Welt : Zeig’s ihnen – lieber nicht

Geste ist nicht gleich Geste: Was in einem Land als freundlich gilt, kann Menschen in einem anderen übel beleidigen

Annette Kögel

Gesten sagen mehr als Worte. Ein Handkuss, ein Schulterklopfen, das Kopfschütteln. Es ist die Sprache des Körpers, mit der wir uns verständigen, wenn Worte fehlen – oder auch besonders betont werden sollen. Man kann sich aber auch kräftig missverstehen, wenn man mit Händen und Füßen spricht. Wer auf Reisen geht, bekommt das zu spüren. Denn Gesten haben in verschiedenen Regionen der Welt verschiedene Bedeutungen: Andere Länder, andere Gesten.

Der mit Daumen und Fingern geformte Ring bedeutet in den USA und Nordeuropa: Okay, alles klar. Man sollte es aber bleiben lassen, auf diese Weise etwa einen Kellner in Belgien, Frankreich oder Tunesien zu loben. Der Mann könnte sauer werden. Für ihn bedeutet das: Sie sind eine totale Null.

Um nicht im Hotel, auf dem Markt oder bei seinen Gastgebern anzuecken, hilft es, sich nicht nur mit der Landessprache, sondern auch mit der Landeskörpersprache am Reiseziel zu beschäftigen. Cornelia Müller, Linguistin an der Freien Universität Berlin, weiß, in welchen Kulturkreisen sich welche Handzeichen entwickelt haben. Sie kennt Hunderte von Gesten, hat diese mit Kollegen der Internationalen Gesellschaft für Gestenforschung abgeglichen und die Ergebnisse in Aufsätzen und Büchern zusammengetragen. Die Welt verändert sich, und mit ihr die Art und Weise, wie man etwas mit dem Körper ausdrückt, hat sie festgestellt. Früher griff man symbolisch zu einem klobigen Hörer, um zu zeigen: Lass uns telefonieren. Heute, im Zeitalter der schnurlosen Telefone und Klapp-Handys, spreizt man nur noch den kleinen Finger und den Daumen am Ohr.

So ändern sich die Zeiten in den Gesten. Aber da wächst man hinein. Schwieriger wird es jenseits der eigenen Gesten-Grenzen. Beispiel Nicken: Das „Ja“ als Kopfbewegung wird in arabischen Ländern als klares „Nein“ interpretiert. Oft gibt es sogar noch mehr als nur zwei Bedeutungen. Unter Tauchern heißt der nach oben gestreckte Daumen: Ich will nach oben. Streckt man den Daumen an der Autobahn in die Höhe, hält ein freundlicher Fahrer – hoffentlich. Aber in den Mittelmeerländern, in Iran, Russland sowie Teilen von Afrika und Australien sollte man diese Geste lieber nicht benutzen. Sie gilt, zusammen mit dieser typischen Auf- und Ab-Bewegung, als öbszöne Beleidigung. Und in der Türkei als Einladung zu homosexuellem Geschlechtsverkehr.

Andererseits dürfen sich Männer in anderen Kulturkreisen durchaus näher kommen, ohne dass gleich vermutet wird, sie seien schwul. In Indonesien oder auch in der Türkei sieht man häufiger junge Männer Hand in Hand gehen. In arabischen Ländern zeigen Freunde damit, dass sie sich mögen. Ergreifen dort aber zwei Frauen ihre Hände, machen sie deutlich: Wir lieben uns.

Sexualität und sexuelle Anspielungen stehen ohnehin oft im Mittelpunkt der Körpersprache. Der horizontale, mit der Hand geformte Ring geht schon zurück aufs alte Griechenland und ist auf antiken Vasenmalereien oft als Motiv zu sehen. Zusammen mit einer Auf- und Ab-Bewegungen wird dieser Handgriff in vielen südlichen Ländern zur Beleidigung. Wird die Hand auf Bauchhöhe gehalten, deuten sich junge Leute seit kurzem in Südafrika an: Ich bin Aids-infiziert. Auch mit Fäusten kann man aneinander vorbei reden: Schlägt jemand im Mittleren Osten die geballte Faust in die offene Hand, zeigt dies die Bereitschaft zum Sex. Mit derselben Bewegung deutet man in Afrika an: Ich bin einverstanden. In Deutschland ist das Faust-in-die-Hand-schlagen jedoch nichts weiter als Ausdruck von Ärger.

Auch sprachlich gewandte Menschen wissen häufig nicht um polyglotte Körpersprache. Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Christian Wulff beispielsweise glaubte nach seinem Wahlsieg im Februar, er mache das Siegeszeichen, als er Zeige- und Mittelfinger zum Victory -„V“ spreizte . Allerdings zeigte er dabei den Handrücken. In Großbritannien, Australien, Neuseeland ist das ein übler Affront. Solch eine Geste zeigt man dort, wenn man hier zu Lande den „Effe“ macht, den abgespreizten Mittelfinger – über dessen Bedeutung zumindest in Deutschland wohl kein Zweifel herrscht.

Mehr über Gesten ist nachzulesen bei Desmond Morris, „Bodytalk. Körpersprache, Gesten und Gebärden“, erschienen im Heyne-Verlag.

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