Zum Breivik-Prozess : „Mörder zu sein ist keine biologische Kategorie“

Seine Gutachten entscheiden mit, ob ein Lebenslänglicher freigelassen wird. Hans-Ludwig Kröber über Tötungsfantasien, Schuldfähigkeit und Anders Breivik.

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Hans-Ludwig Kröber
Hans-Ludwig KröberDoris Spiekermann-Klaas

Hans-Ludwig Kröber, 61, ist der bekannteste deutsche Kriminalpsychiater und Direktor der forensischen Psychiatrie an der Charité.
Seine Expertisen waren Teil spektakulärer Prozesse – den Vatikan beriet er zum Thema Pädophilie. Im Herbst erscheint sein Buch „Mord, Geschichten aus der Wirklichkeit“.

Herr Kröber, Anders Breivik muss sich für das Massaker in einem Jugendlager der norwegischen Arbeiterpartei sowie einen Bombenanschlag in Oslo vor Gericht verantworten. Er ist angeklagt wegen 77-fachen Mordes. Was muss in jemandem vorgehen, damit er zu so einer Tat fähig ist?

Schlimme Taten werden von Gesunden genauso begangen wie von psychotisch Kranken. Bei der psychiatrischen Beurteilung Breiviks kann es nicht darum gehen, ob die Tat verrückt ist, sondern nur, ob der Mann unabhängig davon krank ist.

Gibt es Indizien, die für eine Erkrankung Breiviks sprechen?

Dieses Grinsen als Breivik nach der Tat im Auto abtransportiert wird, das ist schon ein Ausdruck, der mir von Schizophrenen bekannt ist. Allein dieses Bild hätte mich auf die Idee gebracht, ach, das ist wohl einer von unseren.

Sie meinen, einer von denen, die hier nebenan in der geschlossenen Abteilung sitzen?

Praktisch die Hälfte derer, die in Deutschland im psychiatrischen Maßregelvollzug sitzen, also ungefähr 4000, sind schizophren Kranke, die eine Gewalttat begangen haben.

Sie sehen jemandem seine Verrücktheit an?

Nein, aber es ist ein Mosaiksteinchen, das passt. Er ist zufrieden mit dem, was er angestellt hat, und man sieht ihm das an. Er hat nicht den leisesten Begriff vom Ausmaß der Katastrophe. Das weist darauf hin, dass er von Anfang an überzeugt war, es geht für ihn weiter, und er bleibt eine zentrale Führungsgestalt in seinem Denkgefüge.

Heißt das: Schizophrene sind latent gefährlich?

99 Prozent sind ungefährlich. Wir reden hier von dem einen Prozent, die das nicht sind. Von denen gibt es einen stattlichen Anteil, die oft nach jahrelanger Krankheit aus einer akuten Verworrenheit irgendwelche impulsiven Taten begangen haben. Zwei von drei Berliner U-Bahnschubsern waren solche Fälle. Die haben plötzlich jemanden vor den einfahrenden Zug gestoßen.

Haben die ihre Tat begründet?

Später hat der eine gesagt, da waren diese Kameras, die hätten ihn beobachtet, dann kriegte er den Auftrag, er sollte jetzt etwas beweisen. Was genau, konnte er nicht mehr rekonstruieren. Und als er das Opfer im Gerichtssaal im Rollstuhl sitzen sah, glaubte er nicht, dass er irgendetwas mit dieser Tat zu tun hätte.

Er hielt sich nicht für krank?

Ich habe mal in der Uni-Klinik Heidelberg einen Kollegen untersuchen müssen. Der wurde mir aus einer Oberarztbesprechung heraus gebracht, weil er akut psychotisch sein sollte. Der Mann saß mir gegenüber und erklärte, Ihnen erzähle ich gar nichts. Wenn ich sage, was hier wirklich gespielt wird, glauben Sie ja nur, dass ich psychotisch bin.

War er es denn?

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