Welt : Zeitumstellung: Gedehnte Zeit

Claudia Keller

In der Nacht zum Sonntag verabschiedet sich der Sommer endgültig: Die Uhren werden um eine Stunde auf Winterzeit zurückgestellt. In der entscheidenden Minute, während wir seelenruhig schlummern, wird in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig auf Hochtouren gearbeitet. Dort sitzen die Herrscher über die bundesdeutsche Zeit. "Am Sonntagmorgen, um 2.59 Uhr, haben wir genau eine Minute Zeit, um den Funkuhren den Impuls zu geben, dass sie auf 2 Uhr zurückspringen", sagt Andreas Bauch. Er leitet in der PTB das Zeitlabor und sorgt dafür, dass von dort die amtliche deutsche Zeit in Form von elektronischen Impulsen über verschlüsselte Datenleitungen in die Nähe von Frankfurt gesendet wird, wo eine 200 Meter hohe Antennenanlage die "Zeitzeichen" über elektromagnetische Langwellen in alle offiziellen Funkuhren der Deutschen Bahn, der Polizei, der Telekom, der meisten Behörden und Betriebe strahlt.

Dass uns im Frühjahr die Braunschweiger eine Stunde stehlen und im Herbst eine schenken, wurde erstmals 1978 vom Bundesinnenministerium beschlossen. Mittlerweile ist aber auch die Zeit keine nationalstaatliche Angelegenheit mehr, sondern wird in Brüssel geregelt. Dort hat man sich 1996 geeinigt, die Sommerzeit um einen Monat bis Ende Oktober auszudehnen.

Nicht nur die Zuständigkeiten, sondern auch die Argumente für die Einführung der Sommerzeit haben sich geändert. Noch vor zwanzig Jahren, während der Ölkrise, vor allem aber nach dem Ersten und während des Zweiten Weltkriegs wollte man mit der Sommerzeit vor allem Energie sparen. Heute bewirke die Zeitumstellung aber keine signifikanten Unterschiede im Stromverbrauch mehr, heißt es bei der Berliner BEWAG. Ob man beim Frühstück oder beim Abendbrot das Licht anmache, sei schließlich egal. "Die elektrische Beleuchtung macht heute nur noch etwa zehn Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus", erklärt Bernd Lichterbeck von der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke und fügt an: "Unser Lebensstil geht sowieso dahin, dass den ganzen Tag das Licht brennt, egal ob Sommer oder Winter." Die Befürworter der Sommerzeit argumentieren seit Mitte der neunziger Jahre mit der Unfall- und Überfallverhütung. Laut einer Studie im Auftrag der Europäischen Kommission gibt die geschenkte Stunde Tageslicht Alleinstehenden und älteren Menschen ein Gefühl der Sicherheit. Auch Kinder und Jugendliche können abends ausgehen und noch bei Tageslicht nach Hause kommen.

Aber Vorsicht: Daten des Statistischen Bundesamtes wiederum belegen, dass es montags und dienstags nach der Zeitumstellung zu einer auffälligen Unfallhäufung kommt! Und die Landwirte - schon immer die hartnäckigsten Gegner der Sommerzeit - sehen sich gefährdet, weil sie im Frühjahr in den dunklen Morgenstunden mit ihren Landmaschinen hantieren müssen. Je eingehender man sich allerdings mit dem Für und Wider die Sommerzeit beschäftigt, umso weniger lassen sich europaweite Schlussfolgerungen ziehen. Eine regelrechte Flut von Studien hat mittlerweile den Auswirkungen der Sommerzeit nachgespürt und festgestellt, dass das, was etwa für den Biorhythmus der Milchkühe in Frankreich gilt, längst nicht für die deutschen oder irischen zutreffen muss. Eine französische Studie hat einen Anstieg von Arztbesuchen nach dem Zeitwechsel im Frühjahr registriert, eine deutsche einen Rückgang.

Auch über die Frage, ob die Sommerzeit das Ozonloch vergrößert, gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist aber, dass sich überall in Europa die Tourismusbranche über die Sommerzeit freut, die das Gaststätten- und Hotelgeschäft belebt und sogar neue Arbeitsplätze schafft.

Was den menschlichen Biorhythmus angeht, kann für die kommende Woche auf jeden Fall Entwarnung gegeben werden. Sollten Sie am Montag müde sein, lässt es sich kaum auf die Zeitumstellung schieben, schließlich dürfen wir eine Stunde länger schlafen. Und das fünf Monate lang - bis die Zeitdiebe in Braunschweig am 25. März wieder eine Stunde holen. Auch nach 2001, wenn die derzeitige Vereinbarung ausläuft, wird es Sommerzeiten geben. Von Irland bis in die Türkei erwägt im Moment kein Land in Europa, daran etwas zu ändern. Die EU-Kommission nennt den Grund: Die Sommerzeit nützt den Freizeitbeschäftigungen. Man muss eben Prioritäten setzen.

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