Welt : Zwischen Frankfurt und Lille liegen Welten

Daniel Freudenreich

Die deutschen Bahnhöfe sind europaweit die besten. Während Service, Sicherheit und Sauberkeit an den inländischen Stationen zufrieden stellen, gleicht manch ein Hauptbahnhof im Ausland einem kosmetischen Pflegefall. Zu diesem Ergebnis kam der Allgemeine Deutsche Automobilclub ADAC in seiner Studie "Eurotest". Zusammen mit seinen Partnerclubs im Ausland prüfte er die 23 wichtigsten Bahnhöfe.

Eine gute Überwachung und kurze Wege zu den Bahnsteigen zeichnen den Frankfurter Hauptbahnhof aus. Dennoch musste sich Testsieger Frankfurt mit 726 von 850 möglichen Punkten begnügen. Täglich 350 000 Besucher fordern ihren Tribut von der Einrichtung, die nach Ansicht des ADAC "stark abgenutzt" wirkt. Ein 125 Millionen Euro teures Lifting der Anlage soll Abhilfe leisten. "Alle fünf Bahnsteighallen werden ab Mai diesen Jahres bis 2005 saniert", erklärt der Sprecher der Deutschen Bahn, Gerd Felser.

Die Nachwehen der Weltausstellung Expo 2000 reichen bis zum Hauptbahnhof von Hannover - im positiven Sinne. "Mustergültig ausgerüstet und modernisiert" präsentiert sich der zweite Sieger im ADAC-Test.

Von solch einem Ergebnis kann man in Stuttgart nur träumen. Als Siebtplatzierter lag der Hauptbahnhof in der Kategorie Sicherheit unter dem europäischen Durchschnitt. Nach Angaben des ADAC sei eine Videoüberwachung nur in der Haupthalle vorhanden. Kein Grund zur Besorgnis sieht darin die Sprecherin der Bahn, Ursula Eickhoff. Das Sicherheitspersonal am Bahnhof stelle "mehr als einen Ausgleich" für Kameras dar. Desweiteren werde man 30 Überwachungskameras für eineinhalb Millionen Euro installieren. Ganz nebenbei: "Wir freuen uns, dass wir dort stehen", meinte Eickhoff zum 7. Platz.

15 Millionen Euro hat die Deutsche Bahn AG bis zum Frühjahr dieses Jahres zur Modernisierung in den Hamburger Hauptbahnhof gepumpt. Eine Frischzellenkur, die den Testsieger in der Kathegorie Information auf den dritten Platz im Test hiefte. Ein zweifelhaftes Vergnügen bescherte den ADAC-Prüfern hingegen die Kontrolle der "stillen Örtchen", deren Hygiene-Verhältnisse sie als "bedenklich" einstuften.

In München fanden die Prüfer zwar videoüberwachte Bereiche, ein breites Angebot an Serviceeinrichtungen und Frauen-Langzeitparkplätze vor. Eine bessere Platzierung als den vierten Rang verhinderte die teure Ladenzeile und der Komfort, der der Studie zufolge zu wünschen übrig ließ.

Gäbe es einen Schönheitswettbewerb für Bahnhöfe, dann wäre der Vertreter aus Leipzig wohl unangefochtener Sieger. Mit neuem Make-Up macht das 1995 renovierte Gebäude einen "prachtvollen Eindruck". Abgewatscht wird allerdings das Personal von den Münchner Prüfern: Es sei weder zuvorkommend noch hilfbereit gewesen und habe Auskünfte nur zögerlich gegeben.

Kritik schickte der ADAC auf die Schienen nach Österreich, Holland und Frankreich. Mit einem "umfassenden Angebot an Dienstleistungen" kann der Wiener Westbahnhof zwar glänzen, dafür suchte der ADAC Frauenparkplätze, Reisezentrum und Videoüberwachung vergeblich. Mit Platz 20 liegt der Westbahnhof direkt von seinem Zwillingsbruder im Süden der Mozartstadt. Weder Reisezentrum noch Gepäckträger warten auf den Reisenden, dafür ein "subjektiv nicht sauberes" Umfeld. Die Schlusslichter bilden der Centraal-Bahnhof in Amsterdam und die Haltestation im französischen Lille - kostmetisch gesehen zwei Pflegefälle.

Wer in Amsterdam in den Zug steigt, entflieht einem "schmuddeligen Umfeld" um Stunden später in Lille einen "sehr ungepflegten" Bahnhof vorzufinden. Informationspersonal sucht man hier ebenso vergeblich wie Mülleimer an den Bahnsteigen und Überwachungskameras. Schwer bewaffnete Soldaten patroullierten dafür mit Maschinengewehren auf dem Gelände, als der ADAC unterwegs war. Sicherheit wird in Lille eben anders definiert.

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