Welt : Zwischen den Sippen

Der Türke Sait Sanli hat eine besondere Gabe, Blutfehden in Anatolien zu beenden

Susanne Güsten[Istanbul]

Manchmal beginnt es mit einer Kuh, die auf einer fremden Weide grast. Manchmal geht es um einen Brand, der das Feld des Nachbarn zerstört. Manchmal ist die Liebe zweier junger Leute aus verfeindeten Familien der Anlass – Blutfehden, die Jahre oder sogar Jahrzehnte andauern können, kosten auch heute noch vielen Menschen in Südostanatolien das Leben. Doch es gibt Hoffnung. Der 62-jährige Sait Sanli hat sich als erfolgreicher Vermittler und Friedensstifter profiliert: Mehrere hundert Blutfehden hat der gelernte Metzger schon erfolgreich beendet. Zu Sanlis Spezialitäten gehören das geduldige Zuhören und eine mitunter sehr komplizierte Pendeldiplomatie zwischen verfeindeten Dörfern und Familien. Der Friedensschluss wird bei einem Festessen und einem feierlichen Schwur auf den Koran besiegelt. Rückfällig geworden ist bisher niemand.

Sanli hat am eigenen Leib erlebt, was Blutfehden anrichten können. Als kleiner Junge wurde er mit seiner Familie nach einem Streit mit einer anderen Sippe aus seinem Heimatdorf in der südosttürkischen Gegend bei Lice vertrieben. Nach dem Umzug in ein anderes Dorf wurde er auch dort Zeuge vieler Blutfehden. „Jeder Tod berührte mich, als hätte ich selbst als Mutter ein Kind verloren“, erzählt Sanli. Schon früh betätigte er sich als Vermittler. Die erste Blutfehde beendete Sanli vor mehr als 30 Jahren.

In den letzten Jahren machte er als erfahrener und gerechter Friedensstifter immer mehr von sich reden, so dass er sich mehr und mehr dieser Aufgabe widmete. Sanli gründete eine Friedenskommission, zu der auch islamische Geistliche zählen, und setzte sich ein ehrgeiziges Ziel: Er will alle Blutfehden in der Region beenden. Seitdem steht sein Telefon nicht mehr still. „Mangelnde Bildung und Armut“ antwortet Sanli auf die Frage, warum der türkische Südosten auch heute noch unter den Blutfehden leidet.

Auge um Auge, Zahn um Zahn – nach diesem archaischen Muster pflanzen sich selbst anfänglich belanglose Streitigkeiten zwischen den Sippen immer weiter fort und werden zu unlösbaren Problemen. Ein Verkehrsunfall, bei dem das Mitglied einer anderen Familie zu Schaden kommt, ausstehende Schulden oder ein Streit über die Grenzziehung zwischen den Grundstücken zweier Clans können bis zum Mord eskalieren. Die Beteiligten finden nur selten einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt, auch wenn der ursprüngliche Anlass längst vergessen ist.

Sanli kann helfen, aber er knüpft seine Vermittlerdienste an eine Bedingung, über die er nicht mit sich reden lässt: Wenn ein Gewaltverbrechen vorliegt, muss sich der Täter der Justiz stellen. Ist das geschehen, hört Sanli erst einmal allen Beteiligten zu und versucht ihnen klar zu machen, dass Blutfehden zu nichts führen. „Ich sage ihnen, dass das Problem immer schlimmer wird.“ Kompliziert wird es, wenn es mehr als zwei Streitparteien gibt. Unvergessen bleibt für Sanli ein drei Jahre zurückliegender Fall: Der Anlass jener Blutfehde war ein Feuer, das auf ein benachbartes Grundstück übergesprungen war; der daraus resultierende Kleinkrieg hatte über die Jahre zum Tod von acht Menschen geführt. Nicht weniger als elf Familien aus sechs Dörfern mussten miteinander versöhnt werden. Nach sieben Monaten und unzähligen Gesprächen hatte Sanli es geschafft – seine bisher schwierigste Mission.

Zur erfolgreichen Vermittlung gehört die feierliche Versöhnung. Dabei reichen sich die Streithähne und der Vermittler beim Festschmaus die Hände. Ein Geistlicher hält einen Koran in die Höhe, und alle Beteiligten müssen unter dem Heiligen Buch herschreiten. Damit sind sie an ihr Wort gebunden. Sanlis Erfolge sprechen für sich: 419 Familien hat er nach eigener Zählung bisher den Frieden gebracht, aus einem Landkreis in der Nähe von Diyarbakir sind Blutfehden inzwischen völlig verschwunden. Dem Friedensbringer bleibt aber noch viel Arbeit. Er wisse von 98 noch ungelösten Blutfehden, sagt Sanli.

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