Zu Hause arbeiten : Schweinehund im Arbeitszimmer

Es klingt nach großer Freiheit: seinem Beruf zu Hause nachzugehen. Von wegen. Nur Tricks und Disziplin retten vor Verschlampung im eigenen Arbeitszimmer.

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Illustration für den Tagesspiegel: Birgit Lang

Es ist 18 Uhr, und ich habe noch kein einziges Wort gesprochen. Meine Kehle ist belegt, und wenn ich an mir hinunterblicke, sehe ich ausgewaschene Jogginghosen und nackte Füße in Fellpuschen. Wobei ich mich weder in stationärer Behandlung noch in einem Schweigekloster befinde. Ein ganz normaler Tag in meiner Erwerbsbiografie geht zu Ende. Ich arbeite zu Hause.

Leute wie ich sind eigentlich die Zukunft der Arbeit. Flexibel und ortsunabhängig, früher hießen wir Freiberufler, heute digitale Boheme. Aber auch für viele Angestellte ist das Leben ohne festen Firmensitz inzwischen Alltag. Im amerikanischen Elektronikkonzern Best Buy etwa. Was zählt, ist „getting the job done“. Ob die Leute das im Büro oder im Badezimmer machen, ist den Chefs egal.

Ach, du hast es gut, höre ich oft von Kollegen. Du kannst auf dem Balkon arbeiten, und wenn du müde bist, legst du dich ein Ründchen aufs Sofa. Wir hingegen sitzen den ganzen Tag im Großraumbüro, trinken dünnen Filterkaffee, und wenn wir am Kopierer stehen, textet uns sicher Kollegin X zu. Was soll ich sagen? Für mich klingt das wie das Paradies.

Zu Hause zu arbeiten – das ist erst einmal eine Stille, die einen komisch im Kopf werden lässt. Zuerst spricht man nur mit sich selbst („Wie würdest du in den Text einsteigen?“). Dann spricht man mit jedem, den man erwischt („Danke, ich möchte an keinem Telefongewinnspiel teilnehmen. Wie würden Sie in den Text einsteigen?“). Irgendwann geht es einem wie dem Mann in Isolationshaft aus der „Schachnovelle“, der beginnt, im Geist gegen sich selbst zu spielen.

Und dann die Wohnung. Spuren von Arbeit, wohin man schaut. Auf dem Küchentisch stapeln sich Aktenordner, auf dem Sofa steht der aufgeklappte Laptop. Bücher neben der Badewanne, auf dem Nachttisch ein Text zum Korrekturlesen. Dabei arbeite ich noch nicht mal auf dem Bett wie die Kollegin vom Feuilleton, die nur im Liegen schreiben kann.

Arbeit ist Kraft mal Weg, sagt die Physik. Was aber, wenn der Weg null ist, weil man bei der Arbeit wohnt? Eine Freundin, die als Grafikdesignerin zu Hause arbeitet, geht deshalb jeden Morgen um halb neun aus dem Haus und dreht eine Runde um den Block. Wenn sie sich dann im Schlafzimmer an ihren Schreibtisch setzt, hat sie das Gefühl, zur Arbeit gegangen zu sein. Um 18 Uhr das gleiche Spiel, wobei sie während der Rushhour noch eine halbe Stunde Bus fährt. Danach kann sie es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.

Eine Kollegin, die in ihrer Maisonettewohnung in Tiergarten als Korrespondentin für eine ausländische Zeitung arbeitet, schließt ihr Tagwerk immer so ab: Sie verschließt die Tür zu ihrem Arbeitszimmer und zieht den Schlüssel ab. Dann geht sie nebenan ins Wohnzimmer mit den wandhohen Fenstern, gießt sich ein Glas Wein ein und guckt auf die Schiffe, die unten auf der Spree vorbeituckern. Mich erinnert das ein bisschen an den Mörder aus Edgar Allan Poes Geschichte „Das verräterische Herz“, der die Leiche unter den Dielen versteckt und die Dielen vernagelt. Trotzdem hört er immer noch das Herz des Getöteten pochen. Was ich damit sagen will: Arbeit verschwindet leider nicht aus der Wohnung, wenn man sie wegschließt.

Meine Wohnung ist Isolation und Versuchung zugleich. Das Nutellaglas sagt: Iss mich. Das Fenster sagt: Putz mich. Die Zehennägel sagen: Pediküre uns. Ein Sketch der amerikanischen Komikerin Ellen DeGeneres handelt davon, wie sie einmal zu Hause schreiben wollte. Ihr Blick fällt auf den verstaubten Schreibtisch, sie will einen Lappen holen, doch da sitzt ihre Katze, die so süß ist, dass sie sie erst noch streicheln muss. 45 Minuten später guckt sie an die Wand und beschließt, sie gelb zu streichen. Wer länger zu Hause gearbeitet hat, weiß zudem von einer Verschiebung in der Wahrnehmung von Distanzen zu berichten. Dinge, die einem nahe sind (Abwasch, ungeordnete Socken), werden als Priorität empfunden. Dinge, die weiter weg sind (Chef, Redaktion) als extrem unwichtig.

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