesdienst 2009 besucht. In Christi Himmelfahrt waren es gerade mal sechs Prozent, was 190 Gläubige über das Jahr verteilt. Von 1997 bis 2008 hat sich die Zahl der Kirchgänger der Gemeinde halbiert, heißt es bei der Diözese. In der mitunter herzlosen Sprache der Wirtschaft könnte man sagen, St. Lorenz ist der high performer in Kempten.

Christi Himmelfahrt ist der low performer. Die Glasfenster müssten erneuert werden. Eine energetische Sanierung steht an. Angebliche feuerpolizeiliche Mängel haben die Diözese ausgerechnet in der Karwoche bewogen, mit einer vorübergehenden Schließung der Kirche zu drohen. So weit kam es nicht.

Stattdessen wurde eine unansehnliche Nottreppe aus Holz ans Gebäude geklatscht. Das sei, so misstrauische Mitglieder der Pfarrgemeinde, ein unlauterer Versuch der Diözese, den Abriss der Kirche plausibel zu machen. Erst musste man hier den Abgang des Bischofs Walter Mixa hinnehmen, nun sogar die eigene Abschaffung.

Unten im Gemeindesaal traut man den Kirchenoberen in Augsburg inzwischen jede Hinterlist zu. Hermann Mohry, an sich ein ruhiger, weißhaariger Mann, formuliert drastisch: „Die Kirche wird von der Diözese hingerichtet!“ Die Vorsitzende Ursula Zingraf wird nicht müde zu erzählen, wie viele Briefe sie dem Bischof von Augsburg geschrieben hat – über 20 –, und wie oft sie keine Antwort erhielt – ebenso häufig. Zuletzt habe sie die Briefe an ihrem Stellvertreter, dem friedliebenden Kirchenpfleger Herz, vorbeigeschmuggelt. Er sollte sie nicht mäßigen. Sie will von ihrem kämpferischen Ton nicht lassen. „Die Kirche hat in dieser Organisationsform einfach vergessen, wo sie herkommt“, sagt sie.

So viel Wut? Dabei ist eine Kirchenfusion keine allzu spektakuläre Sache, überall in Deutschland schließen Kirchen. Man reißt ab, man nutzt um. Es geschieht wegen Priestermangels, der demografischen Entwicklung und nicht zuletzt wegen der Austrittswelle der vergangenen Jahre, die die Kirche in Bayern besonders stark trifft. Wozu die alte Kirchendichte beibehalten?

Der Präzedenzfall kennt keine Logik. Es ist die erste Kirchenfusion im Bistum Augsburg und die erste Fusion in Kempten. „Die haben sich am Anfang gedacht, sie hätten mit uns ein leichtes Spiel“, sagt Katja Hold, mit ihren 27 Jahren die einzige jüngere Frau im Kirchengemeinderat. Die Theologiestudentin mit dem Jean-Seberg-Look sieht sich und die Gemeinde von den Kirchenoberen hintergangen. „Die meinten wohl, man könne uns in den Sack stecken. Aber so einfach war das nicht. Jetzt spielen sie ihre Macht aus.“

Max Knorr, trotz seiner 85 Jahre von bemerkenswerter Frische, trifft das alles sehr. Er ist der Pfarrer, unter dessen Leitung die Kirche vor vierzig Jahren errichtet wurde. An jenem Morgen im Pfarrhaus zeichnet er ein Schreckensbild, mit getragener Stimme und en detail. „Nach einer Fusion ist der Name Christi Himmelfahrt getilgt, es gibt dann kein Christi Himmelfahrt mehr. Jedes Messgewand, jeder Teller geht nach Lorenz!“

Ursula Zingraf wettert: „Wir haben keine Feinde von außen, wir haben die Feinde in der Kirche.“

Michael Kremser, Pressesprecher des Bischofs, ein Rheinländer, dem Kirchenfusionen nur allzu vertraut sind, hält entspannt dagegen: „Fusionen sind im städtischen Raum nichts Ungewöhnliches. Auf dem Land werden Pfarreiengemeinschaften bevorzugt.“ Eine solche wäre der Kirchengemeinderat von Christi Himmelfahrt gern eingegangen. Kremser weist auf die Kleinteiligkeit der Strukturen im Bistum hin: „Wir haben bei 1,3 Millionen Katholiken 1000 Pfarreien. Andernorts ist das schon lange nicht mehr so.“ So ist die Fusion in Kempten nur der Auftakt einer bistumsweiten Entwicklung.

Bischof Konrad Zsadar, Nachfolger des skandalumwitterten Bischofs Walter Mixa, hat sich die Mühe gemacht, die paar hundert Meter zwischen Christi Himmelfahrt und St. Lorenz durchs idyllische Kempten abzuschreiten. Ergebnis: Der Weg ist zumutbar. Die Pfarrgemeinderäte dagegen sind der festen Überzeugung, dass am Weg hinauf nach St. Lorenz all die Alten, Gebrechlichen mit ihren Rollatoren und Rollstühlen scheitern werden. Dazu fällt der angehenden Theologin Hold ein Papstwort ein: „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“ Sie sagt: „Wo dies nicht so ist, ist die Kirche auf dem falschen Weg.“ „Und bald tot“, ergänzt Ursula Zingraf.

Bischof Zsadar zeigt sich erschüttert. „Fast ungehalten“, sagt Kremser, sei der Bischof über den Protest, der ihm aus Christi Himmelfahrt entgegenschlägt, „insbesondere aufgrund der Briefe und der Art und Weise, wie er angegangen ist“. Das Wort „unfair“ fällt. Zwar macht die Diözese derzeit keine Angaben, ob ein Abriss tatsächlich ansteht. Angemerkt wird allerdings, dass es 3,146 Millionen Euro koste, das Gebäude zu sanieren und zehn weitere Jahre zu unterhalten. Demgegenüber soll ein Rückbau des Pfarrzentrums und Neubau eines Kindergartens die Diözese einen Eigenanteil von 682000 Euro kosten. Mit Christi Himmelfahrt besitzt die Diözese ein innerstädtisches Filetgrundstück. Auch wenn der Architekt Geron der Überzeugung ist, den Zahlen liege „ein Gefälligkeitsgutachten“ zugrunde, wird deutlich: Es geht um sehr viel Geld für die Diözese.

Im Tiefgeschoss von Christi Himmelfahrt meinen sie, Zahlen sprechen eine Sprache, Menschen eine andere. Und noch im vergangenen Jahr war diese besonders laut zu vernehmen. Zumindest bei denen, die dabei waren, als zwölf Leute, allesamt im Ruhestand, zehn Wochen mehrere Stunden täglich bis zur Erschöpfung Bäume beschnitten und den Beton gestrichen haben. Ursula Zingraf hat alles auf Fotos festgehalten und an die Glaswand der Kirche gepinnt. Unter dem Damoklesschwert der Schließung findet man enger denn je zueinander. Die Zahl der Gottesdienstbesucher, sagt Zingraf, habe angezogen. Das kirchliche Leben blühe.

In ein paar Tagen, an Christi Himmelfahrt, soll sich die Kirche noch einmal sehr lebendig zeigen. Dann nämlich fallen der vierzigste Geburtstag des Gebäudes mit dem achtzigsten der Gemeinde selbst zusammen. Das Fest soll rauschend und froh werden, Tombola, Würstchen, Zingraf erwartet 300 Gäste. Eine Frau ihres Temperament gibt nicht klein bei. Experten von außen werde sie einschalten, um über die Zukunft der Kirche nachzudenken. Ihre Stimme hat einen gefährlichen Unterton. Der verheißt: Noch ist nichts entschieden.

Falls aber doch, haben Kirchengemeinderätin Zingraf und Katja Hold, Studentin der katholischen Theologie, längst anderes im Sinn. „Wir gehen rüber zu St. Mang.“ Das sei zwar eine evangelische Kirche. Aber dort werde man immerhin mit offenen Armen empfangen.

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