Zehn Jahre 9/11 : Spendensammler bereichern sich selbst

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zogen Sammler aus, um mit Geldspenden den Hinterbliebenen zu helfen. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Geholfen haben sich viele vor allem selbst.

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Es bleiben Erinnerungen. Fotowand mit Bildern von 9/11-Opfern im Tribute WTC Visitor Center am Ground Zero in New York. Foto: dpa-tmn
Es bleiben Erinnerungen. Fotowand mit Bildern von 9/11-Opfern im Tribute WTC Visitor Center am Ground Zero in New York.Foto: dpa-tmn

Vor zehn Jahren legten Terroristen das New Yorker World Trade Center in Schutt und Asche. Die Angriffe haben Amerika verändert. Aus dem Qualm von Ground Zero wuchsen eine erschütternde Islam-Paranoia, nervenzehrende Sicherheitskontrollen an Flughäfen, ein ungewöhnlich ignoranter Patriotismus, zwei Kriege und eine ungeheuerliche Staatsverschuldung – doch es gab auch Positives. Amerika spendete rasch und großzügig, um den Opfern zu helfen. Nur kam ein Großteil der milden Gaben nie irgendwo an.

Unmittelbar nach 9/11 wurde eine Großzahl gemeinnütziger Organisationen gegründet. In jahrelangen Kampagnen zogen sie mehr als 1,5 Milliarden Dollar ein. Um den Hinterbliebenen zu helfen, das Andenken der Opfer und der Helfer zu wahren, interreligiöse Zusammenarbeit zu fördern, Gärten zu pflanzen oder auch nur einen Erinnerungsteppich zu knüpfen. Plötzlich gab es unzählige Ideen, aus der Tragödie doch wieder einen Triumph zu machen. Es gab Motorrad-Rallyes und Konzerte, lange Reden und Schweigeminuten, und alles mit dem gleichen Ziel: Anderen Gutes zu tun, Familien in ihrem Schmerz zu helfen.

Eine aktuelle Untersuchung hat nun allerdings ergeben, dass zahlreiche Organisationen zwar erfolgreich Spenden sammelten, danach aber kläglich versagten. Viele können überhaupt keine Auszahlungen oder sonstige Erfolge nachweisen, einige haben das Geld in Personal gesteckt, manche sogar in die eigene Tasche. Einige Organisationen haben ihren gemeinnützigen Status verloren, weil sie keine Steuererklärungen einreichen und keine Details über ihre Arbeit vorlegen können – sie sammeln dennoch weiter.

Zu den dreistesten 9/11-Profiteuren gehört Reverend Lyndon Harris. Der Geistliche, der einer episkopalischen Gemeinde vorsteht, gründete die Organisation Sacred City und sammelte Spenden für einen „Garten der Vergebung“ an Ground Zero. Satte 200 000 Dollar nahm Harris ein, von denen er sich zunächst ein großzügiges Gehalt von 126 530 Dollar zahlte, dazu kamen mehr als 3 500 Dollar für Restaurantbesuche. Für den Garten blieb nicht viel übrig. Egal, denn mit den Planern in New York war ein solches Projekt ohnehin nie abgesprochen worden. Es gibt den Garten nicht, und geplant ist er auch nicht. Harris bezeichnet sein Projekt dennoch als Erfolg und erklärt: „Unsere Mission war vor allem, Vergebung zu lehren.“ Ganz symbolisch, versteht sich.

Ein Symbol sollte auch der „9/11 Memorial Quilt“ werden, eine in weiten Teilen der USA verbreitete Zierdecke im Patchwork-Stil. Die Idee stammte von Kevin Held, einem vorbestraften Handwerker aus Arizona, der für sein Projekt 713 000 Dollar sammelte. Von der gewaltigen Decke, die laut Broschüre so groß wie 25 Footballfelder werden sollte, gibt es bis heute nur ein paar Stoffquadrate in Helds Keller. Das Geld ist weg. Die größten Bilanzposten sind Helds Gehalt mit rund 230 000 Dollar und eine Zahlung von 50 000 Dollar an seine Mutter. Helds Brüder bekamen 12 000 Dollar als Beratungshonorar. Auffallend sind auch die Reisespesen. Held bewarb sein Projekt US-weit. Auf seinen Reisen ließ er sich stets von seinen Schlittenhunden begleiten, die über die Jahre mehr Flugmeilen gesammelt haben als manch ein Außendienstler.

Held ist sich keiner Schuld bewusst. „Ich habe da wohl ein paar Fehler gemacht“, gestand er im Interview mit der Nachrichtenagentur AP. „Ich hatte ja nie gesagt, dass ich mich mit solchen Projekten auskennen würde.“

Eiskalt zockte auch John Michelotti ab. Der Gründer der Organisation „Flag of Honor“ erfand eine solche „Ehrenfahne“, ein Sternenbanner mit den aufgedruckten Namen aller Opfer vom 11. September. Sentimentale Patrioten kauften das Stück – mehr als 300 000 Mal seit 2001 – für rund 20 Dollar. Stets im Glauben, dass der Erlös an die Hinterbliebenen der Helden ginge. Doch die sahen keinen Cent. Auch zehn Organisationen, die Michelotti auf seiner Webseite als Empfänger ausweist, darunter die Pfadfinder und ein Tafelladen für Bedürftige in New York, wurden insgesamt nur 15 000 Dollar ausbezahlt – etwa ein Viertelprozent aus dem Erlös der Flaggen.

Der Rest ging komplett in Michelottis Firma, die die Flaggen äußerst profitabel vertrieb, unter anderem über Großhändler wie Wal-Mart. Ein schlechtes Gewissen hat der Chef nicht. Immerhin seien hunderttausende Flaggen verkauft worden und „je mehr Flaggen da draußen hängen, desto mehr steigt das Andenken an die Leute“. Dass es gemeinnützigen steuerbefreiten Organisationen explizit verboten ist, Geld an profitorientierte Unternehmen zu geben, hat ihn bislang nicht gekümmert.

Auch die Biker der alljährlich stattfinden Motorradtour zu den drei 9/11-Unglücksstellen in Shanksville, Pennsylvania, am Pentagon und letztlich in New York kümmern sich herzlich wenig um den mageren Prozentsatz, den „America’s 9/11 Foundation“ an die Opfer und die Helden der Anschläge abführt. Für die fährt man zwar jährlich und kassiert Startgelder. Die gehen aber größtenteils für einen recht luxuriösen Trip drauf, bei dem die Organisation sämtliche Straßenzölle, die gesamte Verpflegung und in manchen Fällen sogar Hotelzimmer bezahlt. Mindestens 80 Prozent der steuerfreien Einnahmen gehen damit für die Veranstaltung drauf, höchstens ein Fünftel hat man bisher weitergegeben, einen guten Teil davon an Polizeistationen, denen man Motorräder spendierte.

In Onlineforen wird nun gefordert, dass die Justizbehörden Ermittlungen gegen die falschen Wohltäter aufnehmen.

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