Welt : Zwei Leben in einem?

Landsleute aus Eritrea zweifeln am Kindersoldatenschicksal der Autorin des Bestsellers „Feuerherz“ Senait Mehari

Peter Disch

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Biografien rufen daher immer wieder ein Echo hervor, das weit über den Buchmarkt hinaus geht. Senait Meharis Bestseller „Feuerherz“ gehört dazu. Die in Eritrea geborene und in Berlin lebende Sängerin erzählt darin über ihre Zeit als Kindersoldatin der eritreischen Befreiungsfront (ELF). Das Buch verkaufte sich in Deutschland 400 000-mal. Lizenzausgaben erschienen in mehreren Ländern. Ein Spielfilm ist geplant.

Doch es gibt Zweifel an Meharis Biografie. Bei Lesungen kam es zu Disputen mit Landsleuten. In Deutschland lebende Exileritreer sammeln seit einem Jahr Zeitzeugenaussagen und anderes Material, um gegen das Buch vorzugehen. Eine zweite Gruppe mit demselben Ziel hat sich kürzlich in Schweden an die Arbeit gemacht.

Die seit 1997 gebräuchliche Definition des Begriffs „Kindersoldat“ besagt: „Ein Kindersoldat ist jede Person unter 18 Jahren, die Teil jeder Art von regulären oder irregulären bewaffneten Streitkräften oder bewaffneten Gruppen ist. Dabei ist es unerheblich, welche Funktion sie dort ausführt, dies schließt Köche, Träger, Boten … ein. Eine Beschränkung auf Kinder, die Waffen tragen oder Waffen getragen haben, ist daher ausgeschlossen.“ So steht es in einer Studie von Terre des Hommes.

„Die ELF war eindeutig eine militärische Organisation. Damit waren alle Lager und Einrichtungen der ELF militärischer Natur. Senait Mehari hat den beteiligten Organisationen gegenüber niemals behauptet, mit der Waffe an der Front gekämpft zu haben“, schreibt Andreas Rister von Terre des Hommes in einer Pressemitteilung, in der sich die mit ihr verbundenen Initiativen hinter Mehari stellen. Auch Senaits Kritiker bestätigen: Mehari war als Kind bei der ELF. Umstritten ist: Was hat sich dort abgespielt? Für die Kritiker geht es nicht um die Frage, ob man Mehari eine Kindersoldatin nennen darf oder nicht. Sie sprechen der in „Feuerherz“ dargestellten persönlichen Lebensgeschichte die Wahrhaftigkeit ab. War Senait in einer Einheit, in der „alles, was zwei Beine hatte und nur im Entferntesten eine Waffe tragen konnte, in einen Topf geworfen“ wurde? In der Kinder neben Erwachsenen kämpften? So steht es in „Feuerherz“. Oder lebte Mehari in einem Flüchtlingslager und einer Lagerschule der ELF, in die Soldaten und Zivilisten ihre Kinder brachten, weil sie dort unterrichtet und vor dem Krieg geschützt wurden? Das sagen die Kritiker.

„Feuerherz“ schildert Meharis Lebensweg so: Zwischen 1972 und 1974 während des eritreischen Befreiungskampfes gegen Äthiopien zur Welt gekommen, wächst sie in Heimen und bei Verwandten auf. Dann holt sie ihr Vater zu sich. Nach wenigen Monaten bringt er sie und zwei Halbschwestern „in ein Rekrutierungsbüro der ELF. „1980 kamen wir zu der bereits völlig hoffnungslosen Truppe“, schreibt Mehari. „Heute war der Tag, an dem wir zu kleinen Soldatinnen werden sollten.“ Mehari gehört drei Jahre zum „letzten Aufgebot“ der ELF. Sie bekommt nach einigen Monaten eine Kalaschnikow, muss bei Schießübungen mitmachen. Auf Menschen feuert sie nie, muss aber mit an die Front. Ein Onkel bringt Senait und ihre Schwestern dann im Sudan in Sicherheit. Später folgen die Mädchen ihrem Vater, der in Deutschland Asyl erhalten hat. Mehari geht ins Musikgeschäft. 2004 erscheint ihre Biografie. Seither engagiert sie sich noch stärker im Kampf gegen Missbrauch von Kindern für militärische Zwecke.

Für Elias Benifer ist das Buch „ein brutaler Rufmord“. Der 52 Jahre alte Eritreer lebt in Bayern. Als ELF-Kader baute er deren Schule auf und leitete sie. „Mit fünf Kindern hat es 1978 angefangen.“ Als die ELF 1981 Eritrea verließ, seien es über 1200 Kinder und Jugendliche gewesen. Dazu zählten laut Benifer etwa 45 Kinder im Alter von sechs bis zehn, die eine Gruppe namens „Che Guevara“ bildeten, zu der Mehari gehört habe. Wenn der Krieg näher rückte, sei die Schule zuerst evakuiert worden. Dass Kinder dort zu Soldaten ausgebildet wurden, bestreitet er. „Wenn Senait die Wahrheit sagt, muss ich eingesperrt werden. Weil ich die Verantwortung für die Schule hatte.“

Benifer spricht von etwa 20 Eritreern, die Mehari aus dem Lager kennen. Eine von ihnen ist Tsegereda Medhane aus Niedersachsen. Über den Alltag der „Che Guevara“, wie in „Feuerherz“ beschrieben, sagt die 34-Jährige: „Ich habe das gelesen. Ich war schockiert.“ „Feuerherz“ schildert zum Beispiel, wie Mehari Leichen aus einem Fluss bergen und begraben muss. Zu essen gab es „höchstens einmal täglich etwas, manchmal auch nur alle zwei, drei Tage einmal“. Aus schierer Not schlingt sie Gras und Erde hinunter.

Tsegereda Medhane wundert sich: „Was in ihrem Buch steht, habe ich so nicht erlebt. Ich war dabei.“ Und: „Ich habe nie eine Leiche gesehen. Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehabt. Auf uns wurde aufgepasst, damit wir nicht in den Krieg gerieten.“ Der heute in Berlin lebende, 34 Jahre alte Abraham Mehreteab sagt, er sei 1979 zu der Schule gekommen. An Senait erinnere er sich gut. Seine Erinnerung an das Lager ist eine andere: „Wir hatten eine eigene Köchin und Arbeiter, die das Wasser geholt haben.“ In der Schule wurden Sprachen, Geschichte oder Biologie unterrichtet.

Günter Schröder stützt diese Darstellungen. Der Historiker und Ethnologe aus Frankfurt am Main gilt international als größter Eritreakenner. Für ihn ist „Feuerherz“ ein „Machwerk“, bei dem um bruchstückhafte Erinnerungen eine Geschichte gewoben worden sei, „die sämtliche Klischees bedient, die der Westen von diesem Kontinent hat“.

Die sechs bis 14 Jahre alten Kinder wurden in der Schule „Pioniere“ genannt: „Die Pioniere wurden politisch indoktriniert: Die männlichen und weiblichen Kämpfer waren für die Kinder Vorbilder. Sie sind im Sport begeistert in Reih und Glied marschiert und haben die Soldaten imitiert.“ Aber: „Vornehmliches Ziel der Schule war Bildung.“ Es sei keine Zivilschule gewesen, sagt Schröder. „Sie war eingebettet in eine bewaffnete Befreiungsbewegung. Aber selbst wenn man sie als straff geführte Kadetteneinheit sieht: Eine Situation, wie Mehari sie schildert, existierte nicht.“

Für Mehari basiert die Kritik an ihrem Buch „eindeutig auf den ewig alten Propagandalügen von Ex-Revolutionären“. Das Lager war „keine Schule, in der es ums Lernen für das Abitur ging. Außerdem herrschte Krieg, es gab ständig Bombenalarm – es gab keinen regelmäßigen, regulären Unterricht zu der Zeit, doch darin besteht auch nicht mein Vorwurf. Der besteht darin, dass junge Menschen, Kinder und Jugendliche, gegen ihren Willen zu Soldaten gedrillt werden sollten“, kommentiert sie Schröders Einschätzung. Die Namen Abraham Mehreteab und Tsegereda Medhane habe sie „noch nie gehört“. Deren Schilderungen der ELF zeigten: „Die waren offensichtlich woanders, in jeder Beziehung.“

Peter Disch ist einer der beiden Autoren, die kürzlich im NDR-Magazin „Zapp“ die Zweifel an dem Buch von Senait Mehari enthüllten.

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